Was Human-AI-Kollaboration wirklich braucht

Unternehmen stehen heute vor der Herausforderung, das Zusammenspiel zwischen Mensch und Künstlicher Intelligenz bewusst zu gestalten. Digitale Transformation bedeutet dabei nicht, einzelne KI-Pilotprojekte ins Unternehmen zu tragen, sondern Arbeit und Fähigkeiten so sichtbar zu machen, dass dieses Zusammenspiel überhaupt funktionieren kann. Genau diese Aufgabe steckt hinter dem Begriff der Human-AI-Kollaboration: der organisationalen Fähigkeit, Aufgaben so zwischen Mensch und KI zu verteilen, dass beide Seiten ihre Stärken einbringen und im Ergebnis deutlich produktiver und innovativer werden.
Von   Christian Friedrich   |  Geschäftsführer Digital Learning Solutions   |  Haufe Akademie
31. August 2026

Was Human-AI-Kollaboration wirklich braucht

 

 

Unternehmen stehen heute vor der Herausforderung, das Zusammenspiel zwischen Mensch und Künstlicher Intelligenz bewusst zu gestalten. Digitale Transformation bedeutet dabei nicht, einzelne KI-Pilotprojekte ins Unternehmen zu tragen, sondern Arbeit und Fähigkeiten so sichtbar zu machen, dass dieses Zusammenspiel überhaupt funktionieren kann. Genau diese Aufgabe steckt hinter dem Begriff der Human-AI-Kollaboration: der organisationalen Fähigkeit, Aufgaben so zwischen Mensch und KI zu verteilen, dass beide Seiten ihre Stärken einbringen und im Ergebnis deutlich produktiver und innovativer werden.

 

 

 

Die ROI-Lücke der Gegenwart

Drei Jahre nach dem Durchbruch generativer KI investieren Unternehmen Milliarden in die Technologie und reihenweise Pilotprojekte entstehen. Die Bilanz fällt dennoch ernüchternd aus. 88 Prozent der Unternehmen experimentierten laut McKinsey mit KI, doch nur 21 Prozent verzeichneten einen positiven ROI.
Dass sich KI bei vielen Organisationen noch nicht in der Wertschöpfung widerspiegelt, liegt selten im KI-Modell selbst. Laut Deloitte Global Human Capital Trends 2026 halten 66 Prozent der Führungskräfte die bewusste Gestaltung der Mensch-KI-Zusammenarbeit für entscheidend, während nur 6 Prozent davon berichten, dass sie damit tatsächlich Fortschritte machen. Somit liegt die Ursache für die geringen Erfolgsquoten eher in den organisationalen Strukturen, über die das Modell gelegt wird, und in der Art, wie Arbeit dort beschrieben und verteilt ist.

Damit verschiebt sich auch die zentrale Frage der digitalen Transformation weg von der reinen Technik hin zur Organisation: Wie wird ein Unternehmen wirklich kollaborationsfähig im Zusammenspiel mit KI?

 

Unternehmen denken heute noch immer in Jobrollen

Wenn ein Unternehmen heute beschreiben will, wer was tut, greift es auf Jobtitel, Stellenbeschreibungen und Organigramme zurück. Dahinter steckt ein Verständnis von Arbeit, das im frühen 20. Jahrhundert entstanden ist: Arbeit wird in stabilen Rollen gebündelt, die über Jahrzehnte hinweg gleich aussehen. Eine Rolle wie „Sachbearbeiterin Vertrieb“ enthält jedoch hunderte einzelner Aufgaben, etwa Angebote schreiben, Daten pflegen, Anrufe führen, Vertragsklauseln prüfen, Reportings erstellen oder interne Abstimmungen organisieren. In der Praxis behandeln Unternehmen all das als ein Bündel, das einer Person zugeordnet ist.

Diese Bündelung ist als Strukturelement durchaus sinnvoll, erzeugt im Alltag aber eine systematische Fehlallokation. Routineaufgaben hängen an Personen, die parallel anspruchsvolle Urteilsaufgaben erledigen sollen. Spezialwissen bleibt in einer Abteilung gefangen, obwohl es an anderer Stelle dringend gebraucht würde. Innovation entsteht selten dort, wo Stellenbeschreibungen sie verorten; sie entwickelt sich vielmehr an den Schnittstellen zwischen Aufgaben, und genau diese Schnittstellen verdeckt das Rollenkonzept. Solange eine Organisation Arbeit nur als Rollenpaket kennt, kann sie diese Fehlallokation auch nicht beheben.

