Intelligente Automatisierung als strategische Schlüsseltechnologie

Industrieunternehmen stehen unter wachsendem Druck. Orientierung bietet hier der „State of Industrial Automation“-Report von Universal Robots, der auf Basis einer internationalen Befragung zeigt, welche Rolle intelligente Automatisierung und kollaborierende Roboter dabei zunehmend spielen. Im Interview erklärt Gregor Spieker, Sales Leader bei Teradyne Robotics (Universal Robots), warum sich Automatisierung von starren Systemen zu lernfähigen Partnern entwickelt – und was die Studienergebnisse über den Reifegrad der Industrie verraten.
Interview von Gregor Spieker
17. Februar 2026
Interviewpartner
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Intelligente Automatisierung als strategische Schlüsseltechnologie

 

Industrieunternehmen stehen unter wachsendem Druck: Fachkräftemangel, volatile Lieferketten und steigende Effizienzanforderungen zwingen sie dazu, bestehende Produktions- und Logistikprozesse neu zu denken. Orientierung bietet der „State of Industrial Automation“-Report eines Marktführers für kollaborative Robotik, der auf Basis einer internationalen Befragung aufzeigt, welche Rolle intelligente Automatisierung und kollaborierende Roboter dabei spielen.

 

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Im Interview erläutert Gregor Spieker, Sales Leader bei einem führenden Anbieter für kollaborative Robotik, warum sich Automatisierung vom starren System zum lernfähigen Partner wandelt. Zudem ordnet er ein, was die Studienergebnisse über den Reifegrad der Industrie erkennen lassen.

 

Herr Spieker, die Studie zeigt eine klare Dynamik in der industriellen Automatisierung. Woran machen Sie diesen Wandel fest?

Spieker: „Der Wandel zeigt sich vor allem darin, wie Automatisierung heute bewertet wird. In der Befragung äußern sich 84 Prozent der Fachkräfte positiv zu kollaborierenden Robotern, während lediglich drei Prozent sie grundsätzlich ablehnen. Das ist ein starkes Signal. Automatisierung wird nicht mehr als Bedrohung wahrgenommen, sondern als pragmatisches Mittel, um mit steigender Komplexität umzugehen. Roboter werden inzwischen als lernfähige Systeme verstanden, die Prozesse unterstützen und stabilisieren können.

Entscheidend ist dabei der signifikant gestiegene Reifegrad im Umgang mit Automatisierung. Viele Unternehmen verfügen heute bereits über praktische Erfahrung mit Robotik und bewerten Technologien nicht mehr theoretisch, sondern auf Basis realer Anwendungsszenarien. Automatisierung wird damit zunehmend als verlässlicher Bestandteil des operativen Alltags verstanden – nicht als experimentelle Zukunftstechnologie.“

 

Welche Motive treiben Unternehmen aktuell besonders stark in Richtung Automatisierung?

Spieker: „Der Report bestätigt, dass klassische wirtschaftliche Ziele im Vordergrund stehen. Produktivitätssteigerung, Kostensenkung und Qualitätsverbesserung sind die dominierenden Treiber. Besonders interessant ist dabei, dass diese Motive nicht isoliert betrachtet werden. Automatisierung soll gleichzeitig effizienter machen und Risiken reduzieren. Damit wird ersichtlich, dass Unternehmen heute über Automatisierung strategischer denken als noch vor einigen Jahren.

Hinzu kommt ein spürbarer operativer Druck. Fachkräftemangel, steigende Kosten und Variantenvielfalt fordern flexible Lösungen. Automatisierung wird daher gezielt eingesetzt, um Engpässe im Tagesgeschäft abzufedern und eine gleichbleibende Leistungsfähigkeit dauerhaft zu gewährleisten. Das macht sie zu einem wichtigen Instrument zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit.“

 

Wie ordnen Sie die Situation speziell in Deutschland ein?

Spieker: „Deutschland spielt eine besondere Rolle. Bereits 35 Prozent der Unternehmen setzen kollaborierende Roboter ein, weitere 31 Prozent planen den Einsatz. Das unterstreicht eine hohe Marktdurchdringung und zugleich signifikantes Wachstumspotenzial.

Auffällig ist dabei die klare Prioritätensetzung: Deutsche Unternehmen treiben vor allem robotik- und hardwarebasierte Automatisierung konsequent voran. Datenbasierte oder KI-gestützte Anwendungen werden hingegen dort implementiert, wo ihr Nutzen sich im laufenden Betrieb konkret nachvollziehen lässt. Investitionen werden gezielt geprüft und unter Berücksichtigung von Qualität, Skalierbarkeit und langfristiger Stabilität umgesetzt.“

 

Beim Thema Künstliche Intelligenz zeigt sich dennoch eine gewisse Zurückhaltung. Wie erklären Sie diesen Befund?

