Anpassung statt Apokalypse

Michael Lippert vom MarTech POSITIVE (ehemals Sarbacane) ist sich sicher, dass die viel zitierte „SaaS-Apokalypse" durch KI unwahrscheinlich ist, denn Unternehmen bezahlen nie nur für Code, sondern für zuverlässige, sichere und regulatorisch konforme Lösungen und jahrelange Erfahrung. Statt einer Verdrängung erleben wir seiner Ansicht nach zunehmend eine Verschiebung der Wertschöpfung: Kunden erwarten künftig Software, die aktiv Aufgaben übernimmt und Prozesse automatisiert, statt nur Daten zu verwalten. Gefährdet sind vor allem spezialisierte Einzellösungen, während tief in Geschäftsprozesse integrierte Plattformen widerstandsfähig bleiben. Zugleich senkt KI die Hürden für Prototypen und Wettbewerb erheblich – wovon aber nicht automatisch die etablierten Anbieter profitieren. Das wahrscheinlichste Szenario ist aber keine Revolution, sondern eine Phase der Evolution.
Von   Michael Lippert   |  Business Development / Marketing   |  POSITIVE GROUP
2. Oktober 2026

Anpassung statt Apokalypse

Warum die Bedrohung von SaaS durch Künstliche Intelligenz neu bewertet werden sollte

 

 

 

  • Der SaaS-Markt befindet sich fraglos am Anfang einer Phase tiefgreifender Veränderungen.
  • Eine „Apokalypse“ ist jedoch unwahrscheinlich, denn Kunden erwarten auch im KI-Zeitalter weiterhin getestete, zuverlässige und Datenschutz-konforme Lösungen.
  • Lösungen, die tief in Geschäftsprozesse integriert sind und dadurch echten Mehrwert schaffen, haben die besten Überlebenschancen.
  • In Bereichen wie Support und Kundenservice dürfte sich der Wettbewerb hingegen verschärfen.

Die Vorstellung, dass Künstliche Intelligenz die gesamte „Software as a Service“-Branche (SaaS)  bedroht, sorgt schon seit einiger Zeit für aufmerksamkeitsstarke Schlagzeilen. Die Realität der Markttransformation ist jedoch deutlich komplexer. Es hat eine gewisse Ironie, dass ein Teil der besonders dramatischen Prognosen über das Ende von SaaS inzwischen selbst von KI generiert wird. Die sogenannte „SaaS-Apokalypse“ beschreibt die These, dass KI ganze Kategorien von Unternehmenssoftware praktisch über Nacht überflüssig machen wird. Das ergibt zwar eine zugespitzte und klick-trächtige Überschrift, tatsächlich beschreibt es aber kaum die wahrscheinliche Zukunft dieser Branche.  Vielmehr ist von einer Phase tiefgreifender Evolution auszugehen – manche Anbieter passen sich erfolgreich an, andere verlieren Marktanteile oder verschwinden. Kunden erwarten auch im KI-Zeitalter zurecht sorgfältig getestete, zuverlässige und datenschutzkonforme Lösungen, die Compliance- und Audit-Anforderungen genügen und hoch verfügbar sind.

 

Der Markt reagiert – aber worauf eigentlich?

Softwareaktien haben in den vergangenen Monaten in der Tat erhebliche Verluste verzeichnet. Viele bekannte Unternehmen notieren deutlich unter ihren Höchstständen, und die Verkäufe erfolgten oft pauschal – starke Unternehmen wurden dabei ebenso abgestraft wie schwächere. Betrachtet man jedoch die Fundamentaldaten, ergibt sich ein anderes Bild: Viele Softwareunternehmen wachsen weiterhin solide, und in manchen Bereichen beschleunigt sich das Geschäft sogar. Womit die Märkte tatsächlich ringen, ist weniger die Gegenwart als die Zukunft. Die zentrale Sorge lautet, dass KI nicht nur die Entwicklung von Software verändert, sondern die eigentliche Arbeit, die Software unterstützt, grundlegend neu definiert. Diese Sorge ist keineswegs irrational. Sie bedeutet jedoch nicht automatisch, dass die Branche vor dem Zusammenbruch steht.

