ESG Deutschland: Kohlenstoff, Compliance und Wettbewerbsvorteile

Deutschlands Weg zur Klimaneutralität erhöht den Druck auf Unternehmen, die digitale Transformation voranzutreiben, insbesondere angesichts verschärfter ESG-Vorschriften, steigender Energiekosten und wachsender Erwartungen der Stakeholder. Technologien wie KI, IoT und digitale Zwillinge ermöglichen es Unternehmen, ihren Energieverbrauch zu optimieren, die Transparenz in der Lieferkette zu verbessern und die Einhaltung von Vorschriften wie der CSRD und dem LkSG zu unterstützen. Über die Nachhaltigkeitsberichterstattung hinaus entwickelt sich die Digitalisierung zu einem strategischen Wettbewerbsvorteil, der die Effizienz, die Widerstandsfähigkeit, das Vertrauen der Investoren und die langfristige Marktposition stärkt.
Von   Ashiss Kumar Dash   |  EVP Global Head – Services, Utilities, Resources, Energy, and Enterprise Sustainability   |  Infosys
7. Juli 2026

ESG Deutschland:

Kohlenstoff, Compliance und Wettbewerbsvorteile

 

 

 

Eine Reihe von Faktoren hemmen die Digitalisierung deutscher Unternehmen. Dazu gehören bürokratische Systeme und Prozesse ebenso wie lückenhafte Strategien oder Bedenken hinsichtlich des Datenaustauschs mit Partnern oder Kunden. Besonders kritisch ist dies im öffentlichen Sektor und im Mittelstand. Klimatische Zwänge könnten sie jedoch jetzt dazu zwingen, das Tempo für die Umstellung deutlich zu erhöhen. Unternehmen sollten diesen Schub begrüßen, auch wenn er sie auf den ersten Blick vor Herausforderungen stellen könnte. Allerdings macht die Digitalisierung nicht bei der ESG-Compliance Halt. Für Organisationen, die es richtig angehen, ist sie aber der Weg zu einer Reihe von Wettbewerbsvorteilen.

 

Druck von allen Seiten

Deutschland hat sich verpflichtet, bis 2045 Netto-Null zu erreichen – mit Zwischenzielen. So sollen die Treibhausgasemissionen bis 2030 um 65 Prozent und bis 2040 um 88 Prozent gegenüber dem Niveau von 1990 sinken. Deutsche Unternehmen investieren bereits jetzt, um das Netto-Null-Ziel zu erreichen – sie gehören wie auch Deutschland insgesamt zu den aktivsten Ländern Europas. Unter den großen börsennotierten und internationalen Unternehmen haben bereits mehrere hundert Unternehmen Netto-Null- oder klimaneutrale Ziele angekündigt oder validieren lassen. Dazu gehört nicht nur ein erheblicher Teil der DAX- und MDAX-Konzerne, sondern auch mittelständische Firmen. Letztere befinden sich allerdings zu einem großen Teil noch in der Aufbauphase, etwa durch CO₂-Bilanzierung, Energieeffizienzprogramme oder SBTi (Science Based Targets initiative)-Ziele.

Allerdings erhalten Unternehmen jeglicher Größe auch Druck von außen: Über das Bundes-Klimaschutzgesetz hinaus übt eine Reihe von ESG-Vorschriften Druck sie aus. Dazu gehören das EU-Emissionshandelssystem (EU ETS), ein separates nationales Emissionshandelssystem und die Richtlinie über die Nachhaltigkeitsberichterstattung von Unternehmen (CSRD), die eine detaillierte Offenlegung von Umweltauswirkungen und Minderungsmaßnahmen vorschreibt.

Auch andere Interessengruppen zielen darauf ab, dass deutsche Unternehmen ihre Klimaschutzmaßnahmen intensivieren. Eine Umfrage aus dem Jahr 2023 ergab, dass der Klimaschutz sowohl in Finanzierungsgesprächen mit Investoren als auch in den Anforderungen von Kunden eine wichtige Rolle spielt. Während der Druck auf Großkonzerne größer war, sahen sich auch immer mehr kleine und mittelständische Firmen (KMU) mit ähnlichen Erwartungen konfrontiert. Hinzu kommen auch rein wirtschaftliche Aspekte. Deutsche Organisationen geben beispielsweise deutlich höhere Beträge für Energie aus als Firmen in vielen anderen Ländern. So zahlten Industrieunternehmen im Jahr 2024 0,18 €/kWh (0,19 $/kWh) für Strom. Dies ist mehr als doppelt so viel wie US-Unternehmen investierten.

 

Die Antwort lautet: Digitalisierung

Energieeinsparungen und erneuerbare Energien sind zwar die offensichtlichen Lösungen – ebenso wie der Umstieg auf energieeffizientere Geräte – doch die Digitalisierung kann diese Effekte noch verstärken. Sie führt zu vielfältigen, schrittweisen, indirekten Energieeinsparungen, die in Summe einen spürbaren Unterschied machen. Digitale Technologien ermöglichen auch andere ESG-Prioritäten wie Ressourcenschonung und Abfallreduzierung. Sie sind von entscheidender Bedeutung, um die immer strengeren Berichtspflichten zu erfüllen. Gleichzeitig sind sie unverzichtbar für die Nachhaltigkeitsagenda deutscher Unternehmen.

