Vertrauen und KI: Die neue Bedeutung von Markenkommunikation

Die Verbreitung generativer KI verändert die Logik öffentlicher Kommunikation: Content wird skalierbar, Desinformation nimmt zu, Algorithmen strukturieren Sichtbarkeit. In dieser Überfülle wird Vertrauen zur knappen Ressource. Strategische Markenkommunikation fungiert als Ordnungsrahmen: Sie schafft Konsistenz, Integrität und Orientierung. Nicht die Menge an KI-Content zählt, sondern glaubwürdige, wertebasierte Identität als Stabilitätsanker im KI-Raum.
Von   Yves Ostrowski   |  Leiter Marketing und Kommunikation   |  GOLDBECK
26. März 2026

Vertrauen und KI:

Die neue Bedeutung von Markenkommunikation

 

 

1. Vertrauensverlust durch KI-getriebene Kommunikation

Der Blick in die Zeitung, das Scrollen durch die News-App, die selektiven Informationsfetzen auf Social Media – das (und noch vieles mehr) zeigt uns die Vielfalt und das Ausmaß der aktuellen Krisen jeden Tag aufs Neue auf. Und als ob die zahlreichen geopolitischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Dauerherausforderungen nicht schon genug wären, erleben wir eine technologische Transformation – oder Revolution? – durch generative KI-Systeme wie OpenAI’s GPT-Modelle, Bildgeneratoren und andere KI-Anwendungen. Diese manifestiert sich unter anderem in drei Effekten:

  • Kosten zur Contenterstellung sinken – Inhalte können in nie dagewesener Geschwindigkeit und Skalierung produziert werden und die Produktionskosten für Content sinken dramatisch. Mehr Information erzeugt jedoch nicht zwangsläufig mehr Wissen oder Orientierung. Studien zur Informationsüberlastung zeigen, dass kognitive Verarbeitungskapazitäten begrenzt sind und eine Überfülle an Informationen Entscheidungsqualität reduziert, die Urteilsfähigkeit schwächt sowie Unsicherheit und Misstrauen erhöht (vgl. bspw. Eppler & Mengis, 2004). In KI-getriebenen Umgebungen wächst daher die Gefahr von Beliebigkeit und Austauschbarkeit. Wenn jedes Unternehmen innerhalb von Sekunden vermeintlich hochwertige Texte, Visualisierungen oder Kampagnen generiert, wird Content zur ungeprüften Massenware.
  • Fake News nehmen zu – Mit der breiten Verfügbarkeit generativer KI-Systeme verschiebt sich auch die Logik der Wertschöpfung und Erstellung von Inhalten grundlegend. Text-, Bild- und Videoinhalte werden automatisiert erzeugt, variiert und personalisiert. Das beschleunigt die Entstehung von Deepfakes, synthetischen Medien und manipulativen Narrativen (Chesney & Citron, 2019; Harari, 2024).
  • Algorithmen bestimmen, was wir sehen – Gleichzeitig verschiebt sich die Architektur öffentlicher Kommunikation. Digitale Plattformen strukturieren Wahrnehmung über algorithmische Logiken; Sichtbarkeit entsteht weniger durch Relevanz als durch Interaktionswahrscheinlichkeit. Die Kommunikationswissenschaft beschreibt diesen Prozess als „Algorithmisierung der Öffentlichkeit“ (vgl. Napoli, 2019).

Die wachsende Unsicherheit darüber, welche Informationen überhaupt glaubwürdig und echt sind, führt zu einer Erosion von Sicherheit und Gewissheit. In der Folge schwindet das Vertrauen in Institutionen – und damit auch in Unternehmen. Authentizität und Glaubwürdigkeit lassen sich nicht länger nach den bisherigen Logiken herstellen oder beurteilen.

Diverse Studien und Analysen scheinen diese These zu bestätigen und konstatieren ein anhaltend fragiles Vertrauen in Institutionen; insbesondere Medien und Regierungen verzeichnen in zahlreichen Ländern Vertrauensdefizite. Die Zunahme wahrgenommener Desinformation gilt als systemisches Risiko. Dazu passt eine wachsende Skepsis gegenüber digitalen Inhalten. In vielen Ländern ist ein sinkendes Vertrauen in Nachrichten dokumentiert. Gleichzeitig werden Desinformation und Fake News als reale Bedrohung wahrgenommen (vgl. bspw. Edelman, 2024; Reuters Institute, 2023; World Economic Forum, 2024). In einer überhitzten Kommunikationsökonomie wird Vertrauen damit zur knappen Ressource.

