KI als Wegbereiter moderner Unternehmenssicherheit

Von   Patrick Muench   |  CSO und Mitgründer   |  Mondoo
13. August 2026

Automatisierung statt Alarmmüdigkeit –

KI als Wegbereiter moderner Unternehmenssicherheit

 

 

 

119 neue Schwachstellen an jedem einzelnen Tag. Diese Zahl nennt das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) in seinem Lagebericht zur IT-Sicherheit in Deutschland 2025, rund 24 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Dazu registrierte die Behörde täglich etwa 280.000 neue Varianten von Schadprogrammen. Auf der anderen Seite dieser Statistik sitzen Menschen, die jede dieser Meldungen bewerten sollen, oft in Teams, die für solche Mengen nie ausgelegt waren.

 

Wenn Warnungen zur Hintergrundmusik werden

Alarmmüdigkeit klingt nach Modewort, beschreibt aber einen lange bekannten psychologischen Effekt. Wer laufend Warnungen erhält, die sich überwiegend als harmlos erweisen, beginnt zu filtern. Erst bewusst, dann unbewusst. Aus der Intensivmedizin ist das Phänomen seit Jahrzehnten dokumentiert, und in Sicherheitsabteilungen wirkt derselbe Mechanismus. Irgendwann geht genau die eine Meldung unter, die einen echten Angriff ankündigt. Ausschlaggebend ist dabei das Verhältnis. Ist der überwiegende Teil der Meldungen belanglos, lernt das Gehirn genau das, und zwar zuverlässig.

Die Personalsituation verschärft das Problem erheblich. In der Studie „State of Cybersecurity 2025“ des Berufsverbands ISACA bezeichnen 55 Prozent der Befragten ihr Sicherheitsteam als unterbesetzt. 66 Prozent empfinden ihre Arbeit als belastender als noch vor fünf Jahren, knapp die Hälfte nennt Dauerstress als wichtigsten Grund für die Abwanderung von Fachkräften. Daraus entsteht ein Kreislauf, den kein Unternehmen wollen kann. Überlastete Teams verlieren Mitarbeiter, und jede unbesetzte Stelle erhöht die Last der Verbleibenden.

Was dabei auf dem Spiel steht, hat der Digitalverband Bitkom beziffert. Seine Untersuchung „Wirtschaftsschutz 2025“ schätzt den jährlichen Schaden durch Cyberangriffe auf die deutsche Wirtschaft auf 202,4 Milliarden Euro. 87 Prozent der gut tausend befragten Unternehmen berichteten, in den zwölf Monaten zuvor Ziel von Datendiebstahl oder Sabotage gewesen zu sein. Besonders deutlich fällt der Befund bei Ransomware aus. 34 Prozent der Unternehmen waren betroffen, fast dreimal so viele wie noch 2022.

 

Mehr Werkzeuge erzeugen vor allem mehr Meldungen

Die reflexhafte Antwort auf diese Lage war jahrelang der Kauf zusätzlicher Sicherheitsprodukte. Das Ergebnis ist ernüchternd. Jedes weitere Werkzeug produziert eigene Befunde nach eigener Bewertungslogik, und die Konsolen vervielfachen sich schneller als die Menschen, die vor den Monitoren sitzen und alle Zügel in der Hand behalten müssen. Der Scanner meldet eine Lücke im Webserver, das Cloud-Werkzeug zeitgleich eine offene Speicherfreigabe. Welcher Befund zuerst behoben gehört, verrät keines der beiden Systeme. Auch die Bewertungsskalen driften auseinander. Was ein Werkzeug als kritisch ausweist, erscheint im nächsten als mittleres Risiko, und das Zusammenführen dieser Urteile übernimmt in vielen Häusern noch eine Tabellenkalkulation.

Dazu kommt ein Konstruktionsfehler des klassischen Schwachstellenmanagements. Scanner sind gut darin, Probleme zu finden, und erstaunlich schlecht darin, sie loszuwerden. Zwischen Befund und Behebung liegen Ticketsysteme und ungeklärte Zuständigkeiten, oft auch schlicht das fehlende Wartungsfenster. So wächst der Rückstand von Woche zu Woche, während draußen im Schnitt alle zwölf Minuten eine neue Schwachstelle veröffentlicht wird.

Hinzu kommt, dass die üblichen Schweregrad-Bewertungen wenig darüber verraten, was ein Angreifer tatsächlich anstellen kann. Die US-Cybersicherheitsbehörde CISA führt in ihrem Katalog der nachweislich ausgenutzten Schwachstellen nur einen winzigen Bruchteil aller jemals vergebenen CVE-Einträge. Wer stur nach Punktwert abarbeitet, verbrennt Arbeitszeit an Lücken, die nie jemand angreifen wird, und übersieht womöglich die unscheinbare Fehlkonfiguration, über die ein Eindringling wirklich ins Netz kommt.

