Generalist oder Spezialist: Das Spannungsfeld für HR-Tech-Anbieter

Der HR-Tech-Markt war noch nie so ausdifferenziert und fragmentiert wie heute. Talent-Management, OKR oder Recruiting – jeder Teilbereich wird in den Unternehmen anders gelebt und muss technologisch entsprechend anders unterstützt werden. Ist die Entwicklung zum Spezialanbieter für HR-Tech-Anbieter also unausweichlich? Nicht ganz, denn auch mit einer zweigleisigen Strategie können Unternehmen erfolgreich sein.

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22. September 2022

Gehört die Zukunft den Individualisten?

In einer hochentwickelten Wirtschaft differenzieren sich Unternehmen und ihre Mitarbeitenden immer stärker aus – und benötigen entsprechend individuelle Software-Lösungen für ihre spezifischen Anforderungen. Dieser Trend macht auch vor den Personalabteilungen nicht halt: Je höher der digitale Reifegrad einer HR-Organisation, desto größer der Bedarf nach Speziallösungen. Individuell zugeschnittene Lösungen, die sich exakt an die jeweiligen Bedürfnisse anpassen, gewinnen entsprechend an Bedeutung auf dem HR-Software-Markt. Bedeutet dies also das Aus für Generalisten, die sich bemühen, möglichst alle HR-Kernprozesse in einem System abzubilden? Bei Haufe Talent glaubt man nicht daran und setzt vielmehr auf eine zweigleisige Strategie.

 

Ein Markt mit zwei Gesichtern

Der HR-Tech Sektor besitzt zwei unterschiedliche Seiten: Auf der einen befinden sich ausgereifte Segmente wie im Talent Management. Hier sind keine disruptiven Entwicklungen zu erwarten, da die Innovationskurve bereits weit fortgeschritten ist. Es geht also eher um inkrementelle Verbesserungen, wie etwa die Optimierung von Recruiting-Prozessen oder die Ergänzung von neuen Schnittstellen zu möglichst vielen Drittsystemen. Auf der anderen Seite gibt es aber auch junge Teilmärkte, wie der rund um den Management-Ansatz OKR (Objectives and Key-Results). Sie bieten viel Innovationspotenzial und die Chance für disruptive Verbesserungen – sowie eine wachsende Zielgruppe: In Unternehmen ab 500 Beschäftigten arbeiten rund zehn bis 20 Prozent der Mitarbeitenden in flexiblen Strukturen. Ein anderer Trend in diesem innovativen Marktsegment sind Themen wie Mitarbeiter-Onboarding oder Teamentwicklung, da Teams in Unternehmen zunehmend an Bedeutung gewinnen.

 

Erfolgreich zweigleisig fahren

Auch wenn der Markt über zwei sehr verschiedene Seiten verfügt, müssen HR-Tech-Anbieter sich nicht zwingend für eine entscheiden und entweder Generalist oder Spezialanbieter sein. Stattdessen kann auch eine Doppelstrategie von Erfolg gekrönt sein. Denn wer auf der einen Seite das etablierte Kerngeschäft abdeckt und auf der anderen Seite individuell angepasste Speziallösungen liefert, kann seinen Kunden das Beste aus beiden Welten und so einen enormen Mehrwert bieten. Schließlich bildet sich die Diversität des HR-Tech-Marktes auch in den Unternehmen ab: Manche Bereiche in der HR-Organisation verfügen über etablierte Prozesse und profitieren von einem Komplettsystem, dass die Komplexität des eigenen Software-Portfolios übersichtlich hält, während sich andere Bereiche neuen, innovativen Themen widmen, für die sie Speziallösungen benötigen, die auf die eigene Situation zugeschnitten sind. HR-Tech-Anbieter, denen es gelingt, die Beidhändigkeit von HR in ihrem Lösungsportfolio abzubilden, treffen die Bedürfnisse einer sehr großen Zielgruppe und sind zudem in der Lage, unterschiedliche Kundengruppen zielgenau zu adressieren. Vom agilen Start-up bis hin zum arrivierten Konzern.

 

Den großen Wurf und die kleinteilige Verbesserung unter einen Hut bekommen

Der Spagat zwischen All-in-One-Lösungen und individuell zugeschnittenen Produkten ist nicht immer eine einfache Aufgabe. Schließlich muss der Anbieter gleichzeitig an kontinuierlichen kleinen Verbesserungen seiner breit ausgelegten Komplettlösungen arbeiten als auch im hohen Tempo seine individuellen Lösungen immer wieder disruptiv verändern. Dabei befindet sich das Unternehmen sowohl mit den Generalisten als auch den Spezialisten im Wettbewerb. Voraussetzungen für eine erfolgreiche Umsetzung dieser Doppelstrategie sind Erfahrung im Markt, Verständnis für die jeweiligen Kundenbedürfnisse und natürlich fachliches Know-how. Eine etablierte Marktposition ist dabei ebenfalls von Vorteil, sie reicht allerdings bei weitem nicht aus.

Vielmehr ist es essenziell, die Bedürfnisse der jeweiligen Kunden zu verstehen und sie zum Ausgangspunkt der eigenen Strategie zu machen.

 

Fokussierung kann auch schaden

Doch auch HR-Tech-Anbieter, die sich für eine Strategie als Generalist oder als Spezialist entscheiden, sind nicht zwangsläufig in einer komfortablen Situation. Denn Individualisierung ist genauso ein Bedürfnis in der digitalen Wirtschaft wie Komplexitätsreduktion. Reine Generalisten laufen also Gefahr, alteingesessene Kunden zu verlieren, wenn sie deren Bedürfnisse nach individuellen Lösungen nicht bedienen können. Aber auch reine Spezialisten sind nicht immer im Vorteil, da Unternehmen verständlicherweise ihr Software-Portfolio möglichst übersichtlich halten möchten und den Integrationsaufwand zu vieler Nischenprodukte scheuen. Anbieter, die Komplett- und Individuallösungen aus einer Hand zur Verfügung stellen können, haben hier einen deutlichen Marktvorteil vor ihren Mitbewerbern.

 

Der Spielraum wächst

Die Möglichkeiten für HR-Tech-Anbieter sind in den letzten Jahren rasant gewachsen. Sie müssen sich nicht mehr für eine Ausrichtung als „Generalist“ oder „Spezialist“ entscheiden, um erfolgreich zu sein. Dennoch bleibt auch eine zweigleisige Strategie immer Abwägungssache. Lohnt es sich, dass hohe Tempo in einem Markt mitzugehen oder ist ein Markt bereits so ausgereift, dass es als neuer Anbieter zu schwer wird, Fuß zu fassen?  Für all diese Fragen gibt es keine allgemeingültigen Antworten, vielmehr müssen Anbieter von Fall zu Fall entscheiden. Markterfolg hängt aber  definitiv nicht mehr von einer Positionierung als Spezialist oder Generalist ab.

Axel Singler ist Managing Director Haufe Talent. In seiner Rolle ist er verantwortlich für das Portfolio-Management ‚Talent Engagement’. Er transformierte den zur Haufe Group gehörenden Geschäftsbereich ins agile Zeitalter. Singler ist einer der erfahrensten Experten für erfolgreiche HR-IT-Cloud-Projekt-Einführungen. Als Vorstand und Partner der Promerit HR + IT Consulting AG baute er den früheren SAP-HCM-Spezialisten zu einem führenden HR-Cloud-Implementierungsanbieter aus.

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