KI in der Finanzbranche: Über die Potenziale von Robo-Advisors und Chatbots für private Anleger

Finanzdienstleistungen, die mithilfe neuer Technologien entstehen, gewinnen zunehmend an Beliebtheit. Anfangs wurden relativ einfache KI-Lösungen eingesetzt, die nur unterstützende Funktionen erfüllten. Heutzutage kann die KI immer anspruchsvollere Dienste leisten – etwa Ratschläge erteilen oder dem Anleger ein zu ihm passendes Portfolio vorschlagen. Inwieweit private Anleger davon profitieren, diskutieren wir in diesem Beitrag.
Von   Nico Huesch   |  Geschäftsführer   |  Nico Hüsch Gmbh
11. April 2023

Fragt man die zurzeit wohl bekannteste KI – die Rede ist natürlich von ChatGPT – nach der besten Geldanlage, erhält man zur Antwort: “Als KI-Modell ist es mir nicht gestattet, Empfehlungen für spezifische Finanzprodukte zu geben oder eine Anlageberatung zu erteilen. Es ist wichtig zu beachten, dass die beste Geldanlage für eine Person von ihren individuellen Zielen, Risikotoleranz, Finanzlage und vielen anderen Faktoren abhängt. Es ist immer ratsam, eine professionelle Finanzberatung zu suchen, bevor man eine Investitionsentscheidung trifft.”

Chatbots sind Ansprechpartner, aber keine Finanzberater

Die Antwort ist aus dreierlei Hinsicht interessant:

  1. Finanzberatung ist ein reglementierter Beruf mit rechtlichen Pflichten.
  2. Eine gute Geldanlage hängt tatsächlich von vielen individuellen Faktoren ab.
  3. Chatbots ersetzen keine echte Finanzberatung, haben aber andere Stärken.

Dass Chatbots als Ansprechpartner für Kunden rund um die Uhr zur Verfügung stehen, ist sicherlich eine davon. Diese „digitalen Assistenten“ beantworten einfache Anfragen und helfen Kunden beispielsweise dabei, sich im Service-Portal eines Fintechs besser zurechtzufinden. Chatbots entwickeln sich immer mehr zum personalisierten Helfer und dienen beispielsweise als Ersatz für FAQs oder als wertvolle Unterstützung für den Customer Service. So braucht ein Kundenberater nur noch hinzugezogen zu werden, wenn der Bot es nicht allein schafft, dem Kunden zu helfen.

Kurzum: Chatbots sind tolle Ansprechpartner oder Assistenten und verbessern den Kundenservice 24/7. Sie sind aber keine Finanzberater und sollten es vielleicht auch gar nicht sein. Rechtlich wäre das derzeit in Deutschland jedenfalls nicht möglich und selbst wenn: Es stellt sich die Frage, inwieweit Anleger bereit wären, Ihre Geldanlage einer KI anzuvertrauen – einer KI, die von Menschen trainiert und programmiert wurde.

Robo Advisor und die Geldanlage der Zukunft

Doch warum boomt dann der Markt der digitalen Vermögensverwaltung – der sogenannten Robo Advisors – seit Jahren ungebrochen? Das ist einfach zu erklären, weil hier ein Missverständnis vorliegt: Bei einem Robo Advisor handelt es sich keinesfalls um eine „Maschine“ oder künstliche Intelligenz, die eigenständig an der Börse handelt – quasi ein digitaler Wolf of Wall Street. Nein! Solche KIs gibt es zwar in Ausnahmefällen, sind aber – als Day Trader – für private Anleger uninteressant. Genauso wie der KI-basierte Hochfrequenzhandel für Privatanleger praktisch keine Relevanz hat. Ersteres ist pure Zockerei, letzteres ist institutionellen Anlegern vorbehalten.

Vielmehr ist ein Robo-Advisor ein digitaler Verwalter, der anhand von wenigen vorgefertigten Fragen das persönliche Risikoprofil seiner Kunden ermittelt und darauf basierend einen ETF- bzw. Indexfonds-Mix vorschlägt, in dem man investieren soll. Bei den meisten Anbietern handelt es sich also um eine KI, die versucht den weltweiten Aktienmarkt (und Anleihemarkt) möglichst 1:1 nachzubilden, um ein optimal diversifiziertes (und damit risikoarmes) Portfolio zu erstellen.

Wie viele Leser sicherlich wissen, kommt es bei sinnvollen Geldanlagen für die Zukunft besonders auf folgende Dinge an:

  1. Eine breite Streuung in Aktien (und ggf. Anleihen) weltweit.
  2. Ein langer Anlagehorizont von mindestens 12 Jahren (besser mehr).
  3. Auf die persönliche Toleranz, schlechte Börsenzeiten ohne Panikverkäufe auszusitzen.
  4. Auf eine Geldanlage, die zu den eigenen Lebenszielen & individuellen Bedürfnissen passt.

Ein Robo-Advisor kann nur bedingt helfen

Besonders die breite Streuung – am besten in den ganzen investierbaren Markt – und ein langer Zeithorizont sind der Schlüssel hin zu einer erfolgreichen Geldanlage. Man reduziert damit ganz das Verlustrisiko und erzielt das beste Verhältnis aus zu erwartender Rendite und zu erwartendem Risiko. Buy-and-Hold ist schließlich nicht ohne Grund die meist gelobte Anlagestrategie, um ein Vermögen aufzubauen – was auch folgende Grafik veranschaulicht.