Ein weiteres Problem besteht darin, dass viele Investoren – selbst professionelle Anleger – die Produkte, in die sie investieren, nie selbst genutzt haben. Unternehmenssoftware wird dadurch zur Projektionsfläche: Statt die tatsächlichen Funktionen und Einsatzbereiche zu verstehen, projizieren viele Beobachter ihre generellen Hoffnungen oder Ängste auf die Branche.

Ein Großteil dieser Befürchtungen basiert auf der Annahme, dass KI in der Lage sein wird, Software künftig so schnell und kostengünstig erstellen kann, dass der Kauf standardisierter Lösungen überflüssig wird. Das klingt zunächst plausibel, greift jedoch zu kurz und verkennt, wie Software tatsächlich entsteht und welchen Mehrwert Unternehmen dafür bezahlen.

 

Software besteht aus weit mehr als nur Code

Moderne KI-gestützte Entwicklungswerkzeuge sind beeindruckend. Software lässt sich heute deutlich schneller und günstiger entwickeln als noch vor wenigen Jahren, und dieser Trend wird sich fortsetzen. Doch Unternehmen haben nie ausschließlich für Quellcode bezahlt. Sie bezahlen für zuverlässige Lösungen, die im großen Maßstab funktionieren, regulatorische Anforderungen erfüllen, sich nahtlos in bestehende Systeme integrieren lassen und für die im Problemfall jemand Verantwortung übernimmt.

Daran hat sich nichts geändert. Bevor überhaupt eine Zeile Code geschrieben wird, müssen Prozesse analysiert, Anforderungen definiert und Geschäftsabläufe verstanden werden. KI erzeugt dieses Wissen nicht selbst – sie benötigt es als Eingabe. Hinzu kommen umfangreiche Tests, die bei KI-generierten Ergebnissen sogar noch wichtiger werden. Sicherheit, Datenschutz, Compliance-Vorgaben, Auditierbarkeit und eine hochverfügbare Infrastruktur bleiben weiterhin unverzichtbar.

Vor diesem Hintergrund erscheint der Austausch etablierter Plattformen gegen neu entwickelte Alternativen deutlich weniger attraktiv, als manche Prognosen vermuten lassen. Was in einer Produktdemo beeindruckend aussieht, kann unter realen Bedingungen schnell an seine Grenzen stoßen: bei hohen Nutzerzahlen, großen Datenmengen oder kritischen Geschäftsprozessen. Etablierte SaaS-Anbieter haben diese Lernkurve oft bereits durchlaufen – häufig über viele Jahre hinweg. Ein wesentlicher Teil dessen, wofür Kunden bezahlen, ist genau diese gewonnene Erfahrung.

 

Was KI tatsächlich verändert

Das bedeutet aber keineswegs, dass SaaS-Anbieter sich zurücklehnen können. Der Wandel ist real – er äußert sich jedoch eher in einer Veränderung der Wertschöpfung als in einer vollständigen Verdrängung. Über Jahrzehnte hinweg orientierten sich Softwarepreise vor allem an Nutzerzahlen und Speicherplatz. Das war sinnvoll, solange Software primär Informationen speicherte und zugänglich machte. Mit KI ändern sich aber jetzt die Erwartungen.

Unternehmen wollen heute nicht mehr nur Systeme, die Daten verwalten. Sie erwarten Software, die aktiv Aufgaben übernimmt: Prozesse automatisiert, Erkenntnisse liefert, manuelle Arbeit reduziert und Entscheidungen beschleunigt.

Dadurch geraten diejenigen Anbieter unter Druck, die lediglich KI-Funktionen auf Plattformen aufsetzen, deren Grundarchitektur aus einer anderen technologischen Ära stammt. Kunden erkennen zunehmend den Unterschied zwischen echter Transformation und bloßer Erweiterung bestehender Produkte – und dieses Bewusstsein beeinflusst bereits Vertragsverlängerungen und Kaufentscheidungen.

 

Die neue Geschwindigkeit des Experimentierens

Eine der am häufigsten unterschätzten Veränderungen durch KI betrifft die drastisch gesunkenen Kosten und die deutlich höhere Geschwindigkeit bei der Entwicklung neuer Ideen. Noch nie war es so einfach, einen funktionierenden Prototypen zu erstellen. Auch Menschen ohne tiefgehende technische Kenntnisse können heute Lösungen entwickeln, die zwar nicht perfekt sind, aber ausreichend gut funktionieren, um reale Probleme zu testen, erste Kunden zu gewinnen und ihre Praxistauglichkeit unter Beweis zu stellen.

