Mit Mut zur Datensouveränität

Digitale Souveränität wird häufig gefordert, aber nur selten konsequent umgesetzt. Meist scheitern Unternehmen nicht an der Technologie, sondern an gewachsenen Abhängigkeiten, Risikowahrnehmung und fehlender strategischer Priorisierung. Und vor allem, weil in vielen Unternehmen der Mut fehlt, den ersten Schritt zu gehen.
Von   Soenke Liebau   |  Mitgründer und CPO   |  Stackable
16. September 2026

Mit Mut zur Datensouveränität

 

 

Digitale Souveränität wird häufig gefordert, aber nur selten konsequent umgesetzt. Meist scheitern Unternehmen nicht an der Technologie, sondern an gewachsenen Abhängigkeiten, Risikowahrnehmung und fehlender strategischer Priorisierung. Und vor allem, weil in vielen Unternehmen der Mut fehlt, den ersten Schritt zu gehen.

Die Diskussion über digitale Souveränität wird häufig technisch geführt. Im Mittelpunkt stehen Cloud-Plattformen, Datenbanken oder einzelne Softwareprodukte. Tatsächlich beginnt Souveränität jedoch deutlich früher. Sie ist eine unternehmerische Entscheidung darüber, wie unabhängig ein Unternehmen künftig agieren möchte.

Dabei geht es nicht darum, jede Software selbst zu entwickeln oder jede Anwendung im eigenen Rechenzentrum zu betreiben. Vielmehr geht es um die Fähigkeit, Entscheidungen jederzeit selbst treffen zu können. Unternehmen sollten frei bestimmen können, wo Daten gespeichert werden, wer darauf zugreifen darf, wie Anwendungen betrieben werden und ob ein Anbieter gewechselt werden kann. Genau diese Wahlfreiheit geht in vielen gewachsenen IT-Landschaften schleichend verloren.

Die meisten Unternehmen geraten nicht bewusst in Abhängigkeiten – sie wachsen hinein. Proprietäre Plattformen, nicht standardisierte Schnittstellen, geschlossene Datenformate und individuelle Anpassungen erschweren den späteren Wechsel. Gleichzeitig entsteht internes Spezialwissen für genau diese Technologien, während langfristige Lizenz-, Support- und Cloud-Verträge die Bindung zusätzlich verstärken. Je länger eine solche Infrastruktur betrieben wird, desto höher werden Aufwand und Risiko einer Migration.

 

Warum Unternehmen trotzdem zögern

Nahezu jedes größere Unternehmen kennt diese Risiken. Dennoch werden grundlegende Veränderungen häufig verschoben. Als Begründung werden meist fehlende Fachkräfte, hohe Investitionen oder die Komplexität einer Migration genannt.

Diese Faktoren spielen durchaus eine Rolle. Moderne IT-Landschaften sind komplex und niemand sollte eine Migration unterschätzen. Gleichzeitig zeigen zahlreiche Projekte, dass sich diese Herausforderungen mit standardisierten Plattformen, Automatisierung und externer Unterstützung beherrschen lassen.

Die eigentlichen Hemmnisse liegen häufig tiefer. Strategische Infrastrukturentscheidungen sind immer auch persönliche Entscheidungen. Wer einen grundlegenden Wechsel anstößt, übernimmt Verantwortung. Misslingt das Projekt, bleibt diese Verantwortung beim Unternehmen. Gelingt es, wird der Erfolg häufig als selbstverständlich wahrgenommen. Diese Risikoasymmetrie begünstigt den Status quo.

Hinzu kommen interne Entscheidungsprozesse. Budgets müssen freigegeben, Fachbereiche überzeugt und Prioritäten gesetzt werden. Solange digitale Souveränität als Großprojekt erscheint, wird sie oft vertagt.

 

Kleine Schritte schaffen Vertrauen

Deshalb lohnt es sich, Datensouveränität nicht als Mammutprojekt zu verstehen. Erfolgreiche Veränderungen beginnen häufig mit einem überschaubaren Pilotprojekt. Eine neue interne Anwendung oder ein einzelner Datenservice reichen      aus, um Erfahrungen zu sammeln.

Solche Projekte haben mehrere Vorteile. Sie begrenzen Risiken, liefern messbare Ergebnisse und schaffen internes Vertrauen. Gleichzeitig entwickeln Mitarbeitende neues Know-how. Aus einer abstrakten Debatte wird ein konkretes Projekt mit nachvollziehbaren Erfahrungen.

Genau dieser Lerneffekt ist häufig wichtiger als die eingesetzte Technologie. Wer einmal erlebt hat, dass offene und portable Architekturen zuverlässig funktionieren, bewertet spätere Migrationsprojekte deutlich realistischer.