 

2. Markenkommunikation als Vertrauensretter?

Vorweg: Was ist eigentlich „Vertrauen“? Vertrauen ist die Erwartung, dass andere Personen oder Institutionen zuverlässig, ehrlich und in ihrem Verhalten vorhersehbar sind, wodurch man bereit ist, sich ihrer Handlungen anzuvertrauen. Durch den damit einhergehenden Verzicht auf vollständige Kontrolle macht man sich verletzlich und nimmt ein gewisses Risiko in Kauf, weil enttäuschtes Vertrauen negative Konsequenzen haben kann. Vertrauen reduziert so die Komplexität sozialer Interaktionen und ermöglicht Handeln trotz Unsicherheit (vgl. zusammenfassend Clases & Wehner, 2026).

Nach den drei Vertrauensforschern Mayer, Davis und Schoorman basiert Vertrauen auf den drei Faktoren Kompetenz, Integrität und Wohlwollen (vgl. Mayer, Davis & Schoorman, 1995):

  • Ability (Fähigkeit) – Vertrauen entsteht, wenn die vertrauende Person überzeugt ist, dass die andere Partei über die notwendigen Kompetenzen, Fähigkeiten und Fachkenntnisse verfügt, um in einem bestimmten Bereich zuverlässig zu handeln.
  • Benevolence (Wohlwollen) – Vertrauen beruht darauf, dass der Vertrauensnehmer gute Absichten hat und nicht ausschließlich eigennützig handelt, sondern das Wohl der vertrauenden Person berücksichtigt.
  • Integrity (Integrität) – Vertrauen setzt voraus, dass die andere Partei Prinzipien und Werte vertritt, die als akzeptabel und konsistent wahrgenommen werden – etwa Ehrlichkeit, Fairness und Verlässlichkeit.

Diese drei Faktoren kann KI nicht komplett bedienen. KI-generierte Inhalte können zwar Fähigkeiten und Kompetenzen signalisieren und übermitteln, Wohlwollen und Integrität jedoch nur sehr bedingt. Diese entstehen aus der Kombination konsistenter, nachvollziehbarer Kommunikation und erlebbarer Praxis.

Glaubwürdige und authentische Markenkommunikation wird damit zum entscheidenden Differenzierungsmerkmal. Die zentrale Leitfrage von „Wie erzeuge ich viel Content?“ verschiebt sich zu „Wie erzeuge ich vertrauensbildenden Content?“. Die quantitative Logik der Reichweite tritt hinter eine qualitative Logik der Glaubwürdigkeit zurück. Marken, die in multiplen Krisen Orientierung bieten, übernehmen eine stabilisierende Funktion – für Kunden, Mitarbeitende und gesellschaftliche Stakeholder gleichermaßen.

Diese Entwicklung markiert einen Paradigmenwechsel: Markenkommunikation ist nicht länger „weicher“ Imagefaktor, sondern strategischer Stabilitätsanker. In stabilen Zeiten fungieren Marken primär als Differenzierungsinstrument im Wettbewerb um Aufmerksamkeit und (Kauf-)Entscheidungen, in volatilen Zeiten hingegen übernehmen sie eine Ordnungsfunktion: Sie bieten Orientierung, indem sie konsistente Werte, klare Narrative und verlässliche Haltung kommunizieren. Sie reduzieren Komplexität, strukturiert Erwartungen und schaffen narrative Kontinuität.

Empirische Erhebungen unterstreichen die Bedeutung von Markenkommunikation zur Bildung von Vertrauen:

