Was derzeit Digitalisierungsstrategien beflügelt

Digitalisierungsstrategien können heute längst nicht mehr ausschließlich im technischen Mikrokosmos betrachtet werden. Globale Einflussfaktoren haben gerade in den letzten drei Jahren belegt, dass Unternehmen den Blick verstärkt auf das große Ganze richten müssen, um weiter handlungsfähig zu bleiben. Wenn das Weltgeschehen unvorhersehbare Wendungen nimmt in Form von kriegerischen Auseinandersetzungen, Energiekostenexplosion, Lieferkettenengpässen, Pandemien und Umweltkatastrophen, wird der Ruf nach ganzheitlicher Resilienz laut.

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31. Oktober 2022

Wie muss sich ein Unternehmen aufstellen, um auf solche externen Faktoren agil reagieren zu können und was bedeutet das für die Digitalisierungsstrategien? Vier Faktoren beflügeln die digitalen Diskussionen derzeit.

Größere Agilität für Unternehmen

Die IT ist gefordert, größere Agilität für den Geschäftsbetrieb bereitzustellen. Erneut wird damit der Beweis erbracht, dass die IT heute sehr viel mehr leistet, als lediglich die technische Infrastruktur am Laufen zu halten. Der CIO nimmt im Zuge von Digitalisierungsstrategien immer öfter einen Platz in der Diskussionsrunde auf der Geschäftsleitungsebene ein, denn dort müssen die Weichen für einen flexiblen und zugleich resilienten Betrieb aller digitalen Architekturen gestellt werden. Im Wesentlichen geht es dabei um die Neustrukturierung der Informations- (IT) und Operations-Technologie (OT) in der Cloud als Basis für die größere Agilität und damit schnellstmögliche Reaktionsfähigkeit auf äußere Einflüsse. Es gilt zur kontinuierlichen Umsetzung der Geschäftsziele beizutragen und dafür die Abhängigkeiten des Geschäftsbetriebs zu evaluieren.

Dazu müssen in einem ersten Schritt alle Geschäftsabläufe hinterfragt und gegebenenfalls neu bewertet werden. Nicht nur smarte Arbeitsplatzmodelle auf Ebene der Mitarbeitenden und die Zugriffswege auf Anwendungen und Daten in der Cloud fallen darunter, sondern auch die Digitalisierung von Produktionsabläufen und die Abbildung von externen Partnerschaften sowie die Bereitstellung der IT im Allgemeinen. Denn wenn Cloud-first Infrastrukturen als Basis für mehr Agilität eingeführt werden, ist ein radikaler Change Management-Prozess erforderlich, der die täglichen Arbeitsabläufe des IT-Teams beeinflusst. Durch die Cloud lassen sich die herkömmlichen Hardware-fokussierten Infrastrukturen ablösen und damit auf lange Sicht agilere IT-Ökosysteme aufbauen.

In einen solch ganzheitlichen Ansatz müssen die vorhandene Netzwerklandschaft, die Konnektivität, die Applikations-Ebene und vor allem die IT-Sicherheit einbezogen werden. Lange Zeit hatten Unternehmen beim Gedanken an eine Transformation nur das Bild vor Augen, ihre Anwendungen in Multicloud-Umgebungen zu verlagern oder ihre Produktionsanlagen zu digitalisieren. Auch wenn diese Wandelprozesse ursprünglich durch die Cloud losgetreten werden, sind heute für eine strategische Digitalisierung weitreichendere Veränderungen erforderlich. Nicht nur die Applikations-Vorhaltung und der Zugriff auf Workloads muss dazu umgestaltet werden, sondern auch die klassischen Netzwerkarchitekturen.

Die Digitalisierung und das hybride Arbeiten treiben den Bedeutungsverlust eines klassischen Hub-& Spoke-Netzwerks voran. Das Netz rund um das Rechenzentrum ist nicht mehr wichtig, wenn Applikationen im Internet vorgehalten werden und User, Geräte und Applikationen selbst von überall aus auf Daten zugreifen. Es spielt auch keine Rolle mehr, wo sich z.B. der User befindet und über welchen Kanal seine Daten fließen, solange der nahtlose und sichere Zugriff auf Anwendungen sichergestellt ist. Grundlage für mehr Agilität ist dementsprechend eine Netzwerk-agnostische Konnektivität. Daher ist für viele Unternehmen die Einführung einer Zero Trust-Architektur unausweichlich, um die digitale Transformation meistern zu können.