Spieker: „Die Zurückhaltung ist weniger Skepsis als vielmehr ein Ausdruck von Pragmatismus. Unternehmen stellen sehr konkrete Fragen: Wie lässt sich KI in bestehende Prozesse integrieren? Wie stabil ist sie im industriellen Dauerbetrieb? Die Studie belegt, dass KI dann eingesetzt wird, wenn sich ein unmittelbarer betrieblicher Mehrwert ergibt. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn Prozesse optimiert oder Fehler vermieden werden sollen.  Hier sehen wir einen kontrollierten, aber nachhaltigen Einsatz.

Gleichzeitig stehen viele Unternehmen vor Herausforderungen wie heterogenen Maschinenlandschaften, proprietären Schnittstellen und fehlenden Standards. Genau diese Faktoren nennt die Studie als Bremser für den breiten Einsatz von KI. Daraus lässt sich ableiten, dass Technologien wie offene Kommunikationsstandards oder vereinfachte Integrationskonzepte entscheidend dafür sind, KI schrittweise in die industrielle Praxis zu überführen.“

 

International betrachtet ist der Optimismus gegenüber intelligenter Automatisierung sehr hoch. Spiegelt sich das auch in konkreten Ergebnissen wider?

Spieker: „Ja, und das ist einer der stärksten Befunde der Studie. 89 Prozent der Anwender berichten von messbaren Produktivitätssteigerungen durch den Einsatz kollaborierender Roboter, teilweise um mehr als 50 Prozent. Das sind reale Erfahrungen aus dem industriellen Alltag. Solche Zahlen erklären, warum die Diskussion heute weniger um das „Ob“ als um das „Wie“ der Umsetzung kreist.

Bemerkenswert ist zudem, dass diese Effekte häufig schneller eintreten als ursprünglich erwartet. Viele Unternehmen berichten von kurzen Amortisationszeiten und einer hohen Skalierbarkeit der Lösungen, was den strategischen Stellenwert intelligenter Automatisierung zusätzlich stärkt.“

 

Wo entsteht durch intelligente Automatisierung aktuell der größte operative Mehrwert?

Spieker: „Der größte operative Mehrwert intelligenter Automatisierung entsteht dort, wo Prozesse eine hohe Wiederholgenauigkeit und konstante Qualität erfordern. Das betrifft insbesondere Montage-, Handling-, Prüf- oder Schweißaufgaben, bei denen selbst geringe Abweichungen zu Ausschuss oder Nacharbeit führen können. Gleichzeitig werden Mitarbeitende von monotonen oder körperlich belastenden Tätigkeiten entlastet. Dadurch steigen nicht nur Effizienz, sondern auch Arbeitssicherheit und Attraktivität der Arbeitsplätze. Gerade in qualitätskritischen Produktionsumgebungen zeigt sich, wie Automatisierung operative Leistungsfähigkeit absichert.“

 

Wo wird der strukturelle Wandel durch intelligente Automatisierung besonders sichtbar?

Spieker: „Der strukturelle Wandel wird vor allem in Bereichen mit hoher Markt- und Nachfragedynamik sichtbar, beispielsweise in der Logistik oder in Fertigungsbereichen mit rasant wachsender Produktvielfalt. Unternehmen müssen heute kleinere Losgrößen wirtschaftlich produzieren und zugleich flexibel auf kurzfristige Veränderungen reagieren.

Klassische, starr programmierte Automatisierung stößt dabei an Grenzen. Intelligente, adaptive Systeme ermöglichen hingegen Prozesse, die sich dynamisch an neue Anforderungen anpassen können.

Ein Beispiel sind KI-gestützte Kommissionierlösungen, bei denen visuelle Erkennung und adaptive Greifsysteme variable Produkte zuverlässig handhaben, ohne aufwendige Umprogrammierung. Deutlich wird dabei: Automatisierung erhöht nicht nur die Effizienz, sondern verändert Produktionslogiken nachhaltig hin zu mehr Flexibilität.“

 

Was lässt sich aus den Ergebnissen für die Zukunft der Industrie ableiten?

Spieker: „Die zentrale Erkenntnis: Intelligente Automatisierung ist kein isoliertes Effizienzprojekt mehr, sondern ein struktureller Erfolgsfaktor für die Industrie. Wettbewerbsfähigkeit entsteht dabei nicht durch maximalen Automatisierungsgrad, sondern durch die Fähigkeit, Robotik, Daten und KI sinnvoll zu integrieren.

Unternehmen, die diese Technologien als vernetztes Gesamtsystem verstehen, gewinnen an Flexibilität und Resilienz. Offene Standards sowie eine vereinfachte Planung und Inbetriebnahme sind dabei zentrale Voraussetzungen, um Anwendungen aus der Pilotphase in die breite Umsetzung zu überführen.“

Interview geführt durch:

Gregor Spieker ist Sales Leader für die DACH-Region im Bereich kollaborativer Robotik. Er treibt den Einsatz von Cobots in der Industrie voran und verbindet technologische Innovation mit praxisnaher Automatisierung, um Unternehmen effizienter und flexibler zu machen.

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