  • Es besteht ein positiver Zusammenhang zwischen Kommunikation und Vertrauen. Der Edelman Trust Barometer 2024 weist darauf hin, dass Unternehmen im Vergleich zu Regierungen oder Medien in vielen Ländern als relativ vertrauenswürdige Akteure wahrgenommen werden – sofern sie transparent und konsistent kommunizieren (vgl. Edelman, 2024). Vertrauen wird somit weniger durch Produkte allein erzeugt als durch glaubwürdige, kontinuierliche Interaktion der gesamten Institution.
  • Eine aktuelle Analyse von McKinsey & Company zeigt, dass Marketing- und Kommunikationsverantwortliche großer europäischer Unternehmen die Marke als zentrales Zukunftsthema bis 2026 priorisieren. Die Marke wird dabei nicht primär als Kampagnenvehikel, sondern als Werttreiber verstanden – insbesondere in volatilen Märkten (vgl. McKinsey & Company, 2026).
  • Die ökonomische Relevanz von Markenvertrauen ist gut dokumentiert (vgl. bspw. Erdem & Swait, 2004). Vertrauen reduziert wahrgenommenes Risiko, erhöht Wiederkaufabsichten und erzeugt eine höhere Zahlungsbereitschaft. In Krisenzeiten gewinnen Sicherheits- und Verlässlichkeitserwägungen gegenüber rein funktionalen Produktmerkmalen an Gewicht.
  • Weitere empirische Studien indizieren, dass wahrgenommene Authentizität positiv mit Markenvertrauen korreliert (vgl. bspw. Beverland, 2005). Authentizität wiederum entsteht aus der Übereinstimmung zwischen kommunizierter Identität und organisationalem Verhalten. Algorithmen und KI verstärken etwaige Inkonsistenzen: Widersprüchliche Botschaften, divergierende Tonalitäten oder fehlende Werteorientierung werden schneller sichtbar und potenziell reputationsschädigend amplifiziert.

Ein historisches prominentes (wenngleich analoges) Beispiel für die strategische Rolle von Markenkommunikation in Krisenzeiten liefert Kellogg’s während der Weltwirtschaftskrise 1929/30. Während Wettbewerber ihre Werbeausgaben drastisch reduzierten, erhöhte Kellogg’s seine Kommunikationsinvestitionen. In der Folge konnte das Unternehmen Marktanteile signifikant ausbauen und ging gestärkt aus der Krise hervor (vgl. Leible, 2020). Heute ist Kellogg´s weltweit unangefochtener Marktführer für Frühstückzerealien. Das Beispiel illustriert: In ökonomischen Abschwüngen wirkt konsistente Markenkommunikation stabilisierend und schafft langfristige Wettbewerbsvorteile.

Auch neuere Studien bestätigen diesen Effekt. Untersuchungen von Kantar zeigen, dass starke Marken in Rezessionen schneller Erholungsphasen durchlaufen und höhere Resilienz aufweisen (vgl. Kantar, 2022/23). Markenstärke korreliert dabei mit klarer Positionierung, konsistenter Tonalität und glaubwürdiger Haltung. In Krisenzeiten steigen die Erwartungen an Transparenz und Verantwortungsübernahme. Stakeholder erwarten klare Positionierung, insbesondere bei gesellschaftlich relevanten Themen wie Nachhaltigkeit, Diversität oder technologischer Verantwortung. Marken, die sich hier indifferent oder opportunistisch verhalten, riskieren Reputationsverluste.

Die strategische Schlussfolgerung lautet: Markenkommunikation ist in schwierigen Zeit nicht Einsparpotential, sondern eine Investition in Vertrauenskapital. Dieses Vertrauenskapital wirkt mittel- bis langfristig auf Loyalität, Preissetzungsspielräume und Resilienz. Unternehmen, die in Krisenzeiten kommunikativ verstummen oder inkonsistent agieren, riskieren Vertrauensverluste, die sich ökonomisch manifestieren.

 

3. Marke als Ordnungsfunktion im KI-getriebenen Kommunikationsraum

Also voller Fokus auf ausgefeilte Markenkommunikation statt KI-generierte Inhalte? Einfache Antwort: Nein. Es geht nicht um ein „entweder-oder“, sondern um das sinnvolle und zielgerichtete Zusammenführen. In der aktuellen Zeit entscheidet weder die Fähigkeit zur Content-Produktion noch die Vermittlung von Glaubwürdigkeit allein, sondern die Fähigkeit zu Authentizität und Glaubwürdigkeit für schnelle und effektive Contentproduktion.

Markenkommunikation wird zur vertrauensstiftenden Ordnungsfunktion im KI-getriebenen Kommunikationsraum. Sie strukturiert algorithmisch beschleunigte Inhalte entlang konsistenter Werteachsen und verhindert semantische Erosion in der Contenterstellung. Sie gliedert kommunikative Vielfalt entlang normativer Leitlinien und sorgt für Kohärenz. Ohne strategisch definierte Markenidentität produziert KI zwar Inhalte – jedoch keine konsistente Identität. Die Analyse von McKinsey & Company zeigt, dass Führungskräfte europäischer Großunternehmen die Marke als zentrales strategisches Steuerungsinstrument in der KI-Transformation betrachten (vgl. McKinsey & Company, 2026). Die Marke fungiert als Referenzsystem für Tonalität, Wertebezug und inhaltliche Priorisierung.

Aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive lässt sich dies als Verschiebung von Output- zu Ordnungslogiken beschreiben. Während klassisches Marketing Reichweite und Frequenz optimiert, erfordert der KI-Raum semantische Konsistenz. Vertrauen entsteht nicht durch technologische Präzision, sondern durch wahrgenommene Integrität und Glaubwürdigkeit.

 

4. Erfolgsfaktoren wirksamer Markenkommunikation mit KI

4.1 Verlässlichkeit und Konsistenz vermitteln

Ein Prädikator für Vertrauen ist Verlässlichkeit. In multiplen Krisen suchen Stakeholder nach verlässlichen Referenzpunkten. Marken, die ihre Werte klar artikulieren und Verantwortung übernehmen, erfüllen eine Orientierungsfunktion. Studien zur Corporate Social Responsibility zeigen positive Effekte auf Reputation und Vertrauen, sofern Engagement als authentisch wahrgenommen wird (vgl. Du, Bhattacharya & Sen, 2010). Orientierung bedeutet dabei nicht moralische Überhöhung, sondern transparente Positionierung. KI kann hier unterstützen, durch datenbasierte Analysen von Stakeholder-Feedback, Reputationsindikatoren und CSR-Wahrnehmungen verlässliche Entscheidungsgrundlagen zu schaffen um Wertekommunikation konsistent, transparent und zielgruppenspezifisch auszurichten.

Weiterer zentraler Prädiktor für Glaubwürdigkeit und Vertrauen ist Konsistenz (vgl. Mayer et al., 1995). KI kann diese Konsistenz unterstützen – etwa durch automatisierte Stil- und Tonalitätsanalysen.

 

4.2 Position beziehen 

Die Erwartung klarer Positionierung manifestiert sich insbesondere bei Themen wie Diversität oder Nachhaltigkeit. Unternehmen und Marken werden zunehmend als gesellschaftliche Akteure wahrgenommen; Neutralität wird in polarisierenden Kontexten häufig als Indifferenz interpretiert. In Krisen oder kontroversen Situationen erwarten Stakeholder klare Orientierung und Wertebezug. Das Konzept des „Brand Activism“ beschreibt beispielsweise Marken, die bewusst gesellschaftliche Positionen beziehen (vgl. Sarkar & Kotler, 2018). Empirische Befunde zeigen, dass klare Haltung sowohl Loyalität stärken als auch Polarisierung auslösen kann – entscheidend ist die Konsistenz zwischen Kommunikation und unternehmerischem Handeln.

Hier lassen sich GEO-Aktivitäten ansetzen. GEO (Generative Engine Optimization; auch GAIO, Generative AI Optimization) funktioniert, indem Inhalte so strukturiert, präzise und kontextreich aufbereitet werden, dass KI-gestützte Such- und Antwortsysteme sie leicht verstehen, einordnen und als vertrauenswürdige Quelle nutzen können (vgl. AG Commtech, 2025). Ziel ist es, in KI-generierten Antworten wie bei ChatGPT sichtbar zitiert oder inhaltlich verarbeitet zu werden. Dafür müssen Inhalte semantisch klar, fachlich fundiert, strukturiert aufbereitet und in vertrauenswürdigen Quellen (wie beispielsweise Presseartikeln, Webpages oder Blogs) auffindbar sein. Die Quintessenz: KI-gestützte Such- und Antwortsysteme amplifizieren die vertrauensstiftenden, vermittelten Werte.

 

4.3 Tonalität, Empathie und emotionale Anschlussfähigkeit erzeugen

In Krisenzeiten verschieben sich Erwartungshaltungen. Reine Sachinformation reicht nicht aus; Tonalität entscheidet über Wahrnehmung. Emotionale Resonanz fördert Vertrauen fördert und reduziert kognitive Dissonanz reduziert, empathische Sprache signalisiert Nähe und Verständnis.

KI kann hier unterstützend wirken: Sentiment-Analysen, Reizpunkt-Erkennung oder Simulation unterschiedlicher Szenarien ermöglichen eine datenbasierte Feinjustierung von Botschaften. Doch auch hier gilt: Technologie analysiert Wirkung, definiert jedoch keine normative Haltung.

 

4.4 Interner und externer Kommunikation verzahnen

Gerade im KI-Kontext ist die enge Verzahnung interner und externer Kommunikation zentral. Mitarbeitende fungieren als Multiplikatoren und kommunizieren an Touchpoints zur externen Umwelt (wie beispielweise Kunden, Lieferanten oder andere Stakeholder). Abgestimmte und erprobte Promptbibliotheken helfen dabei, dass Mitarbeitende erwünschte KI-generierte Inhalte auf Basis von Markenbotschaften erzeugen.

