Freelancing in der digitalen Transformation – Unabhängige Expertise als Impulsgeber

Interview von DIGITALE WELT – Fremd Autorschaft
8. April 2022
Interviewpartner

Tatjana Wiedemann

Tatjana Wiedemann ist langjährige erfolgreiche Business Transformation-Expertin und Freelancerin. Als freiberufliche Beraterin unterstützt und begleitet sie Unternehmen im Transformationsprozess und hilft dabei, neue Geschäftsfelder zu entwickeln.
Interviewpartner

Der Freelancing-Markt erlaubt hoch qualifizierten Expert*innen, sich außerhalb von einer Festanstellung zu positionieren und von den Vorteilen der Unabhängigkeit, flexibler Arbeitszeiten und Wertschätzung zu profitieren. Eine aktuelle Studie von Malt in Zusammenarbeit mit BCG hat ergeben, dass 87 % der Freelancer*innen glücklich in ihren Berufen sind – und die Zahl der Projektanfragen jährlich steigt. 

Tatjana Wiedemann ist langjährige erfolgreiche Business Transformation-Expertin und Freelancerin. Als freiberufliche Beraterin unterstützt und begleitet sie Unternehmen im Transformationsprozess und hilft dabei, neue Geschäftsfelder zu entwickeln. Im Interview erzählt sie uns von ihrer Arbeitsweise und erläutert die zahlreichen Chancen, die Frauen auf dem freiberuflichen und digitalen Arbeitsmarkt ergreifen können.

Frau Wiedemann, Sie sind erfolgreiche Business Transformation-Expertin. Können Sie uns über Ihren Werdegang erzählen? Was sind die Unterschiede zwischen Freelancing und einer Festanstellung in einem Unternehmen?

Zu Beginn meiner Karriere habe ich in der Medienindustrie gearbeitet, bevor ich mit Anfang 30 Wirtschaftsingenieurwesen studiert und in der Automotive-Industrie Fuß gefasst habe. Ich wollte die kundenzentrierte Brücke zwischen Vertrieb und Produktentwicklung sein. Nach fast einem Jahrzehnt in verschiedenen Unternehmen in der Automobilindustrie habe ich dann beschlossen, mich selbständig zu machen. Jetzt unterstütze ich Kund*innen bei der Entwicklung digitaler Produkte, Services oder neuen, digital getriebenen Geschäftsfeldern.

Mir gefällt es, dass ich als Freelancerin auf Augenhöhe mit den Kund*innen viel schneller Veränderungen gestalten kann. Ich arbeite an komplexen Problemen und trage einen wichtigen Teil zur Teamdynamik bei, habe aber nicht mit interner Unternehmenspolitik zu kämpfen. Die Branchen der Kunden sind immer unterschiedlich und ich bestimme selbst, mit welchen Themenschwerpunkte ich mich als Nächstes auseinandersetze. Ich gehe nie mit vorgefertigten Konzepten in ein neues Projekt, sondern möchte verstehen, wo aktuell der Schuh drückt und wohin die Reise des Unternehmens gehen soll. Dabei ist die wichtigste Frage nicht, welche Technologie eingesetzt wird, sondern was der Mehrwert davon sein soll.

Was ist die Rolle von Freelancer*innen in Unternehmen und wie denken Sie wird sich diese entwickeln?

Freelancer*innen sind kein Allheilmittel, aber wichtige Impulsgeber. Oft fokussieren sich Unternehmen zu sehr auf ein spezielles Problem, das sofort gelöst werden soll. Aber für einen langfristigen Erfolg ist es entscheidend, den Blick auf das große Ganze zu richten. Freelancer*innen geben neue Einblicke und bringen neues Know-how ein. Kann das Team im Unternehmen dann alleine weiterlaufen, ist unser Job erfolgreich getan.
Eine Studie zum Status Quo der Freelancing-Branche in Europa, durchgeführt vom Freelancing-Marktplatz Malt und der Beratungsgesellschaft BCG zeigt, dass Karriereweg “Freelancing” immer mehr interessierte Expert*innen anspricht – auch und gerade Frauen. Der oft beschriebene Mangel an Fachkräften ist in vollem Gange und die Themenstellungen von Unternehmen, aber auch der Gesellschaft, sind umfangreich und weitreichend. Durch Freelancer*innen-Marktplätze wird es zunehmend einfacher, mit spannenden Unternehmen und Projekten zusammenzukommen.

Was können Freelancer*innen ihrer Meinung nach für ein Unternehmen leisten, welches die Stelle in der Regel mit einem Festangestellten besetzen würde?

Wie schon erwähnt, geht es nach meinem Verständnis um die hohe Kompetenz der Umsetzung. Viel zu oft beobachte ich, wie Projekte scheitern, nicht angegangen oder im schlimmsten Fall umgesetzt werden, obwohl sie keinen Sinn mehr haben. Das passiert aufgrund von persönlichen Befindlichkeiten, Ängsten oder visionslosen Teamdynamiken. Es braucht als Unternehmen den Mut, eine frische Sichtweise ins Unternehmen zu holen, die das Team voranbringt. Vielleicht kann man uns Freelancer*innen nicht nur als Impulsgeber*innen oder Macher*innen verstehen, sondern auch als Katalysator. 

Welche Chancen denken Sie, können Frauen insbesondere in Digitalberufen aktuell ergreifen?

