Woher kommen die Open Source-Mythen?

Quelloffene Software ist im Mainstream angekommen. Oder fast zumindest. Während die Mehrheit der deutschen Unternehmen bereits Open Source einsetzen, stößt das Thema auch noch oft auf Widerstände. Zu umständlich und unsicher sei die Nutzung, und generell sei Open Source nur etwas für Nerds. Ist an diesen Mythen etwas dran? Zeit, sie genau unter die Lupe zu nehmen.
Von   Rico Barth   |  Geschäftsführer   |  KIX Service Software
16. Februar 2026

Woher kommen die Open Source-Mythen?

 

 

Quelloffene Software ist im Mainstream angekommen. Oder fast zumindest. Während die Mehrheit der deutschen Unternehmen bereits Open Source einsetzen, stößt das Thema auch noch oft auf Widerstände. Zu umständlich und unsicher sei die Nutzung, und generell sei Open Source nur etwas für Nerds. Ist an diesen Mythen etwas dran? Zeit, sie genau unter die Lupe zu nehmen.

 

Im zweijährigen Rhythmus veröffentlicht die Bitkom den Open Source Monitor. Darin analysiert der Branchenverband die Verbreitung und Ansichten zu Software mit offenem Quellcode mit Hilfe von Befragungen in der Wirtschaft und dem öffentlichen Sektor. Die neueste Untersuchung von 2025 dürfte den meisten Open Source-Enthusiasten gut gefallen haben. Doch wo Licht ist, ist auch Schatten.

Besonders bemerkenswert ist, dass Open Source-Software keine Randerscheinung mehr ist, sondern sich in vielen Bereichen und Branchen durchsetzen konnte. Von den befragten CIOs, Geschäftsführern und anderen Verantwortlichen gaben 73 Prozent an, dass sie Open Source in verschiedenen Formen und Ausführungen in ihrem Unternehmen nutzen. Bei der letzten Bitkom-Untersuchung 2023 lag diese Zahl noch bei 69 Prozent. Die Größe der Firmen reicht dabei von 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bis zu über 2.000.

Andererseits gaben auch zwei Drittel der Befragten an, dass bei ihnen gar keine ausgearbeitete Open Source-Strategie existiert. Ein erschreckend hoher Wert, da so eine Strategie eigentlich essentiell bei der Risikovorsorge sein sollte. Und auch grundsätzlich zeigt der Open Source Monitor, dass es in diesem Bereich noch viele Unklarheiten, Mythen und Vorurteile gibt. Welche vermeintlichen Nachteile gaben die Teilnehmer der Befragung genau an?

 

Keine Experten in der Open Source-Welt

Die meisten Teilnehmer am Open Source Monitor gaben an, dass für sie die fehlenden Fachkräfte der größte Nachteil in diesem Bereich ist. Ein valider Punkt, der allerdings nicht nur für das Open Source-Umfeld gilt, sondern für den IT-Sektor allgemein. Das gesamte Gebiet hat in den letzten Jahrzehnten enorme Fortschritte gemacht, aber ist damit auch immer komplexer geworden. Das macht es schwierig, gut ausgebildetes Personal zu finden.

Doch woran liegt es eigentlich, dass nicht genügend Nachwuchs hinterherkommt? Ein Punkt ist möglicherweise, dass sich zwar die Technologie rasant entwickelt hat, jedoch nicht das Image des ITlers. Gerade beim Thema Open Source denken viele Leute noch an den menschenscheuen Programmierer im Keller, ungepflegt und umgeben von Pizzakartons. Dieses Bild ist aber sehr weit von der Realität entfernt.

IT, Programmiersprachen und Open Source sind nicht nur etwas für Nerds, sondern für die breite Masse. Die Menschen müssen sich nur dafür begeistern. Eine Idee ist es, das Interesse dafür schon möglichst früh zu wecken. Etwa durch Informatikstunden schon in der Grundschule. Warum sollte das in einer immer digitaleren Welt nicht genauso selbstverständlich wie der Matheunterricht sein? Oder durch besondere Events wie den jährlich stattfindenden Girls Day. So lassen sich auch Mädchen und junge Frauen für diesen Job begeistern und sehen, dass es keine reine Männerdomäne ist.

 

Die Sache mit der Gewährleistung

Ein Mythos, der sich schon viel zu lange hält, ist die vermeintlich unklare Gewährleistung beim Einsatz von Open Source-Software. Und vielleicht ist die Ursache hierfür auch im Imageproblem der Branche zu finden. Klar, die Open Source-Pioniere in den 1980er Jahren waren oft die noch heute kolportierten Nerds im Keller oder der Garage ihrer Eltern – Seriosität sieht anders aus. Das freiheitliche Weltbild dieser Epoche lebt zwar heute noch fort, doch die Branche hat sich bedeutend professionalisiert.