Inkonsistenzen zwischen interner Realität und externer Darstellung werden durch soziale Medien rasch sichtbar. Hier ermöglichen KI-gestützte Monitoring-Tools ein kontinuierliches Stakeholder-Feedback und Reputations-Tracking.

 

4.5 Strategische Markenkommunikation als Führungsaufgabe begreifen

Strategische Markenkommunikation ist originäre Führungsaufgabe. Strategische Markenkommunikation ist nicht nachgelagerte Disziplin operativer Marketingmaßnahmen, sondern integraler Bestandteil unternehmerischer Steuerung. Sie definiert Erwartungshorizonte, strukturiert Wahrnehmung, schafft Legitimität und fungiert dabei als Vermittlungsinstanz zwischen strategischer Zielsetzung und organisationaler Identität. Sie übernimmt dabei eine Integrationsfunktion, indem sie normative Leitlinien (Werte, Tonalität, Narrative) schafft, die als Referenzrahmen für alle Kommunikationsaktivitäten dienen. Ohne diese strategische Leitplanken droht Fragmentierung.

Aufgabe der Unternehmensführung ist es also, diese strategische Komponente durch Unternehmenswerte, zentrale Narrative, Richtlinien und Vorgaben (wie bspw. Markenbotschaften oder Corporate Identity) klar und verständlich zu setzen und weiterzugeben – denn sie beeinflusst massiv Reputation, Arbeitgeberattraktivität, Investorenvertrauen und Kundengunst.

 

5. Praxisbeispiel: Initiative „Made by Vielfalt“

Ein aktuelles Beispiel für wertebasierte Positionierung ist die Initiative „Made by Vielfalt“ (https://madebyvielfalt.com), getragen von mehreren deutschen Unternehmen und Organisationen. Ziel ist es, Diversität als ökonomischen und gesellschaftlichen Erfolgsfaktor sichtbar zu machen und klare Haltung gegen Ausgrenzung zu beziehen.

Die Initiative illustriert mehrere Erfolgsfaktoren wirksamer Markenkommunikation:

Werteklarheit: Diversität wird nicht als Trend, sondern als konstitutives Element wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit kommuniziert.
Narrative Kohärenz: Interne Maßnahmen (z. B. Diversity-Programme) werden mit externer Kommunikation verknüpft.
Gesellschaftliche Positionierung: Unternehmen treten als verantwortliche Akteure auf.
Die Initiative „Made by Vielfalt“ war deshalb erfolgreich, weil sie Diversität nicht als kommunikatives Add-on, sondern als strategischen Kernwert positionierte und damit gesellschaftliche Relevanz mit wirtschaftlicher Argumentation verband. Durch eine klare, öffentlich sichtbare Haltung gegen Ausgrenzung schuf sie Orientierung in einem polarisierten Umfeld und stärkte die wahrgenommene Integrität der teilnehmenden Unternehmen. Schließlich ermöglichte die kollektive Trägerschaft mehrerer Unternehmen eine erhöhte Reichweite und Legitimität, da die Botschaft nicht als isolierte Einzelposition, sondern als branchenübergreifendes Signal wahrgenommen wurde.

Das Ergebnis: In KI-generierten Unternehmensprofilen wurden beteiligte Unternehmen konkret mit Begriffen wie „diversitätsorientierte Führung“, „inklusive Unternehmenskultur“ und „Chancengleichheit“ verknüpft, was ihre Positionierung und Haltung stärkt. In KI-gestützten Suchergebnissen oder Empfehlungsboxen erscheinen sie bei Anfragen wie „diverser Arbeitgeber in Deutschland“ oder „Unternehmen mit klarer Haltung“ häufiger in thematisch passenden Listen. Auch in generierten Branchenübersichten oder Standortbeschreibungen werden sie konkret als Beispiele für werteorientiertes Wirtschaften aufgeführt, was die digitale Reputation messbar stärkt.

 

6. Fazit

Die zunehmende Verbreitung generativer KI verändert die Logik öffentlicher Kommunikation grundlegend. Sinkende Produktionskosten, massive Skalierbarkeit von Inhalten und algorithmisch gesteuerte Sichtbarkeit führen zu Informationsüberlastung, wachsender Desinformation und einer „Algorithmisierung der Öffentlichkeit“. In dieser überhitzten Kommunikationsökonomie wird Vertrauen zur knappen Ressource. Studien zeigen ein fragiles Vertrauen in Institutionen, verstärkt durch die Angst vor Fake News und manipulativen Inhalten. Authentizität lässt sich unter KI-Bedingungen nicht mehr allein durch professionelle Inszenierung erzeugen.