Mit IoT-Lösungen sind produzierende Unternehmen in der Lage, ihre Energieverbrauchsdaten von Gerätesensoren zu analysieren und Parameter wie Temperatur und Luftstrom dynamisch anzupassen, um Energie zu sparen. Durch den Einsatz von Predictive Analytics können sie darüber hinaus den Energiebedarf prognostizieren und Maßnahmen ergreifen, um den Verbrauch zu senken. Dazu gehört ein optimierter Verbrauch ebenso wie der Austausch ineffizienter Komponenten oder die Integration erneuerbarer Energiequellen.

Digitale Zwillinge spielen beispielsweise eine zentrale Rolle bei der Dekarbonisierung. Sie erstellen virtuelle Kopien von Produkten, Prozessen oder sogar kompletten Systemen, um die Nachhaltigkeitsleistung zu simulieren und zu testen. In Kombination mit den kommerziellen Erkenntnissen aus Analysen – beispielsweise Kosten-Nutzen-Analysen verschiedener Optionen – verstärken Unternehmen die finanziellen Auswirkungen von Entscheidungen zur Energieeffizienz. Ein führender deutscher Hersteller von Verpackungsmaschinen, nutzte die Digitale-Zwillinge-Technologie, um eine Maschine zu entwickeln, die Verpackungen automatisch an die Produktabmessungen anpasst. Diese Initiative reduzierte den Energieverbrauch um 20 Prozent sowie das Verpackungsmaterial um 30 Prozent.

Das vielleicht beste Argument für die Digitalisierung: Sie führt selbst in schwer zu reduzierenden Sektoren wie dem Bergbau zu erheblichen Verbesserungen. Unternehmen können KI, IoT, Blockchain und Cloud Computing einsetzen, um Transparenz vom Abbau der Ressourcen bis zum Markt zu schaffen. Dies führt zu einer umfassenden Verbesserung: Sensoren verfolgen den Lagerbestand, um Kosten zu sparen, während KI-Systeme die Routen der Flotte optimieren, um Kraftstoff und Emissionen zu sparen. Deutsche Bergbauunternehmen können sogar einen sicheren, unveränderlichen, verteilten Ledger wie Blockchain verwenden, um ethische Beschaffung nachzuweisen, indem sie Mineralien vom Ursprung bis zum Bestimmungsort verfolgen. Weltweit führende Unternehmen wie BHP und Rio Tinto nutzen digitale Zwillinge, um die Technik, die Anlagenplanung und den Betrieb zu verbessern.

Digitalisierung ist auch im Bergbausektor der Schlüssel zur Kreislaufwirtschaft. Sie schafft Transparenz, Erkenntnisse und die erforderlichen Möglichkeiten, um von einem linearen „Take-Make-Dispose”-Modell zu einem Modell überzugehen, bei dem Abfälle wiederaufbereitet und Materialien recycelt werden. Digitale Pässe identifizieren Rohstoffe, ermöglichen deren Verfolgung und liefern die erforderlichen Daten für die zukünftige Wiederverwendung und das Recycling.

Die Einhaltung von Vorschriften wie dem LkSG (Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz) wäre ohne die durch künstliche Intelligenz geschaffene Transparenz nicht möglich. Das LkSG verlangt von großen Unternehmen, Umweltrisiken in ihren Lieferketten zu bewerten und entgegenzuwirken. Durchgängige Transparenz hilft dabei, die größten Emittenten im Lieferantennetzwerk zu identifizieren und Maßnahmen zu ergreifen, um ressourcenschonender vorzugehen. Dies können neue Vorgaben für Lieferanten sein, kürzere und / oder effizientere Lieferwege. Unterschiedliche Transportwege und -mittel sind in der Lage, die Kraftstoffeffizienz positiver zu gestalten – und den CO2-Fußabdruck von Firmen zu reduzieren. Ein weiterer Punkt des LkSG: Es sammelt die für die Berichterstattung über Scope-3-Emissionen erforderlichen Daten.

Unternehmen sollten es allerdings vermeiden, die Digitalisierung nur unter dem Gesichtspunkt der Compliance zu betrachten. Der digitale Weg zur Nachhaltigkeit führt zu einer Vielzahl von messbaren Vorteilen und immateriellen Werten. Dazu gehören beispielsweise Markenbekanntheit, Kundenbindung oder auch das Vertrauen von Investoren, Kunden und Partnern. Unternehmen, die diesen Weg gehen, werden am Ende nachhaltig und wettbewerbsfähig sein. Damit stechen sie aus der Masse der Firmen heraus – und etablieren sich bei Kunden und Partnern als vertrauenswürdiger Anbieter.

Ashiss Kumar Dash ist Global Head of Services, Utilities, Resources, Energy und Enterprise Sustainability bei Infosys. Er leitet ein hochqualifiziertes Team von Kundenservice-Experten und Technologen, darauf konzentriert Spitzenkompetenzen für Kunden zu schaffen, um sie bei ihrer digitalen Reise zu unterstützen.

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