Sobald sich ein Unternehmen für eine quelloffene Lösung entscheidet, geht es nicht nur um die Einführung oder die Migration. Ebenso wichtig ist der Support durch den Hersteller und eine sichere Lieferkette. Und genau wie Closed Source-Lösungen gibt es hierfür dann Subskriptions- oder Gewährleistungsverträge – lange erprobt und etabliert. Der Mythos, dass Open Source Fragen offenlässt oder die Gewährleistung eher eine Grauzone ist, ist also längst überholt.

 

Juristische Unsicherheiten

Auf Platz Drei der im Open Source Monitor genannten Nachteile liegen rechtliche Unsicherheiten. Ebenfalls ein Mythos, der schon längst aus der Welt geschafft sein sollte. Denn: Wie bei jeder Software, jedem digitalen Produkt gibt es auch bei quelloffenen Lösungen Lizenzen für die Anwender. In der Regel akzeptieren sie diese schlicht durch die Nutzung. Wer dagegen ein Open Source-Produkt um- oder an anderer Stelle einbaut, muss die Quellcodelizenz beachten – das ist auch schon alles.

Der große Vorteil bei Open Source in diesem Bereich ist die Einheitlichkeit. Die meisten Lizenztexte basieren nämlich auf Standard-Vorlagen bzw. lassen sich darauf zurückführen. Für die User und Maintainer ist es so ziemlich einfach, den Durchblick zu behalten. Bei Closed Source-Lösungen hingegen gibt es bei so gut wie jedem Hersteller eine individuelle Endnutzer-Vereinbarung. Nutzerfreundlich ist das nicht, da diese meist so detailliert sind, dass sie im Grunde nur Juristen vollends verstehen.

 

Ist der Schulungsaufwand zu hoch?

Ein weiter Negativpunkt, den die Teilnehmer der Bitkom-Befragung angaben, war der ihrer Meinung nach zu hohe Schulungs- und Einarbeitungsaufwand. Doch dann stellt sich die Frage, welcher Systemwechsel denn keinen Aufwand verursacht. Ganz unbegründet ist der Punkt aber trotzdem nicht: Bei vielen Open Source-Anwendungen lag der Fokus lange auf der Technik und den Funktionen. Usability und schöne, eingängige Oberflächen waren dagegen zweitrangig. Möglicherweise hat das für viele Leute abschreckend gewirkt. Seit einigen Jahren geht der Trend aber deutlich stärker in Richtung Nutzerfreundlichkeit und Design.

Die Ablehnung kommt aber auch oft aus einer gewissen Bequemlichkeit. Viele Mitarbeiter wollen sich gar nicht mit einer neuen Software auseinandersetzen, da sie die bisherige Lösung gewohnt sind und sie beherrschen. Einerseits verständlich – warum etwas ändern, wenn es bisher ja funktioniert? Andererseits braucht es manchmal etwas Zeit, bis die User die neuen Funktionen, Möglichkeiten und Vorteile wirklich verinnerlichen. Deshalb ist es wichtig auf Dienstleister und Anbieter zu setzen, die sich nicht nur um die Migration kümmern, sondern auch Schulungen und dauerhaften Support bieten.

 

Sicherheitsrisiko Open Source?

Das Thema Sicherheit war die Befragten enorm wichtig, und zehn Prozent von ihnen gaben an, dass sie bei Open Source deshalb Bedenken haben. Berechtigt? Absolut nicht – dieser Wert sollte eigentlich gegen Null gehen. Natürlich gab und gibt es auch bei Open Source Sicherheitsvorfälle – keine Software lässt sich komplett schützen. Aber Quelloffene Lösungen haben hier deutlich mehr Vor- als Nachteile.

Es ist vor allem die Transparenz, die Open Source so sicher macht. In vielen Fällen arbeiten etliche Entwickler zusammen am Code, wodurch sie potentielle Schwachstellen und Einfallstore für Hacker sehr schnell lokalisieren und schließen können. Und das meist deutlich schneller als proprietärer, also Closed Source-Software, bei der nur der Hersteller einen Einblick in den Code hat. Und: Alle Risiken und Schwachstellen in einem Open Source-Produkt werden öffentlich, wodurch sie in Zukunft vermieden werden können. Bei geschlossener Software wird dagegen gar nicht bekannt, welche Gefahrenquellen es gab oder aktuell existieren.

 

Fazit

Die Entwicklung geht in die richtige Richtung. Open Source verbreitet sich, und immer mehr Unternehmen verstehen, dass Offenheit nicht nur Kosten senkt, sondern Freiheit schafft – technisch wie organisatorisch. Es ist der Weg hin zur digitalen Souveränität.

Der aktuelle Open Source Monitor macht aber zugleich deutlich: Viele Fragen sind noch ungeklärt. Open Source löst nicht alles, aber es stabilisiert Prozesse und macht Abhängigkeiten transparent. Es ist wünschenswert, dass noch mehr Unternehmen sich für diese Technologie entscheiden.

Rico Barth ist einer der digitalen Vorreiter im Lande. 2006 hat er mit drei Kollegen das Unternehmen KIX Service Software gegründet. Seit 2011 ist er im Vorstand der Open Source Business Alliance. Barth macht mit seinem Unternehmen die IT-Abläufe des deutschen Mittelstands fit für die Zukunft.

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