Hyground wurde kürzlich als Awardgewinner der DIGICON 2025 ausgezeichnet. Wie seid ihr ursprünglich auf die DIGICON aufmerksam geworden – und welche Eindrücke habt ihr von der Veranstaltung und dem Austausch vor Ort mitgenommen?
Dominik Rehbock: „Wir sind auf die DIGICON aufmerksam geworden durch einen Freund, der zuvor an der Veranstaltung teilgenommen hatte und uns den Austausch ausdrücklich ans Herz gelegt hat. Sein Eindruck war, dass hier nicht über Technologie um ihrer selbst willen gesprochen wird, sondern über ihren konkreten Nutzen und ihre Wirkung in der Praxis. Dieser Eindruck hat sich vor Ort bestätigt. Die Gespräche waren offen und inhaltlich tief, mit einem klaren Fokus auf reale Herausforderungen wie wachsende Systemkomplexität, Fachkräftemangel und den steigenden Anspruch an stabile, resiliente digitale Infrastrukturen.“
Digitale Infrastrukturen werden immer komplexer – gleichzeitig steigt der Druck auf die Teams, Störungen schneller und zuverlässiger zu beheben. Euer Produkt setzt genau hier an und nutzt KI zur automatisierten Analyse und Lösung von IT-Incidents.
Wie ist dieses Geschäftsmodell entstanden – und wo seht ihr heute den größten Mehrwert für Organisationen, die hochverfügbare Systeme betreiben?
Dominik Rehbock: „Hyground ist direkt aus der operativen Realität heraus entstanden. Unser CTO hat bei Bloomberg hochkritische Handelssysteme betrieben, bei denen jede Minute Ausfall massive finanzielle Auswirkungen hatte. Unser CPO bringt langjährige Erfahrung aus Observability und Software Testing ein, mit der wiederkehrenden Erfahrung, dass viele Fehler trotz moderner Tools erst im Live-Betrieb sichtbar werden. Beide haben unabhängig erlebt, wie viel Zeit DevOps- und SRE-Teams in manueller Ursachenanalyse verlieren. Unser größter Mehrwert liegt heute darin, diesen Zustand spürbar zu verändern. Hyground automatisiert die Root-Cause-Analyse, korreliert Signale aus Logs, Metriken und Changes und liefert schnell belastbaren Kontext. So gewinnen Teams Zeit für Stabilität, Kostenoptimierung und Weiterentwicklung – statt dauerhaft am Feuerlöschen bzw. Incident-Modus zu sein.“
Hyground richtet sich gezielt an DevOps- und SRE-Teams, also an Zielgruppen, für die Stabilität, Sicherheit und Verlässlichkeit essenziell sind.
Wie gelingt es euch, in diesem sensiblen Umfeld Vertrauen in KI-gestützte Automatisierung aufzubauen und Akzeptanz für neue, teilautomatisierte Arbeitsweisen zu schaffen?
Dominik Rehbock: „Vertrauen entsteht im IT-Betrieb nicht durch große Versprechen, sondern durch Kontrolle, Transparenz und reproduzierbare Ergebnisse. Deshalb ist Hyground bewusst so konzipiert, dass die KI keine Entscheidungen ersetzt, sondern bestehende Entscheidungen schneller, fundierter und nachvollziehbar macht. Jede Analyse ist erklärbar und lässt sich auf konkrete Logs, Metriken oder Changes zurückführen. Zudem kann die Automatisierung schrittweise eingeführt werden, wobei all Teams mit Analyse- und Priorisierungshilfen und starten. Die Verantwortung bleibt jederzeit beim Menschen. In der Praxis sehen wir, dass genau dieser Ansatz Stress reduziert, Ausfallzeiten verkürzt und Akzeptanz schafft – weil die KI als verlässliche Unterstützung wahrgenommen wird, nicht als Black Box.“
Automatisierte Entscheidungen durch KI werfen immer auch Fragen nach Verantwortung und Transparenz auf.
