Cloud-Ausfall: Sicherheitsfrage oder Politikum?

Die jüngsten Cloud-Ausfälle und fehlerhafte Software-Updates großer US-amerikanischer Konzerne haben gezeigt, wie eng Sicherheit und Technologie, aber auch Politik inzwischen miteinander verflochten sind. Und wie gefährlich diese Abhängigkeiten von Tech-Giganten für Europa geworden sind. Was zunächst aussieht wie ein technischer Fehler und eine Frage der Sicherheit und Verlässlichkeit unserer Systeme sein mag, ist auf den zweiten Blick viel mehr. Nämlich ein Politikum: Wer die digitale Infrastruktur kontrolliert, hat auch wirtschaftliche Stabilität, Kommunikation und im Zweifel ganze Gesellschaften unter seiner Kontrolle. Ein Kommentar von Ismet Koyun.
Von   Ismet Koyun   |  CEO und Gründer   |  KOBIL Gruppe
7. Januar 2026

Cloud-Ausfall:

Sicherheitsfrage oder Politikum?

 

 

Die jüngsten Cloud-Ausfälle und fehlerhafte Software-Updates großer US-amerikanischer Konzerne haben gezeigt, wie eng Sicherheit und Technologie, aber auch Politik inzwischen miteinander verflochten sind. Und wie gefährlich diese Abhängigkeiten von Tech-Giganten für Europa geworden sind. Was zunächst aussieht wie ein technischer Fehler und eine Frage der Sicherheit und Verlässlichkeit unserer Systeme sein mag, ist auf den zweiten Blick viel mehr. Nämlich ein Politikum: Wer die digitale Infrastruktur kontrolliert, hat auch wirtschaftliche Stabilität, Kommunikation und im Zweifel ganze Gesellschaften unter seiner Kontrolle.

 

Warum wir unsere Unabhängigkeit gerade verlieren

Solche Ausfälle haben weitreichende Folgen – von Produktionsstillständen über Datenverluste bis hin zu massiven wirtschaftlichen Schäden. Aber der eigentliche Schaden liegt woanders: in der Erkenntnis, dass Europa seine digitale Souveränität abgegeben hat. Digitale Infrastruktur ist heute so systemrelevant wie Energie- und Wasserversorgung. Ein Großteil der digitalen Basisdienste – von Cloud über KI bis zu Kommunikationsplattformen – liegt inzwischen in der Hand außereuropäischer Konzerne, deren Sicherheits- und Datenschutzstandards sich unserer Kontrolle entziehen. Dadurch entstehen Abhängigkeiten, die im Krisenfall schnell zur strategischen Schwachstelle werden – etwa, wenn Zugänge, Updates oder Supportleistungen plötzlich eingeschränkt oder politisch beeinflusst werden. Ohne eigene, vertrauenswürdige digitale Infrastrukturen kann Europa weder technologische Standards setzen noch seine wirtschaftliche und gesellschaftliche Resilienz langfristig sichern. Wer seine Infrastrukturen nicht selbst in der Hand hat, verliert seine Handlungsfähigkeit – und damit auch politische Unabhängigkeit.

 

Wenn Sicherheit zur Frage der Souveränität wird

Europa hat sein digitales Eigentum in die Aufsicht weniger globaler Anbieter gelegt – aus Bequemlichkeit, aus Streben nach Effizienz und in der Hoffnung, Sicherheit könne man auf diese Weise einfach einkaufen. Doch Sicherheit ist kein Service, sie ist eine Frage der Architektur. Nicht richtig umgesetzt, ist sie ein wirtschaftliches, aber vor allem auch ein strategisches Risiko für Deutschland und Europa. Laufen sicherheitskritische Systeme auf fremden Infrastrukturen, können wir im Ernstfall nicht reagieren und es entstehen Abhängigkeiten, die weder technisch noch politisch schnell aufgelöst werden können. Gerade in Zeiten zunehmender geopolitischer Spannungen zeigt sich, wie riskant diese Abhängigkeit ist – denn digitale Souveränität bedeutet auch Verteidigungsfähigkeit im Cyberraum. Sicherheit entsteht dann, wenn Kryptografie, Schlüsselmanagement und Identitätsprüfung integrale Bestandteile der Infrastruktur sind und von Anfang an hinzugefügt wurden, nicht nachträglich. Ein europäischer Sicherheitsansatz muss daher auf überprüfbare Verschlüsselung, Zero-Trust-Architekturen und kontinuierliche Integritätsprüfungen setzen, um Angriffspunkte systematisch zu minimieren.

Europa braucht dafür eigene Sicherheitsstandards, eigene Plattformen und ein digitales Rückgrat, das auf Vertrauen und Transparenz basiert. Nur so kann gewährleistet werden, dass technologische Innovation nicht zur Achillesferse unserer Demokratie wird.

