SAFe Drive:
Die agile Reise der Automobilindustrie

Die Automobilbranche in Deutschland steht an einem Wendepunkt. Der Übergang von hardware- zu softwaredefinierten Fahrzeugen (SDVs) verändert die Entwicklung, Produktion und den Betrieb von Fahrzeugen grundlegend. Software wird zur zentralen Innovationsquelle, und die Fähigkeit, digitale Funktionen schnell, zuverlässig und nutzerzentriert bereitzustellen, ist entscheidend für die Zukunftsfähigkeit deutscher Automobilunternehmen. Das bestätigt auch die Studie „Automotive 2035“ des IBM Institute for Business Value (IBV): 75 Prozent der befragten Führungskräfte sind der Meinung, dass die softwaredefinierte Benutzererfahrung das Herzstück des Markenwerts bilden wird.
Dieser tiefgreifende technologische Wandel bringt neue Anforderungen mit sich – nicht nur an Produkte, sondern auch an Prozesse. Ob technologische Umbrüche, neue Wettbewerber oder globale Krisen: Die Branche muss schneller, flexibler und resilienter agieren als je zuvor. Unternehmensweite Agilität wird damit zum entscheidenden Hebel, um Entwicklungszyklen zu verkürzen, Risiken frühzeitig zu erkennen und nachhaltiges Wachstum sicherzustellen.
Agilität als Zukunftsweiser für die deutsche Automobilindustrie
Laut dem KPMG Future Readiness Monitor 2025 gilt Agilität – definiert als die Fähigkeit eines Unternehmens sich schnell und effektiv an Veränderungen anzupassen – mit einem Relevanz-Index von 8,2 als zweitwichtigster Erfolgsfaktor für die Automobilindustrie in Deutschland. Trotz dieser hohen Relevanz messen allerdings nur 32 Prozent der Befragten der Förderung von Agilität eine hohe Investitionspriorität bei. Dieses Spannungsfeld zwischen Erkenntnis und Umsetzung verdeutlicht den dringenden Handlungsbedarf.
Agiles Projektmanagement hilft Unternehmen, schneller auf neue Kundenanforderungen zu reagieren und Entwicklungsprozesse flexibler zu gestalten. Ebenso wichtig ist der Aufbau einer agilen Unternehmenskultur, die kontinuierliche Verbesserungen fördert und Prozesse systematisch auf Effizienz überprüft. Nur durch diesen unternehmensübergreifenden Ansatz kann die deutsche Automobilindustrie international mithalten und sich in einem zunehmend anspruchsvollen Marktumfeld behaupten.
Agile Softwareentwicklung in der Automobilbranche
Wie die Agile-Studie 2024/2025 von PwC zeigt, verfolgen Unternehmen mit der agilen Transformation konkrete betriebswirtschaftliche Ziele. Dazu gehören höhere Kosteneffizienz, bessere Produktqualität und eine schnellere Markteinführung. Gerade in der Automobilbranche gewinnen agile Ansätze an Bedeutung, da der zunehmende Softwareanteil anpassungsfähige Entwicklungsprozesse notwendig macht. Bemerkenswert ist, dass gleichzeitig laut der oben erwähnten IBV-Studie 77 Prozent der Führungskräfte in der Automobilbranche bereits jetzt von einem Mangel an Werkzeugen und Methoden zur Softwareentwicklung berichten.
Mit agilen Methoden wird die Entwicklung inkrementell gestaltet: Funktionen werden stufenweise geliefert, früh geprüft und bei Bedarf flexibel angepasst. Der kontinuierliche Austausch mit Stakeholdern sowie regelmäßige Tests in jeder Entwicklungsphase verbessern die Produktqualität und machen Fehler bereits in frühen Stadien sichtbar. Zugleich fördert Agilität eine engere, bereichsübergreifende Zusammenarbeit – etwa zwischen Software-, Elektronik- und Hardwareteams.
Doch bei Projekten mit hoher Komplexität ist Agilität auf Teamebene häufig nicht ausreichend. Die Vielzahl der beteiligten Rollen und organisatorischen Abhängigkeiten verlangt nach einer klaren Strukturierung und Koordination. Hier müssen agile Praktiken über einzelne Teams hinaus skaliert werden. Das Scaled Agile Framework (SAFe) bietet hierfür einen strukturierten und bewährten Ansatz.
Der Weg zur agilen Skalierung mit SAFe
Das Scaled Agile Framework (SAFe) ist ein umfassendes Rahmenwerk aus organisatorischen Prinzipien, Arbeitsabläufen, Praktiken und Kompetenzen. Es unterstützt Unternehmen bei der Skalierung agiler Methoden auf Unternehmensebene. SAFe wurde 2011 von Dean Leffingwell entwickelt, um die Schwächen herkömmlicher Projektmanagementprozesse in der Softwareentwicklung zu überwinden. Sein Ziel war es, die Geschwindigkeit, Qualität und Kundenorientierung bei der Entwicklung komplexer Softwarelösungen zu verbessern.
SAFe basiert auf flexiblen, iterativen Entwicklungszyklen und ist darauf ausgelegt, die Produktentwicklung und -bereitstellung durch Zusammenarbeit und kontinuierliche Verbesserung effizienter zu gestalten. Die Grundlage bildet der Lean-Ansatz, der auf die Minimierung von Verschwendung und die Optimierung von Wertströmen abzielt. In Kombination mit agilen Prinzipien entsteht so ein Lean-Agile-Modell, das eine schnellere Markteinführung bei gleichzeitiger Kostensenkung und verbesserter Arbeitsqualität ermöglicht.