Wie begegnet ihr diesen ethischen Herausforderungen – insbesondere dann, wenn Systeme in kritischen IT-Situationen eigenständig Handlungsvorschläge oder Entscheidungen treffen?
Dominik Rehbock: „Für uns beginnt verantwortungsvolle KI mit klar definierten Systemgrenzen. Hyground trifft heute keine autonomen Entscheidungen in Produktionssystemen. Unsere KI analysiert Incidents, priorisiert Ursachen und schlägt konkrete Maßnahmen vor – die Ausführung bleibt beim Menschen. Das ist bewusst so gewählt, um Transparenz, Auditierbarkeit und Vertrauen zu gewährleisten, gerade im Enterprise-Umfeld. Wir orientieren uns an einem Reifegradmodell, vergleichbar mit autonomem Fahren. Aktuell agieren wir auf Assistenzniveau: Die KI unterstützt unter Zeitdruck mit nachvollziehbaren Empfehlungen und Kontext. Perspektivisch sehen wir kontrollierte Automatisierung, bei der Kund:innen explizit festlegen, welche Aktionen erlaubt sind. Unser Anspruch ist klar: KI soll Verantwortung nicht verschieben, sondern menschliche Entscheidungen sicherer machen.“
Viele erfolgreiche SaaS-Lösungen setzen heute nicht nur auf Software, sondern auf langfristige Zusammenarbeit. Inwiefern ist euer Geschäftsmodell auf nachhaltige Partnerschaften mit Kund:innen ausgelegt – und welche Rolle spielt gemeinsames Lernen dabei?
Dominik Rehbock: „Nachhaltige Partnerschaften sind für uns essenziell. In der Praxis arbeiten wir eng mit unseren Kund:innen zusammen, oft mit regelmäßigen Austauschformaten. Unser Ziel ist es, langfristig Vertrauen aufzubauen und gemeinsam messbare Verbesserungen im Betrieb zu erreichen und keinen Vendor-Lock-in zu kreieren. Die Software Hyground ist kein Tool, das man einmal installiert und dann vergisst, sondern ein lernender Begleiter im operativen IT-Alltag. Dabei lernt (die Software) Hyground kontinuierlich die spezifische Systemlandschaft, Prozesse und typischen Fehlerbilder eines
Unternehmens kennen.
Wenn von „Impact“ die Rede ist, denken viele zunächst an wirtschaftliche Kennzahlen.
Wie definiert würdet ihr hier z.B. gesellschaftlichen Impact im Kontext eurer Technologie einschätzen – etwa mit Blick auf Arbeitsrealitäten, Stressreduktion und die Entfaltung menschlicher Potenziale in technischen Teams?
Dominik Rehbock: „Gesellschaftlicher Impact beginnt für uns im Arbeitsalltag technischer Teams. Der IT-Betrieb ist häufig geprägt von hohem Druck, Rufbereitschaft und Stresssituationen. Indem Hyground komplexe manuelle Analysearbeit übernimmt und Zusammenhänge transparent macht, schaffen wir spürbare Entlastung. Teams müssen weniger Zeit im reaktiven Krisenmodus verbringen und gewinnen Kapazitäten für wertschöpfende Aufgaben, etwa Kostenoptimierung oder den Aufbau resilienterer Systeme. Das verändert Arbeitsrealitäten: weniger Dauerstress, mehr Planbarkeit und mehr Raum für fachliche Weiterentwicklung. Unser Anspruch ist es, Technologie so einzusetzen, dass sie Menschen stärkt – nicht, dass sie sie weiter unter Druck setzt.“
Ein zentrales Versprechen von KI ist die Übernahme repetitiver und zeitintensiver Aufgaben. Andererseits; Digitalisierung und Automatisierung versprechen Effizienz, gehen aber nicht selten mit steigender Arbeitsbelastung einher. Welche Auswirkungen beobachtet ihr dadurch konkret auf Teamkultur, Zusammenarbeit und Rollenverständnis in technischen Organisationen?