Vereinfachung reduziert Kosten

Die neue Aufgabe des CIOs ist es also, einen Business-Mehrwert durch die Schaffung flexiblerer Infrastrukturen zu erzielen und dabei auch ein Augenmerk auf die Digitalisierung von Prozessen zu legen. Daher gilt es, vorhandene Infrastrukturen als Grundlage für die Transformation umzugestalten. Durch den Umbau einer Hardware-zentrierten Infrastruktur zugunsten größerer Agilität durch Cloud-first-Umgebungen kann eine Vereinfachung der Infrastruktur herbeigeführt werden. Zusätzlich geht es jedoch um die Optimierung von Prozessen und der Time to Value.
Ein Beispiel dazu aus der Logistik: Gerade in der Kontraktlogistik ist die Eröffnung und Schließung von Lagerhäusern wichtig. In diesem Szenario bedeutet Zeit Geld. Der Bau eines Lagerhauses benötigt seine Zeit, allerdings muss auch die Bereitstellung der IT-Infrastruktur für die Konnektivität als Zeitfresser berücksichtigt werden, bevor ein Lagerhaus produktiv gehen kann. Die IT kann hierbei mit innovativen Methoden bei der Prozessoptimierung helfen. Unabhängig von der Netzwerkinfrastruktur gilt es beispielsweise, via 4G und 5G den Zugriff von Mitarbeitenden und/oder Geräten auf Daten zu ermöglichen und durch kurze Wege und direkte Konnektivität Zeit und damit Geld einzusparen.

Generell gilt es festzuhalten, dass die Digitalisierung darüber hinaus einen großen Faktor für die Nachhaltigkeitsbemühungen von Unternehmen darstellt. In welche Richtung der Energieverbrauch dabei zu Buche schlägt, haben die Unternehmen selbst in der Hand, denn sie können die Energieeffizienz der Digitalisierungsmaßnahmen beeinflussen. In einem ersten Schritt kommen die Unternehmen nicht um ihre Energiebilanzierung herum. Die IT ist dabei die Schaltzentrale, um die Daten für die Emissionsbilanz zu erfassen. Aufbauend auf dem erhobenen Fußabdruck können Maßnahmen zur Reduktion des Energieverbrauchs eingeleitet werden.

So sollten Unternehmen beispielsweise hinterfragen, ob die vorgehaltene Infrastruktur tatsächlich in der Gänze erforderlich ist oder auch teilweise eingeschränkt werden kann. Durch die Cloud erhalten Unternehmen das Gefühl, Speicherkapazität und Rechenleistung in unendlichen Maßen zu besitzen. Sie sollten dennoch darauf achten, mit dieser Ressource nicht verschwenderisch umzugehen. Die gleichen Hygienemaßnahmen gilt es bei der Datenvorhaltung und -erfassung anzusetzen. Welche Daten werden tatsächlich benötigt oder können gar gelöscht werden? Auch der versteckte Energieverbrauch, der durch aufwendige Pfade von der Anwendung bis zur Verarbeitung entsteht, muss berücksichtigt werden. Schon heute sollten Unternehmen darüber hinaus bei der Auswahl ihrer Lösungsanbieter auf deren ökologischen Fußabdruck achten und Vergleiche zur bestehenden Infrastruktur ziehen. Meist werden sie dabei zu dem Schluss kommen, dass die Cloud auch in Punkto Energieeffizienz ihre Vorteile ausspielen kann. Umso wichtiger ist die Erkenntnis, dass die IT eine Schlüsselrolle einnehmen muss, um die übergeordneten Nachhaltigkeitsziele durch eine Digitalisierung von Prozessen zu erreichen.

Risikoabwägung und Risikokontrolle

Unumgänglich für die Risikoabwägung des Geschäftsbetriebs ist eine lückenlose Überwachung aller Datenströme, die durch die Digitalisierung entstehen. Doch dieser ganzheitliche Einblick fehlt nicht selten, wenn Workloads und OT-Umgebungen in Silos vorgehalten werden, die nicht von einer einheitlichen Sicherheitsinstanz überwacht werden. Ein Unternehmen muss sich seiner Angriffsflächen bewusst werden, die durch redundante Domänen, Hardware und Workloads entstehen können, die vielfach offen über das Internet erreichbar sind. Einfallstore für Angreifer entstehen auf vielfältige Art und Weise. Einerseits können unentdeckte Konfigurationsmängel im Entwicklungsprozess von Applikationen bereits kritische Daten exponieren oder fehlerhafte Zugriffsrechte sorgen für Schwachstellen, die von Angreifern ausgebeutet werden können.

