DIGICON Gewinner AUSBILDUNGSKOMPASS.DE im Interview

Ausbildungskompass.de wurde kürzlich als Awardgewinner der DIGICON 2025 ausgezeichnet. Wie seid ihr ursprünglich auf die DIGICON aufmerksam geworden – und welche Eindrücke habt ihr von der Veranstaltung und dem Austausch vor Ort mitgenommen?
Die DIGICON wurde uns empfohlen und war geprägt von einem starken Innovationsgeist und einer offenen, positiv neugierigen Atmosphäre. Besonders spannend war das Interesse des Publikums am Thema Berufsorientierung. Viele Besucher wissen aus eigener Erfahrung, wie prägend und gleichzeitig schwierig die Phase der beruflichen Orientierung ist – entsprechend groß war die Neugier darauf, welche neuen digitalen, bahnbrechenden Lösungen mit dem Ausbildungskompass entstehen.
Euer Portal verknüpft digitale Tools wie den AusbildungsCoPilot und den Berufecheck, um junge Menschen bei der Berufsorientierung zu unterstützen – was unterscheidet euer Konzept von klassischen Printmagazinen und anderen Online-Jobbörsen und wie schafft ihr echten Mehrwert für Jugendliche und Unternehmen?
Wir haben einen digitalen Kosmos der Berufsorientierung geschaffen, der erstmals Schüler, Lehrer und Unternehmen auf einer Plattform zusammenführt. Jugendliche testen ihre Stärken und Interessen, erhalten passende Berufsvorschläge und sehen sofort, welche Unternehmen genau diese Berufe in ihrer Region ausbilden. Gleichzeitig erkennen sie, ob das Unternehmen aktuell Praktikumsplätze anbietet – und können sich direkt bewerben. Die Lehrkraft integrieren das Tool in den Unterricht und begleiten.
Die Innovation liegt in der systematischen Verbindung zu einem durchgängigen digitalen Erlebnis. Berufsorientierung wird damit von einer fragmentierten Suche nach Informationen zu einem klar strukturierten Prozess: begleiten, entdecken, verstehen, ausprobieren und bewerben – alles auf einer Plattform.
Welche daten- oder technologiegestützten Mechanismen nutzt ihr, um die Passung zwischen jungen Talenten und passenden Ausbildungswegen zu verbessern und wie messt ihr den Impact dieses Matchings?
Die Passung zwischen Jugendlichen und Ausbildung entsteht im Ausbildungskompass durch ein datenbasiertes Zusammenspiel aus Stärkenanalyse, regionalen Ausbildungsinformationen und digitalem Matching. Ausgangspunkt ist ein Stärken– und Interessentest, der Jugendlichen zeigt, welche Berufsfelder zu ihren Fähigkeiten passen. Diese Ergebnisse werden anschließend mit Berufen und Ausbildungsangeboten in der jeweiligen Region verknüpft – so sehen die Jugendlichen unmittelbar, welche Unternehmen genau diese Berufe tatsächlich ausbilden und welche Praktikumsplätze verfügbar sind.
Der Impact dieses Matchings zeigt sich auf mehreren Ebenen. Zum einen sehen wir in den Daten der Plattform, wie viele Praktika gebucht, Bewerbungen versendet und Kontakte zwischen Jugendlichen und Unternehmen hergestellt werden. Zum anderen entsteht erstmals ein fundierter Überblick darüber, welche Berufe in einer Region tatsächlich nachgefragt werden, wo Interesse und Angebot zusammenpassen – und wo Lücken bestehen. Diese Erkenntnisse helfen Schulen, Unternehmen und regionalen Akteuren, Berufsorientierung gezielter zu steuern und langfristig bessere Entscheidungen für Ausbildung und Fachkräftesicherung zu treffen.
Wie integriert ihr Nachhaltigkeit in euer Geschäftsmodell – z. B. bei der Förderung regionaler Ausbildungsplätze, der Zusammenarbeit mit lokalen Akteuren oder durch langfristige Qualifizierungseffekte für den Arbeitsmarkt?
Nachhaltigkeit verstehen wir primär als strukturelle Nachhaltigkeit für Arbeitsmarkt, Bildungssystem und regionale Wirtschaftsräume. Eine der zentralen Herausforderungen ist, dass der Fachkräftebedarf der Unternehmen und die berufliche Orientierung junger Menschen häufig nicht zusammenfinden. Der Ausbildungskompass schafft hier Transparenz, indem er sichtbar macht, welche Berufe passen, in der unmittelbaren Umgebung ausgebildet werden und welche Unternehmen dahinterstehen. Praktika spielen dabei eine zentrale Rolle, weil sie reale Einblicke ermöglichen und fundiertere Berufsentscheidungen fördern.
