Die IT-Branche braucht ein attraktiveres Image

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 / 27. August. 2020

Der Kampf um Talente setzt die IT-Branche zunehmend unter Druck. Viele Unternehmen suchen händeringend nach Fachkräften, im Umkehrschluss ergeben sich exzellente Karriereperspektiven für Berufsanfänger/-innen. Dass unter ihnen deutlich weniger Frauen als Männer sind, hat viele Gründe.

Der Mangel an IT-Fachkräften hält weiter an. Ende 2019 gab es rund 124.000 offene Stellen, für die Unternehmen trotz aller Anstrengungen keine Bewerber/innen finden konnten. Laut einer Studie[1] des Bitkom sind Programmierende zwar besonders begehrt, aber auch bei der Besetzung anderer, weniger technischer Positionen tun sich deutsche Firmen im Tech-Segment schwer. Gleichzeitig entscheiden sich nur wenige Frauen für eine Karriere als IT-Spezialistinnen – gerade mal bei 16 Prozent liegt der Branchenvertretung zufolge der Frauenanteil. Der Verband der Internetwirtschaft eco [2] schlägt in die gleiche Kerbe und warnte erst im Frühjahr eindringlich vor den Folgen. Demnach sind je nach Position nur rund zehn bis 20 Prozent der Bewerbenden auf offene Stellen für Programmierer/innen und IT-Experten/innen weiblich. Angesichts des Fachkräftemangels wird in der männerdominierten Tech-Welt daher der Ruf nach mehr Kolleginnen immer lauter.

Und das zu Recht: Die sogenannten ICT-Jobs – die Abkürzung steht für Information and Communication Technology – gehen inzwischen weit über die Berufe Informatiker/in und Softwareexperte/in hinaus. Computerprogramme, Algorithmen und Netzwerke sind auch in der Medizin, Maschinenindustrie, Pharmazie und weiteren Wirtschaftszweigen nicht mehr wegzudenken. Für einen dieser Jobs braucht es neben spezifischem Wissen über die neuesten Entwicklungen in der jeweiligen Branche auch die Fähigkeit, die konstanten Veränderungen der IT-Technologien in das eigene Aufgabengebiet zu adaptieren. Analog zur Digitalen Transformation der Wirtschaft ändern sich die Anforderungen an Fachkräfte – digitale Kompetenz wird zur beruflichen Schlüsselqualifikation. Die EU-Kommission geht deshalb in ihrer Einschätzung sogar soweit, dass digitale Kenntnisse in irgendeiner Art und Weise in naher Zukunft für rund 90 Prozent aller Berufe erforderlich sind.

Das Image des Nerds ist eigentlich überholt, oder?

Umso wichtiger ist es, junge Menschen für die Tech-Branche zu begeistern. In der Konsequenz müssen sich Bildungsministerien und Unternehmen gleichermaßen darüber Gedanken machen, Grundlagen der Informationstechnologie sehr viel früher und in einer größeren Bandbreite in Schulen zu lehren. Zwar bringt nicht zwangsläufig jede/r das nötige abstrakte Verständnis und Interesse für Programmiersprachen mit, doch auch in anderen IT-Bereichen als der klassischen Softwareentwicklung sind Mitarbeiter/innen mit analytischem Denken gefragt – und das will erst gelernt sein. Die frühe Förderung könnte dabei auch das Interesse bei denjenigen Schülerinnen und Schülern für technische Themen wecken, zu denen viele heutzutage etwa aufgrund ihrer sozialen Herkunft keinen direkten Zugang haben und somit auch keine Begeisterung entwickeln können. Zwar wachsen Kinder heute ganz selbstverständlich mit Tablets und Smartphones auf und können diese besser bedienen, doch die Zusammenhänge hinter der Technologie verstehen dabei die wenigsten. Digitale Technologie muss endlich ein unverzichtbarer Bestandteil der Lehrpläne werden – nicht als Add-on für eine Handvoll Nerds, sondern als Kernfach wie Deutsch, Mathe und Englisch. Ein Pflichtfach würde den Schülerinnen und Schülern Grundlagenwissen der Informatik und lösungsorientiertes Denken vermitteln, darüber hinaus aber auch das Interesse für die Technologien hinter Themen wie künstlicher Intelligenz, Blockchain, smarte Städte, autonome Fahrzeuge usw. wecken. Themen, die unser Leben, unseren Alltag und unsere Berufsbilder in Zukunft verändern werden. Auch schon heute gibt es in der IT eine große Bandbreite von Berufsbildern und -möglichkeiten und es ist an der Zeit, das Image des typischen Computerspezialisten, das viele vor Augen haben, neu zu besetzen. Das Bild eines jungen Mannes ohne Freunde in der realen Welt, der stundenlang im Keller vor einem Computer sitzt, hat mit der Wirklichkeit nichts gemein. Statt ums einsame Programmieren geht es um kommunikatives Problem-Lösen in einem Team. IT-Experten/innen müssen Projekte planen, Anforderungen aufnehmen und technische Neuerungen den anderen Kollegen und Kolleginnen im Unternehmen erklären.