Dominik Rehbock: „Wir beobachten hauptsächlich eine Verschiebung von Arbeit und sekundär eine Reduktion von Arbeit. Der entscheidende Effekt liegt auf Klarheit und Zusammenarbeit. Hyground schafft eine gemeinsame, objektive Sicht auf Incidents, die Teams aktiv miteinander teilen. Viele Kund:innen berichten, dass sie unsere Analysen direkt in Reviews verwendet werden, weil sie schnell verständlich machen, warum ein Problem entstanden ist. Das fördert eine sachliche, konstruktive Zusammenarbeit. Rollen verändern sich dahingehend, dass weniger Zeit in hektischer Ursachenforschung verloren geht und mehr Fokus auf Entscheidungen, Priorisierung und nachhaltige Verbesserungen gelegt wird.
Oft lassen sich technologische Mehrwerte besonders gut an konkreten Momenten festmachen. Gibt es eine Situation oder ein Kundenfeedback, das exemplarisch zeigt, welchen gesellschaftlichen oder menschlichen Mehrwert eure Lösung in extremen Stress- oder Krisensituationen geschaffen hat?
Dominik Rehbock: „Ein typisches Beispiel stammt aus dem On-Call-Betrieb. Ein Incident tritt nachts auf und löst einen Alarm aus. Noch bevor der On-Call Engineer am Rechner ist, hat Hyground bereits relevante Signale aus Logs, Metriken und Kubernetes-Status zusammengeführt, eine strukturierte Problembeschreibung erstellt und Ursache-Hypothesen formuliert. Der Engineer startet also nicht bei null, sondern mit Kontext und klaren nächsten Schritten. Für viele Teams ist genau das der Unterschied zwischen chaotischem Suchen unter Zeitdruck und kontrolliertem Arbeiten in einer Stresssituation – gerade nachts ein enormer menschlicher Mehrwert.
Mit Blick auf die kommenden Jahre: Wie schätzt ihr die Zukunft der KI-gestützten IT- Startups im Kontext nachhaltiger digitaler Infrastrukturen ein – und welche Chancen, aber auch Risiken seht ihr in den nächsten fünf (bzw. fünfzehn) Jahren?
Dominik Rehbock: „In den nächsten fünf Jahren wird sich zeigen, welche KI-Startups echten operativen Mehrwert liefern. Entscheidend wird sein, ob sich Lösungen sauber in bestehende, nachhaltige Infrastrukturen integrieren lassen und messbare Ergebnisse erzielen. Wir sehen zunehmende Nachfrage aus regulierten Branchen, folglich liegt eine große Chance in Datensouveränität insbesondere in Europa: KI-Systeme, die on-prem oder kontrolliert in europäischen Umgebungen laufen, werden an Bedeutung gewinnen. Das größte Risiko liegt aus unserer Sicht in reinen KI-Wrappern ohne tiefes Systemverständnis. Ohne Integrationstiefe und belastbare Outcomes bleibt der Mehrwert austauschbar. Langfristig werden sich diejenigen durchsetzen, die Technologie, Betrieb und Verantwortung zusammen denken.“
Viele Gründer:innen möchten mit KI skalieren, und mit einem Startup echten Mehrwert
schaffen. Welche Erfahrungen oder Ratschläge würdet ihr Teams mitgeben, die einen
ähnlichen Anspruch verfolgen?
Dominik Rehbock: „Bevor man mit KI skaliert, sollte das zugrunde liegende Problem bei einer relevanten Anzahl realer Kund:innen tief verstanden sein. Unsere Erfahrung zeigt, dass es mindestens zehn bis zwanzig Organisationen mit sehr ähnlichen Pain Points braucht, um ein tragfähiges Produkt zu bauen. Die größte Gefahr besteht darin, sich zu früh in individuelle Sonderlösungen für einzelne Großkund:innen zu verstricken. Das erzeugt kurzfristig Umsatz, verhindert aber Produktfokus, Skalierbarkeit und saubere Lernschleifen für KI. Nachhaltiger Erfolg entsteht dort, wo ein echtes Kernproblem gelöst wird – wiederholbar, nachvollziehbar und mit messbarem Nutzen.









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