Ein weiterer Baustein ist die enge Zusammenarbeit mit Wirtschaftsförderungen, Schulen sowie Kammern wie IHK und HWK, wodurch die Plattform in regionale Bildungs- und Wirtschaftsstrukturen eingebettet wird. So entsteht ein System, das nicht nur vermittelt, sondern langfristig zu stabileren Ausbildungsverhältnissen, besserer Orientierung und nachhaltiger Fachkräftesicherung beiträgt.
Nachhaltigkeit wird oft nicht nur ökologisch, sondern auch sozial verstanden – wie definiert ihr „gesellschaftlichen Impact“ für euer Unternehmen bzw. euer Projekt und wie sorgt ihr dafür, dass eure digitalen Lösungen nicht nur technologisch fortschrittlich, sondern auch inklusiv und zugänglich für möglichst viele Zielgruppen sind?
Nachhaltigkeit im sozialen Sinn heißt für uns, möglichst vielen jungen Menschen – unabhängig von Herkunft, Sprache oder individuellen Startbedingungen – den Weg in die Ausbildung zu zeigen. Gerade im Übergang von Schule zu Beruf entstehen häufig Barrieren, die weniger mit Talent als mit fehlenden Informationen, Netzwerken oder Unterstützung zu tun haben. Genau hier setzt unsere Plattform an.
Der Ausbildungskompass schafft Transparenz über Ausbildungswege und verbindet Jugendliche mit Unternehmen, die bereit sind, unterschiedliche Lebensrealitäten mitzudenken. Betriebe können beispielsweise angeben, ob sie inklusive Ausbildungsplätze anbieten oder gezielt Jugendlichen eine Chance geben, die sprachliche Defizite haben oder besondere Unterstützung benötigen. Diese Informationen stehen Lehrkräften und Berufsberaterinnen und -beratern in ihrem Dashboard zur Verfügung und ermöglichen eine gezieltere Begleitung der Jugendlichen.
Die Plattform ist barrierefrei aufgebaut und vollständig mehrsprachig nutzbar. Inhalte lassen sich in zahlreiche Sprachen übersetzen – immer dann wichtig, wenn Jugendlichen mit internationaler Familiengeschichte in der Klasse sind.
Anschließend: Wie nutzt ihr Nutzer-Feedback und Daten, um eure Plattform kontinuierlich zu verbessern? Gibt es spezielle Funktionen oder KI-basierte Features, die ihr in Zukunft einführen wollt, um den Impact zu steigern?
Die Weiterentwicklung vom Ausbildungskompass basiert auf einem kontinuierlichen Austausch mit den Menschen, die täglich damit arbeiten: Lehrkräfte, Unternehmen, Wirtschaftsförderungen und Schulen. In regelmäßigen Feedbackrunden analysieren wir, welche Funktionen im Schulalltag und im Recruitingprozess wirklich Wirkung entfalten. Diese Rückmeldungen fließen direkt in die Weiterentwicklung der Plattform ein.
Besonders stark wächst die Nachfrage nach Matching- und Begegnungsformaten, die Jugendliche und Unternehmen zielgerichtet zusammenbringen. Daraus entstehen neue Funktionen wie digital organisierte Unternehmens-Bustouren, bei denen Schüler mehrere Betriebe kennenlernen, oder Bewerbertage an Schulen, bei denen Unternehmen direkt Gespräche mit potenziellen Auszubildenden führen können.
Unser technologischer Ansatz versteht sich dabei als Brückenbauer: Wir digitalisieren Orientierung, Matching und Organisation – damit mehr Raum für das entsteht, was am Ende entscheidend ist: persönliche Begegnung zwischen jungen Menschen und Unternehmen. Die starke Nachfrage aus vielen Regionen bestätigt diesen Ansatz und treibt uns an, die Plattform kontinuierlich weiterzuentwickeln.
Inwiefern spielen Kooperationen mit Schulen, Kammern und lokalen Partnern eine Rolle dabei, euren gesellschaftlichen Impact langfristig zu erhöhen? Gab es schon einmal einen konkreten Moment oder ein Nutzer-Feedback, das euch gezeigt hat: „Unser Produkt verändert wirklich etwas im Leben junger Menschen“?
Fachkräftesicherung funktioniert am besten im Zusammenspiel mehrerer Akteure. Deshalb arbeiten wir bewusst nur in Regionen, in denen Schulen, Wirtschaftsförderungen und Kammern für ein gemeinsames Handeln zusammenwachsen möchten. Berufsorientierung ist ein Prozess, der sich mit der persönlichen Entwicklung junger Menschen entfaltet. Praktika, Gespräche mit Unternehmen und neue Erfahrungen verändern Perspektiven – und genau diese Entwicklung begleiten wir digital.