 

Was künstliche Intelligenz tatsächlich anders macht

An dieser Stelle setzt der jüngste Entwicklungssprung an. KI-gestützte Sicherheitsplattformen behandeln die Flut an Einzelmeldungen nicht länger als Liste, die ein Mensch von oben nach unten abarbeitet, sondern als Rohmaterial für Kontextanalyse. Ist die verwundbare Komponente von außen überhaupt erreichbar? Hängt an dem betroffenen Server ein kritischer Geschäftsprozess? Solche Fragen beantworten agentenbasierte Systeme heute in Sekunden, indem sie Schwachstellendaten mit Informationen über tatsächlich ausgenutzte Exploits und mit dem Wissen über die eigene Infrastruktur und den eigenen Betrieb verknüpfen. Aus tausend gleich lauten Warnungen wird eine kurze, begründete, kontextualisierte Rangfolge. Voraussetzung dafür ist allerdings ein belastbares Bild der eigenen Systeme. Wo niemand weiß, welche Dienste auf welchen Maschinen laufen und wer sie verantwortet, priorisiert auch das beste Modell ins Leere.

Der zweite Schritt reicht weiter. Agentische Systeme bereiten Behebungsmaßnahmen inzwischen selbst vor, vom fertigen Patch-Plan bis zur korrigierten Konfiguration, und führen sie nach menschlicher Freigabe aus. Damit verschiebt sich die Rolle des Sicherheitsteams hin zu der eines überwachenden Orchestrators. Statt am Anfang eines Fließbands aus Rohmeldungen zu stehen, prüft es am Ende begründete Entscheidungsvorlagen. Diese Umkehrung entlastet exakt dort, wo Alarmmüdigkeit entsteht, nämlich bei der monotonen Vorsortierung, für die menschliche Aufmerksamkeit das denkbar schlechteste Werkzeug ist. Übrig bleibt die Arbeit, die Urteilsvermögen verlangt, etwa Architekturentscheidungen oder die Abwägung von Restrisiken gegen Betriebsanforderungen. Genau dafür wurden Sicherheitsfachleute einmal ausgebildet, und genau dazu kommen viele von ihnen seit Jahren kaum noch.

 

Aufsicht lässt sich nicht wegautomatisieren

Wer daraus ableitet, künstliche Intelligenz löse das Sicherheitsproblem im Alleingang, wiederholt den alten Fehler des Werkzeugglaubens im neuen Paradigma. Sprachmodelle können Zusammenhänge falsch einordnen und Prioritäten falsch setzen. Zu jeder ernsthaften Automatisierung gehören deshalb nachvollziehbare Prüfpfade und klar geregelte Freigaben, gerade wenn ein System selbstständig in produktive Umgebungen eingreift. Auch die Regulierung zieht hier Leitplanken ein. Die europäische NIS-2-Richtlinie und die EU-Verordnung DORA für den Finanzsektor verlangen nachweisbare, kontinuierliche Prozesse im Umgang mit Schwachstellen und nehmen die Leitungsebene ausdrücklich in die Pflicht. Wer Entscheidungen an Modelle abgibt, muss darlegen können, auf welcher Grundlage sie gefallen sind. Ohne diesen Nachweis bleibt die schnellste Behebung ein Vorgang, den im Zweifelsfall niemand verantworten kann.

Realistisch betrachtet steht den meisten Unternehmen ohnehin keine Wahl zwischen menschlicher und maschineller Sicherheitsarbeit offen. Die Bedrohungslage wächst schneller als jeder Stellenplan, und der Arbeitsmarkt gibt die fehlenden Fachkräfte auf absehbare Zeit nicht her. Umso wichtiger wird die Frage, wofür die vorhandenen Menschen ihre Zeit einsetzen. Eine Sicherheitsorganisation, die ihre Expertinnen und Experten von der Vorsortierung des Alarmrauschens befreit, gewinnt die Ressource zurück, an der es am meisten mangelt. Aufmerksamkeit.

 

 

Patrick Münch ist CSO & Mitgründer von Mondoo. Als Experte für IT-Sicherheit baute er bei der SVA GmbH ein erfolgreiches Team für Penetrationstests und Incident Response auf, um das Sicherheitsniveau von Unternehmen zu stärken und die Auswirkungen von Hackerangriffen zu begrenzen. Seine Schwerpunkte liegen in der Absicherung von Infrastrukturen sowie im Hacken von Hard- und Software. Bei Mondoo nutzt er seine langjährige Erfahrung, um Kunden vor Cybersecurity-Bedrohungen zu schützen.

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