Dabei sollte die Konvergenz, die durch das Zusammenwachsen von IT- und OT-Infrastrukturen im Zuge der Digitalisierung entsteht, nicht außer acht gelassen werden. Hier kann die IT-Sicherheit ihre Kenntnisse aus der Absicherung von IT-Umgebungen in digitalisierte Produktionsumgebungen und deren Datenströme einbringen. Sicherheit auf Basis eines Zero Trust Ansatzes wird dabei zum Eckpfeiler der Transformation in ein digitales Ökosystem. Damit wird die IT-Abteilung in die Lage versetzt, alle Datenströme zu überwachen und Zugriffsberechtigungen auf alle IT- und OT-Umgebungen zu kontrollieren. Zero Trust wird heute als Motor der Digitalisierung betrachtet und dient gleichzeitig dazu, resiliente Infrastrukturen zu schaffen.

Produktivität der Mitarbeiter erhalten

Im Zuge der Digitalisierung kann die Produktivität zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor werden. Die Aufrechterhaltung der Produktivität geht mit der Verfügbarkeit des Zugriffes auf alle benötigten Systeme und Applikationen einher, unabhängig davon, von wo aus der Zugriff geschieht. Wenn die Unternehmung weltweit verteilt ist und in hybriden Umgebungen arbeitet, ist es wichtig zu wissen, wer die Nutzer, Workloads und/oder Geräte sind, welche Services und Anwendungen sie in Anspruch nehmen und wo sich die von ihnen benötigten Daten befinden. Die Automatisierung der Kontrolle von Datenflüssen kann Geschwindigkeit, Genauigkeit und Effizienz verbessern.
Oft sind die Daten in unterschiedlichen Systemen vorhanden, die kaum integriert sind, oder sie müssen im schlimmsten Fall manuell analysiert werden. Dadurch werden Geschäftsentscheidungen verlangsamt und es entsteht Zeit- und Arbeitsaufwand, den Unternehmen stemmen müssen. Visibilität in die Datenströme kann die Grundlage für Optimierungspotenzial bieten. Daher lohnt es sich, mithilfe von Konsolen den Fluss der Daten automatisch überwachen zu lassen, sodass stets die Konnektivität zwischen Nutzern, Daten und Anwendungen gegeben ist, aber auch Compliance-Vorgaben eingehalten werden.

Ein Plattform-Ansatz ermöglicht beispielsweise den performanten Zugang für User zu Anwendungen und Systemen bei Online-Videokonferenzen aus dem Homeoffice. Hier kommt heute bereits künstliche Intelligenz (KI) zum Einsatz, um Probleme der Konnektivität rechtzeitig zu erkennen, bevor sie zu einem negativen Anwendererlebnis mit Verbindungsabbruch führen kann. Dabei wird die manuelle Bearbeitung der Fehlersuche im Helpdesk abgelöst durch automatisierte Prozesse. Störungen werden unter Einbeziehung verschiedener Parameter automatisch erkannt und behoben. Tools zur Überwachung der digitalen Anwendererfahrung identifizieren Problemfälle in der Benutzererfahrung und erlangen zentrale Bedeutung in hybriden Arbeitsumgebungen.

Stillstand ist der Feind der Digitalisierung

Noch immer gehen Unternehmen zu häufig mit einer taktischen Denkweise an IT-Aufgabenstellung heran. Eine strategische Digitalisierung auf Basis der vier beschriebenen Faktoren erfordert Weitblick und Kooperation auf verschiedenen Abteilungsebenen, die von der Firmenleitung ausgehen muss. Um eine ganzheitliche Digitalisierung einzuläuten, die zur Prozessoptimierung und -automatisierung führt, müssen vielerlei Bereiche des Unternehmens wie IT, Sicherheit, Compliance, Betrieb oder Verwaltung bereits in der Planungsphase einbezogen werden. Dies führt zu einer vollständigen Sicht auf die Wertschöpfung der Digitalisierung und den Beitrag, der dadurch für den Geschäftsbetrieb geleistet werden kann. Anstelle sich also derzeit Veränderungen zu verschließen, sollten Unternehmen die unruhigen Zeiten nutzen, um ihre IT-Infrastruktur neu zu bewerten und Veränderungsprozesse schrittweise auf den Weg bringen. Da auch Rom nicht an einem Tag erbaut wurde, kann eine Neuausrichtung der Sicherheitsinfrastruktur auf Basis von Zero Trust den Anfang bilden, um die Transformation einzuleiten und das Mandat des CIOs zu unterstützen.

Kevin Schwarz ist als Director Transformation Strategy tätig und berät Kunden bei zur Digitalisierung. Er besitzt Erfahrung im Projekt- und Programm-Management und verantwortete Software-Entwicklungs- und Infrastrukturprojekte in der Telekommunikation und IT-Sicherheit eines Dax-Unternehmens.

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