Strategiepapier gibt Orientierung für Industrie 4.0 bis 2035

Es geht um die Zukunft des Industriestandorts und den Wohlstand in Deutschland: Forschung und Entwicklung zu Industrie 4.0 und der Einsatz ihrer Technologien sind zentrale Treiber für Wettbewerbsfähigkeit, Wertschöpfung und Souveränität. In seinem Strategiepapier skizziert der Forschungsbeirat Industrie 4.0 einen Rahmen für die zentralen Forschungs- und Entwicklungsbedarfe der kommenden Jahre, die sich in den vier Roadmaps zu den Themen „Geschäftsmodelle“, „Engineering“, „Zukunft der Arbeit“ und „Nachhaltigkeit“ widerspiegeln.
Von   Rainer Stark   |  Leiter des Fachgebiets Industrielle Informationstechnik   |  Technische Universität Berlin
  Bjoern Sautter   |  Senior Expert Industrie 4.0   |  Festo SE & Co. KG
27. August 2026

Strategiepapier gibt Orientierung für Industrie 4.0 bis 2035

 

 

 

Das Zielbild der Industrie 4.0

Eine digital vernetzte, agile und menschenorientierte industrielle Wertschöpfung, die die Zukunft des Industriestandorts und den Wohlstand in Deutschland nachhaltig sichert – für dieses Versprechen steht Industrie 4.0 als zentrales industrielles Leitbild. Heute verschärft sich der internationale Wettbewerb immer weiter: Kostengünstigere Produktionsbedingungen, weniger Bürokratie und teils mehr Innovation in anderen Ländern verstärken den Druck auf den Industriestandort Deutschland. Geopolitische Herausforderungen wie Handelsbarrieren, Zölle und Kriege bringen Innovations-, Produktions-, Liefer- und Wertschöpfungsketten aus dem Gleichgewicht. Parallel dazu werden Maßnahmen gegen den fortschreitenden Klimawandel und für mehr Nachhaltigkeit in der industriellen Transformation immer dringender.

Die Einlösung des Versprechens und die Hebung der Potenziale von Industrie 4.0 ist heute daher relevanter denn je. Vor diesem Hintergrund entwirft das Strategiepapier ein Zielbild für die Industrie 4.0 im Jahr 2035: Industrie 4.0 soll Produkte, Services, Wertschöpfungsprozesse und Geschäftsmodelle in digitalen Ökosystemen verbinden, immer mit Blick auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit, Souveränität, Resilienz und Nachhaltigkeit der deutschen Industrie. Zwar wurden bereits erhebliche Fortschritte bei der Implementie­rung der digitalen industriellen Wertschöpfung erzielt, doch Potenziale und Chancen von Industrie 4.0 wurde noch nicht flächendeckend erreicht. Es braucht weiter gezielte Anstrengungen insbeson­dere im Bereich von Forschung, Entwicklung und Trans­fer.

 

Mit vier Roadmaps Richtung 2035

In vier themenspezifischen Roadmaps zu Geschäftsmodellen, Engineering, Zukunft der Arbeit und ökologischer Nachhaltigkeit beschreibt das Strategiepapier konkrete Entwicklungsschritte der nächsten 5 bis 10 Jahre. Dabei werden jeweils drei Phasen unterschieden:

von der Optimierung bestehender Systeme über die dynamische Anpassbarkeit vernetzter Systeme bis hin zur weitgehend autonomen Wandlungsfähigkeit dynamischer Ökosysteme. Die Anordnung der Themenblöcke beschreibt dabei die zeitliche Lage der Forschungsarbeiten, nicht der verfügbaren Ergebnisse.

Der Forschungsbeirat Industrie 4.0 gibt damit einen Rahmen bzw. Orientierung für zukünftige Forschung und Fördermaßnahmen. Das Strategiepapier spricht gezielt die Stakeholder aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik an und gibt Impulse für die Umsetzung des Industrie 4.0-Zielbildes.

Die vollständigen Roadmaps sind auf der Website des Forschungsbeirats Industrie 4.0 zu finden.

 

Die Rolle des Forschungsbeirats Industrie 4.0

Der Forschungsbeirat vereint 21 Wissenschaftlerinnen und Wissen­schaftler sowie 12 Vertreterinnen und Vertreter der Industrie und von Industrieverbänden (Stand: Juli 2026) aus Fachberei­chen wie Produktion und Logistik, Automation, Informatik, Künstliche Intelligenz und Machine Learning, Ökonomie sowie Recht und Soziologie. Durch die Einbindung diverser Perspektiven und Disziplinen, die sich gleichberechtigt einbringen, ergibt sich ein repräsentatives Expertengremium, das wis­senschaftliche Exzellenz und Innovationsexpertise aus führenden Unternehmen verbindet.

Als zentraler Ansprechpartner in Deutsch­land zu Forschung und Entwicklung für Industrie 4.0 behält der Forschungsbeirat den Überblick über Themen und Forschungsfelder, ist Sensor für neue Entwicklungsströmungen und Impulsgeber für künftige Forschungsthemen. Die vorliegenden Roadmaps sollen regelmäßig mit den aktuellen Entwicklungen abgeglichen werden. Gemeinsam mit weiteren, primär an der praktischen Anwendung orientierten Initiativen – etwa der Plattform Industrie 4.0 – kann der Forschungsbeirat die Umsetzung der erforderlichen Entwicklungsschritte beobachten und Empfehlun­gen für eine Anpassung geben. Ziel ist es, die digitale Transfor­mation der industriellen Wertschöpfung voranzutreiben und sowohl die industrielle Basis als auch den gesellschaftlichen Wohlstand nachhaltig zu sichern.