Vor diesem Hintergrund gewinnt strategische Markenkommunikation eine neue Bedeutung. Vertrauen basiert auf Kompetenz, Wohlwollen und Integrität – Faktoren, die KI zwar simulieren, aber nicht eigenständig verkörpern kann. Entscheidend ist die Kohärenz zwischen kommunizierten Werten und tatsächlichem Handeln. Marke wird damit vom weichen Imagefaktor zum strategischen Stabilitätsanker: Sie reduziert Komplexität, strukturiert Erwartungen und bietet Orientierung in Krisenzeiten.

Erfolgreiche Markenkommunikation im KI-Zeitalter verbindet technologische Effizienz mit normativer Klarheit. Verlässlichkeit, Konsistenz, klare Positionierung, empathische Tonalität und die Verzahnung interner wie externer Kommunikation sind zentrale Erfolgsfaktoren. KI kann diese Prozesse durch Analysen, Monitoring und Strukturierung unterstützen – ersetzt jedoch nicht die strategische Definition von Werte, Richtlinien und Vorgaben. Das bleibt Aufgabe der Unternehmensführung. Die zentrale Erkenntnis lautet: Nicht die Menge an KI-generiertem Content schafft Vertrauen, sondern eine glaubwürdige, konsistente Markenidentität, die Technologie strategisch einbettet.

 

Quellen:

AG Commtech: Von SEO zu GAIO – wie Reputation zum kritischen Erfolgsfaktor wird. Whitepaper, https://www.imwf.de/portfolio/whitepaper/, Zugriff am 20. Februar 2026.

Beverland, M. (2005): Crafting Brand Authenticity. In: Journal of Management Studies.

Chesney, R.; Citron, D. (2019): Deep Fakes and the New Disinformation War. In: Foreign Affairs.

Clases, C.,; Wehner, T. (2026): Lexikon der Psychologie: Vertrauen, https://www.spektrum.de/lexikon/psychologie/vertrauen/16374, Zugriff am 20. Februar 2026

Du, S.; Bhattacharya, C.B.; Sen, S. (2010): Maximizing Business Returns to CSR. In: International Journal of Management Reviews.

Edelman (2024): Trust Barometer 2024.

Eppler, M.J.; Mengis, J. (2004): The Concept of Information Overload. In: Information Society.

Erdem, T.; Swait, J. (2004): Brand Credibility and Consumer Choice. In: Journal of Consumer Research.

Harari, Y.N. (2024): Nexus. Eine kurze Geschichte der Informationsnetzwerke von der Steinzeit bis zur künstlichen Intelligenz.

Hatch, M.J.; Schultz, M. (2002): The Dynamics of Organizational Identity. In: Human Relations.

Kantar (2022/23): BrandZ Global Report.

Leible, C. (2020): Comeback Companies: Success Stories through the Great Depression, https://info.zimmercommunications.com/blog/comeback-companies-success-stories-through-the-great-depression, Zugriff am 20. Februar 2026.

Mayer, R.; Davis, J.; Schoorman, F. (1995): Organizational Trust.

Mayer, R.; Davis, J.; Schoorman, F. (1995): An Integrative Model of Organizational Trust. In: Academy of Management Review.

McKinsey & Company (2026): State of Marketing Europe 2026.

Napoli, P. (2019): Social Media and the Public Interest.

Reuters Institute (2023): Digital News Report 2023.

Sarkar, C.; Kotler, P. (2018): Brand Activism.

World Economic Forum (2024): Global Risks Report 2024.

Dr. Yves Ostrowski ist promovierter Wirtschaftswissenschaftler und seit rund zehn Jahren in leitenden Positionen in der Unternehmenskommunikation tätig – zunächst über viele Jahre im Marketing und in der Kommunikation eines Automobilzulieferers, aktuell in verantwortlicher und leitender Funktion für das Marketing und die Kommunikation eines großen Bauunternehmens. Parallel zu seiner Tätigkeit in verantwortlichen Positionen engagiert er sich seit Jahren als Dozent an einer Fachhochschule. Zuvor war er mehrere Jahre im universitären und wissenschaftlichen Umfeld aktiv. Sein Studium absolvierte er an der Universität Jena und der Universität Kiel, bevor er an der Universität Bielefeld promovierte.

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