Doch diese Entwicklung hat zwei Seiten. Einerseits steigt der Wettbewerb. Die Hürden für interne Softwareprojekte oder neue SaaS-Produkte sind erheblich gesunken. Andererseits eröffnet sie Menschen mit ausgeprägtem Produktverständnis und hoher Umsetzungsgeschwindigkeit neue Chancen. Statt lange Spezifikationen zu schreiben, können Ideen direkt als Prototyp umgesetzt und am Markt getestet werden. Der Ansatz lautet deshalb zunehmend: „Prototyp statt Konzeptpapier“. Das verändert die Spielregeln – und etablierte Anbieter sind nicht automatisch diejenigen, die davon am meisten profitieren.

 

Nicht jede Software ist gleichermaßen gefährdet

Die Risiken unterscheiden sich erheblich zwischen einzelnen Softwarekategorien. Lösungen, deren Preisgestaltung eng an die Anzahl der Mitarbeitenden gekoppelt ist – etwa bestimmte Kundenservice- oder Supportplattformen -, könnten unter Druck geraten, wenn KI den Personalbedarf reduziert. Deutlich robuster sind dagegen Systeme, die tief in die operativen Kernprozesse eines Unternehmens eingebettet sind. Dort sind die Kosten, Risiken und Umstellungsaufwände eines Wechsels oft so hoch, dass selbst attraktive Alternativen nur schwer Fuß fassen können.

Eine noch grundlegendere Frage wird bislang selten offen diskutiert: Sind die Teams, die über Jahre hinweg CRM-, ERP- oder Content-Management-Systeme entwickelt und betrieben haben, automatisch die richtigen Teams, um deren KI-native Nachfolger zu bauen? Die dafür erforderlichen Fähigkeiten unterscheiden sich teilweise erheblich. Erfahrung in der traditionellen Softwareentwicklung ist wertvoll, garantiert jedoch nicht automatisch Erfolg bei der Entwicklung KI-zentrierter Produkte.

 

Anpassung statt Apokalypse

Das wahrscheinlichste Szenario ist daher nicht das plötzliche Ende der SaaS-Branche, sondern eine Phase tiefgreifender Veränderung. Einige Anbieter werden sich erfolgreich anpassen, andere werden Marktanteile verlieren oder verschwinden. Besonders gefährdet sind spezialisierte Einzellösungen mit geringen Wechselkosten und klaren KI-basierten Alternativen.

Deutlich widerstandsfähiger bleiben Plattformen, die tief in Geschäftsprozesse integriert sind und auf jahrelanger Konfiguration, Integration und organisatorischer Verankerung aufbauen. Sowohl Softwareanbieter als auch ihre Kunden werden erfolgreich sein, wenn sie die aktuelle Entwicklung nicht als „Entweder-oder“-Entscheidung betrachten. Alles zu ersetzen wäre ebenso kurzsichtig, wie gar nichts zu verändern.

Die eigentliche Herausforderung besteht daher darin, zu erkennen:

  • wo KI echten Mehrwert schafft,
  • wo sie wirtschaftliche Rahmenbedingungen verändert, ohne bestehende Lösungen praktisch zu verdrängen,
  • und welche Strukturen unabhängig vom technologischen Wandel Bestand haben.

Die Überschrift „SaaS-Apokalypse“ liefert also zwar zweifellos spannende Schlagzeilen. Doch während Untergangsszenarien Aufmerksamkeit erzeugen, spricht vieles dafür, dass uns keine Auslöschung, sondern eine Phase der Evolution bevorsteht. Und Evolution ist meist weniger spektakulär als Revolution – langfristig jedoch oft deutlich bedeutsamer.

Michael Lippert ist erfahrene Führungskraft mit mehr als 15 Jahren Erfahrung. Im Laufe seiner Karriere hat er internationale Teams geleitet und Unternehmen dabei unterstützt, ihre Marktposition durch kundenorientierte Strategien zu stärken. Sein Fachwissen bringt er nun bei Positive ein, wo er die nächste Wachstumsphase des Unternehmens unterstützt.

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