 

Was dem Sprecherteam Hoffnung macht

Seit dem Zukunftsprojekt Industrie 4.0, das im Rahmen der damaligen Hightech-Strategie der Bundesregierung begleitet wurde, haben der Forschungsbeirat und weitere Initiativen wesentliche Ergebnisse erarbeitet, auf denen aufgebaut werden kann. Björn Sautter, stellvertretender Sprecher der Industrie, denkt dabei beispielsweise an die Asset Administration Shell als erste Form des Digitalen Zwillings für Industrie 4.0:

„Mir macht große Hoffnung, dass dieser international anerkannte Standard ‚Made in Germany‘ jetzt in die industrielle Verbreitung kommt und eine wichtige Basis darstellt für die Datenökosysteme und industriellen KI-Lösungen der Zukunft.

Dadurch leistet Industrie 4.0 auch in der aktuellen Hightech Agenda Deutschland einen zentralen Beitrag.“ Gerade in der industriellen KI – also der Verbindung von Engineering und KI – verfügt Deutschland über ein exzellent aufgestelltes Forschungsökosystem.

Für Rainer Stark, den stellvertretenden Sprecher der Wissenschaft im Forschungsbeirat, sind die im Rahmen der Industrie 4.0 bereits marktfähig entwickelten Protokoll- und Datenraumfähigkeiten vielversprechend. Durch sie lassen sich Maschinen-, Steuerungs- und Betriebsdaten der industriellen Produktion mit Produkten im Feld verlässlich verbinden. KI-gestützte, daten- und modellbasierte Systeme sowie die Digitalen Zwillinge der Zukunft bieten große Chancen für die industrielle Wertschöpfung. Mit ihnen lassen sich die Weichen stellen, damit Deutschland auch zukünftig zu den führenden Industrienationen gehört.

 

Industrie 4.0 – ein kontinuierlicher Prozess

Die Transformation im Kontext von Industrie 4.0 läuft seit 15 Jahren. Sie ist nicht als abgeschlossenes Projekt, sondern als globales, zentrales industrielles Leitbild und kontinuierlicher Transformationsprozess zu verstehen. Das Strategiepapier verdeutlicht: Wettbewerbsfähigkeit, Resilienz, Nachhaltigkeit und Souveränität sind die Leitlinien für die nächste Phase von Industrie 4.0. Mit dem Strategiepapier liegt ein klarer Orientierungsrahmen für die kommenden Jahre vor.

Bis 2035 ergeben sich zahlreiche Forschungs- und Entwicklungsbedarfe, die es zur erfolgreichen Umsetzung dieses Zielbilds zu adressieren gilt. Die Roadmaps zu den Themen „Geschäftsmodelle“, „Engineering“, „Zukunft der Arbeit“ und „Nachhaltigkeit“ bilden einen Orientierungsrahmen für die jeweiligen Forschungs- und Entwicklungsbedarfe und beschrieben, wie diese auf das Zielbild von Industrie 4.0 einzahlen. Dabei werden auch aktuelle technische Entwicklungen wie die rasanten Fortschritte im Bereich der Künstlichen Intelligenz mitgedacht und aufgegriffen. Das Strategiepapier stellt einen Bezug zu zentralen Punkten der Hightech Agenda der Bundesregierung her und zeigt, wie die Arbeiten des Forschungsbeirats Industrie 4.0 darauf einzahlen.

Das Strategiepapier liefert einen roten Faden, um den digitalen Wandel der Industrie in Deutschland systematisch und zukunftsorientiert voranzubringen. Jetzt sind gemeinsame Forschung, Entwicklung und Förderung gefragt.

Rainer Stark macht deutlich: „Eine Strategie wird erst dann zum Vorteil für die Wertschöpfung der Zukunft, wenn sie umgesetzt, angepasst und gelebt wird. Dieses gilt auch für die Industrie 4.0: Die Abfolge der Veränderungen in der Umsetzung wird sich auf einen zwei- bis dreijährigen Zeitraum reduzieren lassen müssen, mit Episoden von sechs bis zwölf Monaten. Der Forschungsbeirat Industrie 4.0 wird diese neue Kadenz der Innovationsbeschleunigung in seine zukünftige Arbeit wesentlich stärker verankern und dafür auch einen dynamischen Kompass in enger Verbindung mit der Plattform Industrie 4.0 vorsehen müssen.“

Das Strategiepapier des Forschungsbeirats Industrie 4.0 steht hier kostenlos zum Download bereit.

Rainer Stark leitet das Fachgebiet Industrielle Informationstechnik der Technischen Universität Berlin und ist stellv. Sprecher der Wissenschaft im Forschungsbeirat Industrie 4.0. Seine Forschungsschwerpunkte sind die virtuelle Produktentstehung, Digitale Zwillinge sowie Data Engineering & Analytics.

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