 

Warum strategischer KI-Einsatz ein Skill-Denken erfordert

KI übernimmt in aller Regel keine ganzen Jobs, sondern einzelne Aufgaben innerhalb dieser Tätigkeiten. Wer nicht weiß, welche Aufgaben in der eigenen Organisation überhaupt existieren, kann KI deshalb nicht gezielt einsetzen und landet zwangsläufig beim breiten Ausrollen. Genau das erklärt das aktuelle ROI-Defizit: Viele kleine KI-Anwendungen funktionieren für sich, schaffen jedoch auf Organisationsebene keinen monetären Mehrwert.

Diese Betrachtungsweise von einzelnen Aufgaben reduziert Menschen nicht auf einen repetitiven Handgriff, sondern verteilt Aufgaben so, dass sie breiter und variabler arbeiten und KI nur dort zum Einsatz kommt, wo sie wirkt. Denn sobald Arbeit in Aufgaben zerlegt ist, zeigt sich: Die Wahl der Zusammenarbeit zwischen Mensch und KI beginnt nicht beim Tool, sondern bei Art und Anspruch der Aufgabe. Wo eine Aufgabe liegt, hängt vor allem an zwei Fragen: Wie groß ist der Schaden, wenn ein Ergebnis falsch ist? Und wie verlässlich ist die Informationslage, auf der entschieden wird? Ist beides unkritisch – geringe Folgen, klare Daten –, kann KI eine Aufgabe weitgehend eigenständig übernehmen und der Mensch gibt das Ergebnis frei. Je höher der mögliche Schaden und je unsicherer die Grundlage, desto stärker rückt der Mensch in die Führung: Aus voller Automatisierung wird ein Assistenzsystem, das zuarbeitet, dann ein Modus, in dem die KI nur noch auf Nachfrage antwortet, und schließlich Aufgaben, die der Mensch ganz übernimmt.

Grob lassen sich hier drei Typen unterscheiden: Routine-Aufgaben wie Dokumentenklassifikation, Datenextraktion, Standardkommunikation oder Reporting-Vorstufen folgen klaren Regeln und Mustern; hier wirkt KI als Automatisierungsmotor, dessen ROI sich schnell messen lässt. Urteilsaufgaben verlangen die Bewertung mehrdeutiger Sachverhalte, etwa die Frage, ob ein Muster in Kundenbeschwerden auf ein Produktproblem hindeutet, ob ein Kandidaten-Profil zum Team passt oder welches Feature priorisiert werden sollte; in diesem Bereich ist KI ein starker Sparringspartner, der Optionen strukturiert und Annahmen prüft. Beziehungsaufgaben schließlich beruhen auf Vertrauen und geteilter Geschichte, etwa bei einer schwierigen Eskalation, einem Teamkonflikt oder einem Mentoring-Gespräch; hier bleiben Menschen unverzichtbar.
Diese Unterscheidung ist die Voraussetzung dafür, dass KI gezielt dort eingesetzt wird, wo sie tatsächlich produktiv ist, statt überall in halber Tiefe präsent zu sein. Auf Rollenebene lässt sie sich nicht treffen, sie braucht den Blick auf die einzelnen Aufgaben.

 

Woran Unternehmen heute scheitern

In der Praxis werden Tools häufig eingeführt, bevor klar ist, welches Problem sie lösen sollen. Verantwortlichkeiten bleiben gleichzeitig an Jobrollen geknüpft, weshalb unklar bleibt, wer für ein KI-Ergebnis einsteht: die Rolle, die die Aufgabe ursprünglich innehatte, oder das Team, das das Tool betreibt. Und schließlich arbeiten HR-Systeme weiterhin in Rollenkategorien statt in Aufgabenkategorien, weshalb eine echte Aufgabenlandkarte des Unternehmens in den meisten Fällen gar nicht existiert. Damit fehlt die Grundlage, KI strategisch zu allokieren. Wer sein Unternehmen fit für den Einsatz von KI machen will, muss diese drei Punkte adressieren. Und der entscheidende Hebel liegt dabei im Organisationsdesign.

 

Der Weg zur Skill-basierten Organisation

Sobald Arbeit in Aufgaben zerlegt ist, stellt sich die nächste Frage: Wer kann was? Jede Aufgabe wird durch einen Skill oder ein Skill-Bündel ausgeführt. Wer im Unternehmen einen Skill besitzt, wird damit zur potenziellen Ressource für jede Aufgabe, die diesen Skill verlangt, unabhängig von der Abteilung, in der die Person formal sitzt. Skill-Transparenz ist damit die zweite Voraussetzung für funktionierende Human-AI-Kollaboration. Erst sie macht es möglich, Aufgaben an die jeweils geeignetste Person oder das passendste Mensch-KI-Tandem zu vergeben.