Dass unsere Arbeit tatsächlich Leben verändert, erleben wir immer wieder. Besonders in Erinnerung geblieben ist uns Annalena. Sie hatte die Schule abgebrochen und war über Monate völlig orientierungslos. Über unsere Plattform erstellte sie zunächst ihre Bewerbungsunterlagen und probierte verschiedene Praktika aus, die ihr Freunde und Familie empfohlen hatten. Doch der Funke sprang nicht über. Erst der Stärkentest brachte eine neue Perspektive: Anästhesietechnische Assistentin. Heute absolviert sie diese Ausbildung mit großer Motivation. Aus einer unsicheren jungen Frau ist eine selbstbewusste Persönlichkeit geworden, die ihren Platz gefunden hat – genau solche Geschichten zeigen uns, warum wir tun, was wir tun.
Welche gesellschaftlichen Herausforderungen seht ihr in eurem Bereich (z. B. Digitalisierung der Berufsorientierung) und wie geht ihr damit um?
Eine zentrale gesellschaftliche Herausforderung in der Berufsorientierung ist heute die Geschwindigkeit des Wandels. Digitalisierung, KI und der Umbau ganzer Branchen verändern Berufsbilder schneller, als Orientierungssysteme Schritt halten können. Jugendliche stehen vor einer Vielzahl an Möglichkeiten, während viele Informationen fragmentiert und schwer einzuordnen sind.
Gleichzeitig gibt es auch auf Unternehmensseite eine Herausforderung: Am anderen Ende des Bildschirms sitzt oft ein Unternehmer, der aus einer anderen digitalen Erfahrungswelt kommt. Während Jugendliche intuitive, schnelle und visuelle Prozesse erwarten, arbeiten viele Betriebe noch mit klassischen Recruitingstrukturen. Diese beiden Welten müssen zusammenfinden.
Der Ausbildungskompass dient dabei vor allem einem Ziel: Orientierung zu vereinfachen und Begegnung zwischen jungen Talenten und Unternehmen möglichst passgenau zu machen.
Welche Zukunftsvision habt ihr für digitale Berufsorientierung – und wo seht ihr die größten Chancen und Risiken in den kommenden fünf Jahren? Wie denkt ihr über Ausbildungs-Transformation im Kontext von Digitalisierung & nachhaltiger Arbeitswelt?
Unsere Vision ist, dass digitale Berufsorientierung sich von einzelnen Informationsangeboten zu einer dauerhaften Infrastruktur zwischen Schule und Arbeitswelt entwickelt. Jugendliche sollen früh ihre Stärken entdecken, Berufe real erleben und Schritt für Schritt verstehen, welche Möglichkeiten tatsächlich zu ihnen passen.
Die größte Chance der nächsten Jahre liegt darin, dass Digitalisierung Orientierung präziser und regionaler machen kann. Jugendliche sehen, welche Ausbildungsberufe tatsächlich in der Nähe verfügbar sind und wie sich die verantwortlichen Unternehmen präsentieren. Unternehmen wiederum können frühzeitig mit potenziellen Nachwuchskräften in Kontakt treten und Ausbildung stärker strategisch denken.
Ein Risiko sehen wir darin, dass Berufsorientierung zu technisch gedacht wird. Technologie kann Prozesse strukturieren, ersetzt aber nicht das Gespräch und das Praktikum.
Ausbildungs-Transformation bedeutet für uns, junge Menschen auf eine Arbeitswelt vorzubereiten, die sich ständig verändert – und gleichzeitig Regionen zu stärken, indem junge Talente ihre Perspektiven vor Ort entdecken. Digitale Berufsorientierung kann so zu einem wichtigen Baustein für eine nachhaltige und zukunftsfähige Arbeitswelt werden.
Was ratet ihr anderen Digital-Innovatoren, die ebenfalls gesellschaftlich relevante Herausforderungen adressieren wollen?
Unser wichtigster Rat ist, gesellschaftliche Herausforderungen nicht nur technologisch zu betrachten, sondern systemisch zu verstehen. Viele Probleme entstehen nicht durch fehlende Ideen, sondern durch fehlende Verbindung zwischen den Akteuren. Wer echte Wirkung erzielen möchte, muss deshalb die Perspektiven aller Beteiligten einbeziehen – Nutzerinnen und Nutzer, Institutionen, Unternehmen und gesellschaftliche Rahmenbedingungen.
Gleichzeitig lohnt es sich, nah an der Realität der Menschen zu arbeiten, für die man Lösungen entwickelt. Viele der besten Innovationen entstehen nicht im Labor, sondern im direkten Austausch mit denjenigen, die täglich mit dem Problem konfrontiert sind.
Und schließlich braucht gesellschaftliche Innovation Geduld. Wirkung entsteht selten sofort, sondern wächst über Zeit – durch Vertrauen, Zusammenarbeit und kontinuierliche Weiterentwicklung. Wer diesen langen Atem mitbringt, kann mit digitaler Innovation tatsächlich nachhaltige Veränderungen anstoßen.











Um einen Kommentar zu hinterlassen müssen sie Autor sein, oder mit Ihrem LinkedIn Account eingeloggt sein.