 

Sicherheit beginnt bei der Identität

In der Cloud geht es nicht um Speicherplatz, sondern um Vertrauen. Und Vertrauen entsteht nur dort, wo Identität, Zugriff und Integrität auch wirklich überprüfbar sind. Doch genau hier liegt Europas Schwachpunkt: Die Identitäts- und Zugriffsmechanismen der großen Cloud-Anbieter sind proprietär und intransparent. Fällt ein Identitätsdienst aus oder wird kompromittiert, steht das gesamte System still. Und das hat fatale Folgen – weltweit. Europa braucht eigene, vertrauenswürdige Identitätsinfrastrukturen – kryptografisch gesichert, unabhängig betrieben und nachprüfbar reguliert. Nur so lässt sich technisch nachvollziehen, wer wann worauf zugreift. Und nur so bleibt Sicherheit überprüfbar und damit vertrauensvoll.

 

Warum wir auch rechtlich fremdbestimmt sind – und welche Folgen das hat

Der kürzliche Cloud-Ausfall hat auch offengelegt, wie stark europäische Unternehmen rechtlich fremdbestimmt sind. Die US-amerikanische Gesetzgebung erlaubt Behörden den Zugriff auf Daten von US-Unternehmen – unabhängig davon, ob die Server in Europa stehen. Damit gilt: Selbst wer sich an die Datenschutzverordnungen aus Europa hält, bleibt angreifbar, solange die Schlüssel zum Datenzugriff außerhalb Europas liegen. Für mich als Sicherheitsunternehmer ist das kein rein juristisches, sondern auch ein technisches Problem: Rechtliche Compliance ohne technische Souveränität ist eine Illusion. Werden Identitäten, Schlüssel und Zugriffsprotokolle in Systemen verwaltet, die wir nicht kontrollieren, werden unsere Daten nicht geschützt. Erst wenn diese auf europäischer Infrastruktur liegen – verschlüsselt, verteilt und durch europäische Instanzen kontrolliert – entstehen Datensicherheit und Vertrauen.

 

Architektur entscheidet: Europas digitale Ökosysteme

Viele Unternehmen reagieren auf die wachsende Abhängigkeit mit Multi-Cloud-Strategien. Doch das ist häufig nur eine Risikoverteilung unter denselben Anbietern – keine echte Unabhängigkeit. Resilienz entsteht erst, wenn Systeme architektonisch entkoppelt sind: Daten, Identitäten und Prozesse müssen so aufgebaut werden, dass sie unabhängig von einem einzelnen Anbieter funktionieren.

Europa braucht keine weitere Cloud, sondern eine einheitliche digitale Infrastruktur, die Sicherheit, Identität und Governance zusammenführt. Jede Anwendung, jeder Dienst nutzt dabei dieselben Sicherheits- und Identitätsstandards – mit Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, klaren Zugriffsrechten und zentralem Compliance-Monitoring. So entsteht ein geschützter Raum, in dem Daten gespeichert, sicher verwaltet und technisch überprüft werden können.

Dies ist die technische Grundlage, die Innovation fördert, ohne Kontrolle zu verlieren. Offene Schnittstellen und interoperable Standards sorgen dafür, dass neue Anbieter andocken können, ohne bestehende Strukturen zu gefährden. Gleichzeitig schaffen föderierte Architekturen Transparenz über Datenflüsse und ermöglichen es, Vertrauen technisch auch wirklich nachzuweisen. So wird Architektur zur geopolitischen Ressource – sie entscheidet darüber, wer in Zukunft digitale Wertschöpfung kontrolliert.

Eigenständige digitale Ökosysteme, made in Europe, sind dafür die Lösung. Sie führen Identität, Kommunikation und Transaktion nach europäischen Maßstäben zusammen und beweisen, dass technologische Unabhängigkeit und regulatorische Konformität vereinbar sind – wenn man Sicherheit by Design integriert und von vornherein berücksichtigt.

 

Politische Unabhängigkeit braucht technische Eigenständigkeit

Digitale Sicherheit und Souveränität sind keine getrennten Disziplinen, sondern zwei Seiten derselben Medaille. Sobald Europa seine Infrastrukturen, Identitätssysteme und Datenräume wieder selbst betreibt, kann es im globalen Wettbewerb mitreden – technologisch, wirtschaftlich und politisch. Technische Eigenständigkeit ist damit nicht nur eine Frage der Innovation, sondern der demokratischen Handlungsfähigkeit. Souveränität beginnt beim Zugriff auf die Infrastrukturen und endet, wenn dieser nicht mehr gewährleistet ist. Wir müssen unsere Datenräume, Schlüssel und Plattformen selbst kontrollieren. Erst dann sind wir nicht länger abhängig von den Entscheidungen anderer Staaten oder Konzerne. Datensouveränität ist längst ein Politikum ist. Wer die Kontrolle über Daten verliert, verliert auch politische Souveränität. Europa muss sich das zurückholen, was ihm zusteht: die eigenen Daten – sicher, verschlüsselt, geprüft und in europäischer Hand.

Deshalb sage ich: Meine Daten gehören mir. Technisch, rechtlich und operativ. Alles andere ist Fremdbestimmung. Und das dürfen wir in Europa nicht länger unterstützen. Die Zukunft liegt in digitaler Souveränität – mit eigener, sicherer Infrastruktur.

Ismet Koyun ist Pionier für digitale Sicherheit sowie Gründer und CEO von KOBIL, Weltmarktführer für digitale Identitäts- und Sicherheitslösungen. Als Kopf hinter Europas einziger SuperApp setzt er sich für die digitale Souveränität Deutschlands ein.

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