In der Theorie ist die Notwendigkeit von Skill-Transparenz nicht neu. Skill-Matrizen, Kompetenzmodelle und Talentdatenbanken gibt es seit Jahrzehnten und doch scheitern sie in der Praxis an drei Punkten. Selbstauskünfte sind systematisch verzerrt, weil Menschen sich je nach Persönlichkeit, Karrierephase und Unternehmenskultur unter- oder überschätzen. Zertifikate messen vor allem das Lernen und weniger das Können. Klassische Kompetenzmodelle schließlich arbeiten mit groben Kategorien wie „Projektmanagement“ oder „Kommunikation“ und veralten schneller, als sie sich pflegen lassen. Dadurch lassen sich die vorhandenen Skills im Unternehmen nicht in der nötigen Granularität, Aktualität und Belegbarkeit darstellen und so bleiben Aufgaben dort hängen, wo Rollen sie historisch verortet haben.

 

Welche Rolle KI spielt: Skill-Inferenz

KI kann dabei helfen, Skills entlang der tatsächlichen Praxis zu inferieren. Daraus entsteht eine grundlegend andere Datenbasis, als wenn Skills rein aus Stellenprofilen oder Weiterbildungszertifikaten genutzt wird. Sie wird detaillierter, weil sich statt eines breiten Labels wie „Projektmanagement“ zeigen lässt, ob jemand stark in Stakeholder-Mapping, in Risikoanalyse, in Timeline-Synthese oder in Konflikt-Moderation ist. Sie wird aktueller, weil Skills deutlicher schneller fortgeschrieben werden, ohne dass jemand ein Formular ausfüllen muss. Und sie wird belegbarer, weil an die Stelle der Selbstauskunft eine evidenzbasierte Inferenz tritt, die Skills mit konkreten Artefakten verknüpft, an denen sie sich gezeigt haben.

Damit das funktioniert, brauchen Unternehmen klare Leitplanken: definierte Datenquellen, Transparenz gegenüber Mitarbeitenden und eine einheitliche Sprache, wie über Skills gesprochen wird, eine sogenannte Skill-Ontologie. Unter diesen Bedingungen wird Skill-Inferenz zu dem, was sie sein soll: eine Möglichkeit, Mitarbeitende mit ihren tatsächlichen Fähigkeiten sichtbar zu machen, auch jenseits dessen, wofür sie ursprünglich eingestellt wurden.

 

Was sich damit organisatorisch verändert

Sobald Skills auf dieser Basis sichtbar werden, verschiebt sich die Logik des Unternehmens spürbar. Teams stellen sich zunehmend nach den benötigten Skills zusammen und weniger nach formaler Abteilungszugehörigkeit. Lernen wird situativ und individuell, weil die Lücke zwischen aktuellem Skill-Profil und nächster Aufgabe konkret beschreibbar wird und sich damit gezielt schließen lässt, statt über Standard-Curricula gelegt zu werden, die für alle gleich gelten. Mitarbeitende werden mit Kompetenzen sichtbar, die in ihren Jobtiteln nie gestanden haben. Und die Organisation gewinnt eine Voraussetzung, ohne die jeder KI-Einsatz strategielos bleibt: Sie weiß, wer was kann.

 

Was KI-Readiness am Ende heißt

KI-Readiness ist am Ende vor allem eine Frage der Arbeitsgestaltung und der Skill-Architektur, weniger eine Frage der eingesetzten Tools. Wer im eigenen Unternehmen zu echter Mensch-KI-Zusammenarbeit kommen will, hat dafür zwei Hausaufgaben zu erledigen.
Die erste besteht darin, Arbeit in Aufgaben zu zerlegen und sie entlang ihrer Logik aus Routine, Urteil und Beziehung mit passenden Mensch-KI-Kollaborationsmodellen zu versehen. Die zweite Aufgabe ist es, Skill-Sichtbarkeit jenseits von Selbstauskünften und Zertifikaten herzustellen und KI dafür als analytische Schicht zu nutzen, die Skills aus realer Arbeit ableitet.

Wer beides angeht, schafft die Voraussetzung, unter der KI-Investitionen tatsächlich Wirkung zeigen können. Wer es auslässt, wird auch das nächste Modell, die nächste Lizenz und die nächste Plattform über Strukturen legen, die für diese Art von Zusammenarbeit nicht gebaut sind. Den eigentlichen Schub für die nächste Welle der KI-Produktivität bringt nicht das nächste Modell, sondern ein neues Verständnis von Arbeit und Skills im Unternehmen.

Christian Friedrich ist seit 2017 bei der Haufe Akademie und verantwortet als Geschäftsführer den Bereich Digital Learning Solutions. Hier motiviert ihn der Gestaltungsspielraum und seine Aufgabe, die Dinge anzugehen, die morgen gesellschaftlich wichtig werden.

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