Gleichzeitig brauchen gerade Mädchen – und das belegen die unterschiedlichsten Studien – eine dedizierte Frühförderung. Tatsächlich kehren sie Tech-Themen schon früh den Rücken, dabei sind ihr Interesse an diesen Disziplinen wie auch ihre Leistungen in Mathematik und Naturwissenschaften in den ersten sechs Schuljahren genauso stark beziehungsweise gut wie die der Jungen. Doch schon ab der 7. Klasse kippt dieses Gleichgewicht. Das bedeutet: Mädchen zwischen elf und 16 Jahren brauchen positive Erfahrungen und Förderung, damit sie sich einen Job in der IT-Branche vorstellen können.

Wer Fachkräfte braucht, muss investieren

Selbstverständlich sind nicht nur die klassischen Bildungseinrichtungen gefordert, um mehr Talente zu gewinnen, sondern in hohem Maße auch die Unternehmen. Vereinfacht formuliert: Wer Fachkräfte braucht, muss selbst in entsprechende Bildung investieren. Das fängt schon in der Schulzeit mit Projektwochen, Schnupper-Workshops oder Schulpatenschaften an. Im nächsten Schritt sind Unternehmen in der Verantwortung, genügend Ausbildungsplätze zu schaffen. Daneben kann die Zusammenarbeit mit einer Universität sinnvoll sein, um die Hochschulausbildung so praxisnah wie möglich zu gestalten und die Studierenden bestens für die Job- und Kompetenzprofile von morgen zu rüsten. adesso beispielsweise hat sich mit der XU Exponential University zusammengetan. Herausgekommen ist das gemeinsame Programm „adesso School of Coding and Software Engineering“, das darauf ausgerichtet ist, die Lücke bei IT-Expertise und IT-Fachkräften mit einem praxisnahen Ansatz zu schließen: Studierende werden in diesem Bildungsgang an durchschnittlich drei Tagen pro Woche an der Hochschule ausgebildet. Dabei steht das Überführen des Gelernten in die Praxis durch Experimentieren und die Entwicklung von Prototypen im Vordergrund. Die restlichen zwei Wochentage können die Studierenden ihre Praxiserfahrung in konkreten Projekten bei Unternehmen ausbauen. Später helfen dann unternehmensinterne Coaching-Programme gerade Frauen dabei, ihre persönliche Karriereentwicklung in der IT-Branche voranzutreiben. Weitere unabdingbare Voraussetzung ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf: Solange die Angebote an flexiblen Arbeitsplatzmodellen sowie einer umfassenden Kinderbetreuung fehlen, werden Frauen – die immer noch den Löwenanteil der Familienarbeit tragen – weiterhin vor einer großen Herausforderung stehen. Standardlösungen helfen hier nicht weiter, vielmehr braucht es Antworten auf Fragen moderner Lebensrealitäten. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) beispielsweise warnt in einer aktuellen Studie [3] davor, dass vor allem Frauen die Verliererinnen der Corona-Krise auf dem Arbeitsmarkt sein werden.

Fakt ist: In der IT herrscht ein eklatanter Fachkräftemangel, der branchenübergreifend die Innovationsfähigkeit ausbremsen kann und die Wettbewerbsfähigkeit bedroht. Damit mehr junge Menschen und vor allem Frauen die Tech-Branche als potenziellen Arbeitgeber sehen, sollte an zahlreichen Baustellen nachgebessert werden – allen voran geht es darum, Bildungsangebote zu schaffen, die Stereotypen entgegenwirken und gerade Mädchen schon früh für Digitalisierung und IT begeistern. So kann sichergestellt werden, dass mehr Frauen einen gut bezahlten Beruf in der IT ergreifen und finanziell aufgrund von Teil- und Care-Zeit nicht den Kürzeren ziehen.

 

Quellen und Referenzen:

[1] https://www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/Erstmals-mehr-als-100000-unbesetzte-Stellen-fuer-IT-Experten

[2] https://www.eco.de/presse/studie-belegt-frauen-in-der-it-branche-weiterhin-unterrepraesentiert/

[3] https://www.diw.de/de/diw_01.c.788000.de/corona-krise_erschwert_vereinbarkeit_von_beruf_und_familie_vor_allem_fuer_muetter_____entlastung_dringend_erforderlich.html

 

Über den Autor:


Kristina Gerwert ist Leiterin Human Resources Management bei der adesso SE.