Für Unternehmen, die mehrere Teams koordinieren müssen, bietet SAFe einen entscheidenden Vorteil: Es baut auf agilen Methoden auf und macht sie tauglich für Umgebungen, die mehr Koordination und Kontrolle benötigen, als das klassische Agile-Modell erlaubt. Während kleine Unternehmen oft sehr flexibel arbeiten können, erfordern größere Unternehmen mehr Rechenschaft und Steuerung. SAFe ergänzt eine Managementebene zwischen einzelnen agilen Teams und der organisatorischen Hierarchie, indem es das Agile-Framework von einem einzelnen Team auf mehrere Teams ausweitet. Gerade für Unternehmen mit komplexen Portfolios oder in stark regulierten Branchen ist dieser flexible und gleichzeitig strukturierte Ansatz entscheidend, um Qualität, Geschwindigkeit und strategische Ziele in Einklang zu bringen.
Die vier SAFe-Konfigurationen
SAFe bietet vier Konfigurationen, die sich an unterschiedliche organisatorische Anforderungen anpassen lassen: Essential SAFe, Large Solution SAFe, Portfolio SAFe und Full SAFe. Jede Konfiguration ist auf unterschiedliche Unternehmensgrößen und -komplexitäten abgestimmt und setzt spezifische Rollen, Prozesse und Praktiken ein.
- Essential SAFe bildet die Grundlage aller anderen SAFe-Konfigurationen. Unternehmen koordinieren sich hier auf Team- und Programmebene, um eine einheitliche Ausrichtung und effiziente Wertschöpfung zu gewährleisten. Zur effektiven Koordination werden Agile Release Trains (ARTs) eingesetzt – Gruppen kleiner Teams, die gemeinsam an einem Ziel arbeiten.
- Large Solution SAFe unterstützt die Koordination mehrerer Agile Release Trains bei der Umsetzung komplexer Lösungen, die kein übergeordnetes Portfoliomanagement benötigen.
- Portfolio SAFe erweitert Essential SAFe und Large Solution SAFe um zusätzliche Kompetenzen wie Lean Portfolio Management und organisatorische Agilität. Es agiert auf einer höheren Ebene, um die Lösungsentwicklung mit der Geschäftsstrategie in Einklang zu bringen. Anstatt sich auf eine einzige Lösung zu konzentrieren, kann diese Konfiguration mehrere Wertströme gleichzeitig steuern.
- Full SAFe ist die vollständige Übernahme des SAFe-Frameworks. Diese Konfiguration richtet sich an globale Unternehmen mit mehreren Wertströmen und komplexen Systemen.
Diese modulare Struktur ermöglicht es Organisationen, SAFe flexibel an ihre spezifischen Bedürfnisse anzupassen und agile Prinzipien unternehmensweit zu skalieren.
Enterprise Agile Planning Tool: Der Schlüssel zu erfolgreicher SAFe-Umsetzung
Ein häufiger Grund für das Scheitern von Agilitätsprojekten auf Unternehmensebene ist die Nutzung isolierter Tools. Die Einführung eines zentralen Tools, das Ressourcenmanagement, Szenarioplanung und finanzielle Folgenabschätzung integriert, fördert schnellere Innovationen und eine bessere Zusammenarbeit der Teams.
Auf Teamebene unterstützen agile Tools wie Kanban-Boards, Aufgabenverfolgungssoftware und Sprint-Planungstools die Organisation, Visualisierung von Arbeit sowie kurzfristige Anpassungen. Für die unternehmensweite Skalierung agiler Methoden – etwa im Rahmen von SAFe – sind sie jedoch nicht ausreichend. Leistungsfähigere Enterprise Agile Planning (EAP)-Lösungen sind erforderlich, um teamübergreifende Koordination und strategische Ausrichtung im gesamten Unternehmen zu ermöglichen. Gartner definiert Enterprise Agile Planning (EAP)-Tools als Lösungen, die es Organisationen erlauben, agile Praktiken unternehmensweit zu skalieren, um eine ganzheitliche Unternehmensübersicht zu schaffen. Sie dienen als zentrale Basis für Planung, Steuerung und Ausführung agiler Arbeit – inklusive der konsolidierten Auswertung relevanter Kennzahlen über den gesamten Produktlebenszyklus hinweg. Genau wie unternehmensübergreifende agile Methoden sind EAP-Tools eine Evolution von projektzentrierten Lösungen hin zu integrierten Plattformen.
Fazit
Die Transformation zu softwaredefinierten Fahrzeugen stellt die deutsche Automobilindustrie vor vielfältige Herausforderungen. Sowohl technologisch als auch organisatorisch müssen Unternehmen neue Wege finden, um Innovationszyklen zu beschleunigen und gleichzeitig eine durchgängig hohe Produktqualität zu gewährleisten. Agilität ist dabei der Schlüssel: Sie erlaubt es, schneller auf Veränderungen zu reagieren, Teams effizient zu koordinieren und Innovationen nachhaltig umzusetzen. Mit dem Scaled Agile Framework (SAFe) können Unternehmen agile Prinzipien auf alle Ebenen komplexer Organisationen ausweiten.
Essenziell für eine erfolgreiche SAFe-Implementierung ist der Einsatz integrierter Tools für unternehmensweite agile Planung. Moderne EAP-Lösungen wie IBM Targetprocess von Apptio, einem IBM Unternehmen, ermöglichen es allen agilen Teams, ihre Arbeit zielgerichteter zu koordinieren. Zusätzlich verschaffen sie der Führungsebene klare Einblicke in den Projektstatus und das Ressourcenmanagement. So steigern Unternehmen ihre Effizienz und Flexibilität – und halten damit Schritt mit dem schnelllebigen Markt.



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