Frauen stehen in den Digitalberufen alle Chancen offen – egal ob in der Entwicklung, im Social Media Management, UX Design oder auch AI-Engineering und Blockchain. Es ist kein Geheimnis, dass der Anteil an männlichen Fachkräften, gerade in Technologie-Berufen, sehr hoch ist. Das aufzulösen, geht nur, wenn mehr Frauen in diese Bereiche vordringen. Wir brauchen hier mehr Diversity in den Teams. Der oft zitierte Fachkräftemangel öffnet jetzt Türen für Frauen, durch die wir hindurch gehen müssen. 

Welche Vorteile gibt es für Freelancerinnen im Digitalbereich? Haben Sie Tipps für junge Frauen, die diesen Einstieg wagen möchten?

Sich untereinander zu vernetzen. Kürzlich hatte ich ein Gespräch mit einer jungen Frau, die in den Abschlüssen ihres Studiums steht und als Freelancerin arbeiten möchte.
Schon aus dem Studium heraus können erste Kontakte zu Firmen geknüpft werden. Das könnten die Kund*innen von morgen sein. Aber auch abseits der Projektanfragen ist ein kontinuierliches Networking wichtig. Ich hatte schon Gespräche mit Kund*innen, die nach meinem Netzwerk gefragt haben. Dann kann ich passende Expert*innen vorschlagen.

Weiterer Tipp: Es gibt auch die Möglichkeit, in einem Mix aus angestellt und freier Tätigkeit zu starten. So kann jede*r für sich prüfen, welcher Arbeitsform am besten passt.

Um mit Unternehmen in Kontakt zu treten, nutzen Sie digitale Plattformen und Marktplätze. Wie funktionieren diese und wie hilft das Angebot dabei, von Unternehmen wahrgenommen zu werden? 

Ich denke, dass sich die Wirtschaft immer mehr in Business Ökosysteme wandelt. Diesem Gedanken tragen auch Freelancing-Marktplätze Rechnung. Sowohl Unternehmen als auch Freelancer*innen können entscheiden, ob und wie sie zusammenarbeiten möchten. Malt beispielsweise bietet hierfür den Marktplatz von Angebot und Nachfrage. Aber eben auch den Service der sicheren Abwicklung und Bezahlung sowie weitere Hilfestellungen, beispielsweise zum Vernetzten oder zur Fortbildung. Das, was Malt von anderen Marktplätzen unterscheidet, ist das ausgeprägte Mindset, Freelancing als gleichberechtigte Arbeitsform zu sehen und Freelancer*innen sichtbar zu machen. 

Was sind die größten Herausforderungen zu Beginn und wie wird man der Erwartungshaltung gerecht? 

Um sich in dem Freelancing Markt zu orientieren, benötigt es neben Geduld natürlich auch die gewisse Portion Selbstdisziplin. Am wichtigsten ist, dass man sich als Freelancer*in vor bürokratischen Themen wie Steuerberatung, Krankenversicherung oder der eigenen Preisgestaltung nicht abschrecken lässt. Wenn man diese elementaren Schritte bewältigt, sind die nächsten Herausforderungen, die eigenen Stärken und Schwächen zu verstehen, sich in dem Freelancing Markt entsprechend zu positionieren und letztendlich Kunden zu gewinnen. Dabei ist es wichtig, Plattformen zu verwenden und den Austausch mit Unternehmen zu suchen, auch wenn man Rückschläge erlebt oder Absagen bekommt. Da es außerdem an direktem Feedback mangelt, ist der Begriff “Imposter Syndrom” vielen Freelancer*innen bekannt. Um den Erwartungshaltungen der Kunden gerecht zu werden, ist es deshalb wichtig, die eigenen Grenzen zu kennen und offen zu kommunizieren, welche Services man liefern kann und welche nicht. Zu Beginn lohnt auch immer der Austausch mit der Freelancing-Community: Ich persönlich habe sehr gute Erfahrungen gemacht und auch von mir unbekannten, erfahrenen Selbständigen super hilfreiche und wertvolle Einblicke erhalten.

Wie findet man als Freelancer*in das Traumprojekt?

Als Freelancer*in ist es ausschlaggebend zu wissen, welchen Mehrwert man einer Firma mit seiner Expertise bringen kann. Dazu sollte man ausreichend Zeit in die Recherche investieren, um den jeweiligen Berufsmarkt zu verstehen. Es gibt inzwischen unzählige Unternehmen und Branchen, welche sich mehr und mehr mit der Rekrutierung von Freelancer*innen auseinandersetzen. Deshalb stehen uns auch vermehrt Türen offen. Mir ist es Dank langjähriger Berufserfahrungen als Angestellte in Unternehmen, verschiedensten Projekten als Freelancerin und spannenden Weiterbildungen gelungen herauszufinden, welche Themenspektren mich interessieren und welche Projekte mir Spaß machen. Sobald man für sich definiert hat, von welchen Projekten man prinzipiell träumt und das ganze mit den eigenen Fähigkeiten abstimmt, kann man selbstbewusst in die Akquise gehen. 

Sind Sie der Meinung, dass Freelancing zu Ihrem persönlichen Wohlbefinden beiträgt und fühlen sich motivierter bei der Arbeit?

Absolut, das kann ich nur bestätigen. Es ist nicht nur das persönliche Wohlbefinden, sondern auch der Aspekt, dass ich in den letzten Jahren noch nie so viel gelernt habe, wie in den Jahren zuvor. Es eröffnete mir nicht nur neue Möglichkeiten, sondern auch neue Perspektiven. Die Motivation ist durchgehend hoch, selbst wenn es in den Projekten mal zähe Momente gibt.

Interview geführt durch:

Extern geführte und eignereichte Experten-Interviews rund um unsere Themenschwerpunkte. DW prüft und untersagt werbliche Inhalte, nimmt sonst aber keine redaktionellen Korrekturen oder Eingriffe vor.

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