 

Open Source ist Mittel, nicht Selbstzweck

In der Debatte wird Open Source häufig entweder als Allheilmittel oder als zusätzliche Belastung dargestellt. Beides greift zu kurz.

Der eigentliche Vorteil offener Software liegt darin, Wahlfreiheit zu ermöglichen. Offener Quellcode, offene Standards und transparente Schnittstellen erleichtern den Wechsel zwischen Dienstleistern und reduzieren langfristige Lock-in-Effekte. Gleichzeitig verbessern sie Nachvollziehbarkeit und Transparenz.

Allerdings entsteht daraus nicht automatisch digitale Souveränität. Auch offene Lösungen müssen betrieben, abgesichert und weiterentwickelt werden. Unternehmen benötigen klare Verantwortlichkeiten sowie ausreichendes technisches Wissen oder verlässliche Partner. Erst dann kann die theoretische Freiheit auch praktisch genutzt werden.

 

Die Wirtschaftlichkeit zeigt sich langfristig

Oft wird argumentiert, souveräne Infrastrukturen seien zu teuer. Tatsächlich entstehen zu Beginn Investitionen für Planung, Migration und Qualifizierung. Wer ausschließlich diese Anfangskosten betrachtet, übersieht jedoch den gesamten Lebenszyklus einer Plattform.

Langfristig gewinnen Unternehmen Flexibilität. Lizenzmodelle, Preissteigerungen oder technische Vorgaben einzelner Hersteller verlieren an Einfluss. Gleichzeitig lassen sich Systeme einfacher weiterentwickeln, weil technologische Entscheidungen nicht dauerhaft von einem einzelnen Anbieter abhängen.

Für eine fundierte Bewertung sollten deshalb immer die gesamten Betriebskosten betrachtet werden. Dazu gehören neben Lizenzkosten auch Migrationsfähigkeit, Skalierung, Schulungsaufwand und die Möglichkeit, den Anbieter bei Bedarf wechseln zu können.

 

Europa zeigt unterschiedliche Geschwindigkeiten

In mehreren europäischen Staaten wird digitale Souveränität inzwischen als strategische Aufgabe verstanden. Öffentliche Verwaltungen setzen stärker auf offene Technologien und schaffen Rahmenbedingungen, die langfristige Unabhängigkeit fördern. Beispielhaft dafür sind die öffentlichen Open Source-Initiativen in Frankreich, den baltischen Staaten oder in der Schweiz.

Deutschland verfügt ebenfalls über erfolgreiche Einzelinitiativen. Insgesamt wird jedoch häufig länger diskutiert als umgesetzt. Dabei ist digitale Souveränität längst nicht mehr nur eine technische Frage. Sie berührt Innovationsfähigkeit, wirtschaftliche Resilienz und die Fähigkeit, auf geopolitische Veränderungen flexibel reagieren zu können.

 

Fazit

Digitale Souveränität ist kein Produkt und kein einmaliges IT-Projekt. Sie beschreibt die Fähigkeit eines Unternehmens, dauerhaft selbst über die eigene digitale Infrastruktur entscheiden zu können.

Der Weg dorthin beginnt nicht mit einer vollständigen Transformation, sondern mit einer bewussten strategischen Entscheidung und einem ersten konkreten Schritt. Wer früh beginnt, baut Kompetenzen auf, reduziert Abhängigkeiten und erweitert seinen Handlungsspielraum kontinuierlich. Die größte Hürde ist dabei meist nicht die Technik, sondern die Bereitschaft, bestehende Routinen zu hinterfragen und Veränderungen aktiv zu gestalten.

Ein häufiger Fehler besteht darin, digitale Souveränität als Ziel mit einem festen Endpunkt zu betrachten. Tatsächlich verändert sich die technologische Landschaft permanent. Neue regulatorische Anforderungen, neue Sicherheitsrisiken und neue Geschäftsmodelle erfordern laufende Anpassungen. Deshalb sollten Unternehmen ihre Datenstrategie regelmäßig überprüfen und bewerten, ob bestehende Abhängigkeiten noch den eigenen Anforderungen entsprechen. Wer diesen Prozess kontinuierlich steuert, schafft langfristig mehr Resilienz und verhindert, dass neue Lock-in-Effekte unbemerkt entstehen. Digitale Souveränität ist deshalb weniger ein Projekt als vielmehr ein Prinzip, das strategische Entscheidungen dauerhaft begleitet.

Sönke Liebau, Jahrgang 1981, ist CPO bei Stackable. Der Diplom-Wirtschaftsinformatiker arbeitet seit 15 Jahren im Open Source- und Big Data-Umfeld. Mit Lars Francke hat er 2020 Stackable gegründet. Das Unternehmen entwickelt eine Open Source Data Platform.

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