Das postpandemische Büro als Ort der inspirierenden Begegnung

13. Januar 2022

Kurzfristig hat die Corona-Pandemie die Arbeitswelt kräftig aufgerüttelt. Die spannende Frage ist nun in dieser Endphase der Pandemie, ob der Impuls ausreichend war, um langfristig die Arbeitswelt zu revolutionieren. Was wird bleiben von Remote Work und Homeoffice, wenn wir gelernt haben mit diesem Virus zu leben wie mit anderen auch? Werden wir dann wieder zum Status quo und in unsere präpandemischen Großraumbüros zurückkehren?  Warum sollten wir das wollen?
Vor Corona fand „echte“ Arbeit nur im Büro statt, während Homeoffice die tolerierte Ausnahme für Mitarbeiter ohne Karriereambitionen war. Zu Hause zu arbeiten war immer ein wenig anrüchig und verdächtig. Seit fast zwei Jahren arbeiten nun die meisten Wissensarbeiter vornehmlich im Homeoffice oder gleich ganz woanders. Und es funktioniert für viele erstaunlich gut.

Nicht von der Hand zu weisen und mittlerweile lieb gewonnen sind zudem die Vorteile einer vorrangig verteilten Arbeitsgestaltung. Wer weniger Zeit auf dem Weg zwischen Home und Office verbringt, hat mehr Zeit für Work und Life. Und wenn Home gleich Office, ist Work gleich Life. Aus Work-Life-Balance wird Work-Life-Integration. Und das ist gut so, denn das Familienleben findet eben nicht nur vor 7:30 Uhr und nach 18:30 Uhr statt. Keine bahnbrechende Erkenntnis, aber gerade für viele Männer doch eine ganz neue Erfahrung.

Das Büro als den Ort, wo die Akten lagern und daher dort die Arbeit stattfinden muss, gibt es ohnehin schon lange nicht mehr. Über die letzten Jahrzehnte wurde die Arbeit immer digitaler. Trotzdem war der Zugriff auf diese digitalisierte Arbeit anfangs nur im Büro möglich, weil nur dort die Infrastruktur, der PC, das Netzwerk, der Zugang zum Mainframe, etc. war. All das ist mit flächendeckend schnellem Internet nun seit 10 bis 15 Jahren auch passé. Es gibt also rein technisch  keinen Grund mehr das Büro aufzusuchen. Die Arbeit kann an jedem beliebigen Ort mit Internet erledigt werden.

Es tritt nun eine andere Funktion des Büros in den Vordergrund. Wir Menschen sind nicht nur Maschinen für Wissensarbeit, sondern soziale Wesen. Wir unternehmen gerne etwas gemeinsam und wir inspirieren uns dabei gegenseitig. Der wichtigste Ort im Büro war deshalb vielleicht immer schon die Cafeteria. Die dort stattfindenden zufälligen Begegnungen und das mal kurze und mal längere Gespräch sind oft der entscheidende Zündfunke für eine neue Idee oder wenigstens das Schmiermittel für einen reibungsfreien Ablauf der Arbeit.

Vor Corona war diese soziale Komponente des Büros als Ort der kreativen menschlichen Begegnung zwar ganz angenehm, wurde aber eher als schmückendes Beiwerk gesehen. Jetzt, wo wir alles digitalisiert haben und an jedem Ort mit Internetanschluss arbeiten können, stellen wir fest, dass uns genau diese soziale Komponente stark verkümmert. Menschliche Begegnungen lassen sich nur schwer digitalisieren.

Das postpandemische Büro wird also zum Ort der inspirierenden menschlichen Begegnungen werden müssen. Menschen werden künftig das Büro viel weniger zum reinen Arbeiten aufsuchen oder um die Arbeit zu koordinieren. All das lässt sich virtuell viel angenehmer bewerkstelligen. Der wichtigste Grund für einen Besuch im Büro wird nach dieser Zeit der sozialen Distanz die Begegnung und der Austausch mit Kollegen sein. So wie früher am Ende eines Arbeitstags im Büro die Erschöpfung dominierte, sollte es künftig die Inspiration sein. Das Büro hat als reine Legebatterie für Wissensarbeiter jedenfalls ausgedient.

Gefragt sind jetzt Gestaltungskonzepte, die Lust auf Begegnungen machen und gemeinsame Kreativität fördern. Ein guter Anfang wäre vielleicht eine zentrale Cafeteria für lose Gespräche umringt von Ecken mit Whiteboards und Flipcharts für die spontane Vertiefung von Gesprächen. Vielleicht gibt es dann in der Nähe dieser modernen Agora auch größere Räume, wo Trainings, Vorträge oder ähnliches geboten wird. Ein attraktives Konzept, wo ich mir sicher sein kann, dass sich mein Weg ins Büro lohnt, weil ich inspiriert nach Hause gehen werde, könnte jedenfalls auch so manche sich anbahnende Vorschrift zu zeitweiser Anwesenheit im Büro ersetzen. Die Mitarbeiter werden kommen, weil es sich für sie lohnt und nicht weil es angeordnet wurde.

Marcus Raitner ist überzeugt, dass Elefanten tanzen können. Als Agile Coach begleitet er deshalb Unternehmen auf ihrer Reise zu mehr Agilität und menschlicher Lebendigkeit. In seinem Blog „Führung erfahren!“ schreibt er seit 2010 über die Themen Führung, Agilität, Digitalisierung und vieles mehr. – https://fuehrung-erfahren.de/

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