Quelle: Nico Hüsch GmbH

BU: Für viele Anleger eine Binse: Je länger die Haltedauer eines Aktienfonds ist, desto mehr Rendite kann man damit erwirtschaften.

Künstliche Intelligenzen wie z. B. Robo Advisor können dabei helfen, diese Grundlagen des Investierens im eigenen Portfolio zu verwirklichen – jedoch nur was die Auswahl an Fonds betrifft. Streng genommen handelt es sich bei einem Robo Advisor auch nicht um eine KI, sondern um einen Algorithmus, der aufgrund historischer Daten und Analysen versucht, ein nach Möglichkeit erfolgreiches wie krisenfestes Portfolio zu erstellen.

Gerade die jüngsten Krisen wie die Corona-Pandemie und der Ukraine-Krieg haben jedoch gezeigt, dass bei unvorhergesehenen Ereignissen – im Finanzjargon auch schwarzer Schwan genannt – die Auswertungen historischer Daten versagen bzw. völlig nutzlos sind. Wer sein Portfolio hin und wieder an aktuelle Entwicklungen anpassen will, braucht nicht nur historische Vergleichsdaten, sondern muss die gegenwärtigen Trends erkennen. Hier scheint der Mensch der KI – jedenfalls bislang noch – überlegen zu sein.

Als jüngstes Beispiel kann man hierzu das Berliner Finanz-Start-up Fairr anführen, dass aufgrund der Empfehlung eines Computerprogramms seine Aktienfonds in der Corona-Pandemie abstieß und in hauseigene Anleihefonds umschichtete. Das hatte nicht nur herbe Verluste zur Folge, sondern stieß besonders jüngere Anleger vor den Kopf, die genug Zeit gehabt hätten, die temporären Verluste im Sinne von Buy-and-Hold auszusitzen und Rendite zu erwirtschaften.

Robo-Advisor vs. Finanzberater: Wer hat die Nase vorn?

Die meisten Robos bieten im Grunde genommen sehr ähnliche Dienstleistungen für ihre Anleger:  Basierend auf den persönlichen Angaben zu den Vermögensverhältnissen und den Antworten zum Persönlichkeitsprofil ermittelt der Robo ein für den Anleger passendes Portfolio – oft eine sinnvolle Zusammenstellung mehrerer ETFs, die mehr oder minder den Weltaktienmarkt (und ggf. den Weltanleihemarkt) abdecken. Wenn das Geld einmal investiert ist, kümmert sich der Robo Advisor vollständig um das Portfolio und stellt sicher, dass die festgelegte Strategie eingehalten wird.

Andererseits müssen Anleger bei einem Robo Advisor standardisierte Fragen über sich ergehen lassen und bekommen bei vielen Anbietern nur dann eine menschliche Beratung, wenn sie extra dafür bezahlen. Ein menschlicher Finanzberater kann demnach intensiver auf die persönlichen Bedürfnisse der Anleger eingehen und das Portfolio demnach flexibler gestalten. So sprechen Berater i.d.r. ausführlicher mit ihren Kunden, um zu verstehen, welche Ziele sie verfolgen und welche Risiken sie eingehen können und möchten.

KI & Mensch: Hybrides Modell als Bindeglied

Übrigens nutzen menschliche Finanzberater längst künstliche Intelligenzen, um das für ihre Kunden bestmögliche Portfolio zu finden. In diesem Punkt ähneln sich Robos und Berater sogar: Beide nutzen Algorithmen und Softwareprogramme, um alle verfügbaren Finanzprodukte auf dem Markt zu vergleichen. Nicht Geschmack entscheidet über die Auswahl an ETFs oder Aktienfonds, sondern hochkomplexe Berechnungen mit sehr großen Datensätzen – z. B. von Morningstar Direct.

Für Anleger ist es eine Abwägung der persönlichen Präferenzen: Ist man mit mehr Standardisierung und weniger persönlichen Kontakt einverstanden, ist der Robo keine schlechte Wahl. Es muss dem Anleger nur klar sein, dass die standardisierte Indexauswahl einer KI meist nicht zu 100 % zur persönlichen Situation und den Anlagezielen passen kann. Legt man Wert auf mehr Individualität und persönlichen Kontakt, sucht man besser einen vertrauenswürdigen Finanzberater.

Auf die Qualität des Portfolios nimmt die Wahl wenig Einfluss. Moderne Portfoliokonstruktion – also in welche Aktienfonds und Finanzprodukte man konkret investiert – funktioniert im Jahr 2023 ausschließlich mit dem Einsatz digitaler Tools, also mit KI. Gute Portfoliomanagement-Software sollte bei jeder Geldanlage zum Standard werden, um komplexe Kundenbedürfnisse jetzt und auf Dauer befriedigen zu können. “KI oder Mensch?” – ist die falsche Frage. “KI und Mensch!” – ist die richtige Antwort. Oder anders gesagt: Ergänzen statt ersetzen.

Nico Hüsch ist Geschäftsführer der Nico Hüsch Gmbh – Echte Anlageberatung. Ziel des Unternehmens ist es, jedem Kunden die bestmögliche Finanzberatung in Deutschland zu ermöglichen – unter Berücksichtigung aller Kosten, Inflation und Steuern. Jeder Kunde bekommt hier die Möglichkeit, ein individuelles Finanzkonzept zu erstellen, das genau zur eigenen Lebenssituation passt.

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