Zukunftsfähige SAP-Systeme durch Clean Core: Herausforderungen und Lösungsansätze

Der Artikel zeigt, warum ein Clean Core entscheidend für zukunftsfähige SAP-Systeme ist – unabhängig davon, ob sie in der Cloud oder On-Premises betrieben werden. Historisch gewachsene Anpassungen erhöhen Komplexität, Kosten und Innovationsbarrieren. Ein strukturierter Ansatz aus Bestandsaufnahme, klaren Architekturprinzipien und verbindlicher Governance schafft Transparenz, reduziert Abhängigkeiten und ermöglicht eine nachhaltige SAP-Transformation.
Von   Maxim Fuchs   |  Senior SAP Consultant   |  BTC AG
22. Mai 2026

Zukunftsfähige SAP-Systeme durch Clean Core:

Herausforderungen und Lösungsansätze 

 

 

Mit der zunehmenden Verbreitung von SAP S/4HANA rücken Architekturfragen stärker in den Fokus von IT-Organisationen. Dabei zeigt sich schnell, dass nicht der Betriebsort des Systems über seine Zukunftsfähigkeit entscheidet, sondern der Umgang mit dem Kern selbst. Der Mehrwert eines sauberen Systemkerns zeigt sich unabhängig vom gewählten Betriebsmodell. Auch in On-Premises- oder Private-Cloud-Umgebungen führen tiefgreifende Modifikationen zu erhöhtem Wartungsaufwand, längeren Release-Zyklen und steigenden Betriebskosten. Gleichzeitig erschweren sie die Einführung neuer Technologien und Innovationen. Ein Clean Core schafft hier strukturelle Klarheit: Er reduziert Abhängigkeiten, vereinfacht Testszenarien und erleichtert den schrittweisen Übergang zu neuen Plattformen oder Betriebsformen. Damit wird der Ansatz zu einer strategischen Investition in Flexibilität – selbst dann, wenn ein Wechsel in die Public Cloud aktuell nicht geplant ist.
In der Praxis zeigt sich schnell: Der Weg zu einem sauberen Kern ist kein klassisches Migrationsprojekt. Vielmehr handelt es sich um einen tiefgreifenden Wandel, der bestehende Prozesse, Rollenmodelle und Entscheidungsmechanismen gleichermaßen betrifft.

 

Gewachsene Systemlandschaften als Stolperstein 

ERP-Systeme spiegeln häufig jahrzehntelange Unternehmensgeschichte wider. Individuelle Anforderungen, regulatorische Vorgaben und organisatorische Eigenheiten haben dazu geführt, dass der SAP-Standard schrittweise erweitert, angepasst und teilweise überformt wurde. Diese Historie kollidiert nun mit den Prinzipien cloudbasierter Systeme.
Ein zentrales Problem ist dabei der Umfang an kundeneigenem Code. In vielen Fällen fehlt der Überblick darüber, welche Entwicklungen tatsächlich noch genutzt werden oder geschäftskritisch sind. Was einst einen Mehrwert bot, erweist sich heute nicht selten als Ballast, der Updates erschwert und Abhängigkeiten verstärkt.
Hinzu kommt, dass Prozesse oft um bestehende Systemgrenzen herum konstruiert wurden. Statt sich an bewährten Standardabläufen zu orientieren, entstanden hochgradig individuelle Prozessketten, die sich nur schwer in eine standardnahe Cloud-Architektur überführen lassen.

 

Erweiterungen ohne Leitplanken

Neben der Frage, was umgesetzt wurde, ist zunehmend entscheidend, wie historische Erweiterungen realisiert wurden. Moderne SAP-Architekturen bieten heute unterschiedliche Möglichkeiten, zusätzliche Funktionalitäten bereitzustellen: etwa In-App-Extensions, die innerhalb klar definierter Erweiterungspunkte im System umgesetzt werden, Side-by-Side-Anwendungen, die auf separaten Plattformen betrieben werden und über standardisierte Schnittstellen angebunden sind, oder lose gekoppelte Services, die spezifische Aufgaben übernehmen und sich unabhängig weiterentwickeln lassen. Auch der Einsatz ereignisbasierter Integrationen oder spezialisierter Fiori-Anwendungen zählt zu diesen modernen Erweiterungsformen. Ohne eine klare strategische Einordnung und verbindliche Leitplanken entstehen jedoch schnell hybride Architekturen, die den Systemkern erneut belasten und dem Clean-Core-Gedanken widersprechen.

 

Governance als Erfolgsfaktor 

Ein häufig unterschätzter Punkt ist die Zeit nach der technischen Umstellung. Selbst wenn der Systemkern erfolgreich bereinigt wurde, besteht ohne verbindliche Regeln die Gefahr, dass neue Anforderungen wieder zu individuellen Anpassungen führen. Ein Clean Core ist kein Zustand, sondern ein kontinuierlicher Anspruch.
Erforderlich ist daher ein Governance-Modell, das klare Entscheidungswege definiert: Welche Anforderungen rechtfertigen eine Erweiterung? Welche Lösungen sind standardkonform? Und wer trägt die Verantwortung für die Einhaltung dieser Prinzipien? Erst durch diese strukturelle Verankerung wird der Clean Core langfristig gesichert.

 

Schrittweise zur nachhaltigen Zielarchitektur 

Bewährt hat sich ein methodisches Vorgehen, das mit einer umfassenden Bestandsaufnahme beginnt. Ziel ist es, Transparenz über Eigenentwicklungen, Schnittstellen und Prozessvarianten zu gewinnen. Auf dieser Grundlage lassen sich Funktionen systematisch bewerten – nicht nach ihrer technischen Raffinesse, sondern nach ihrem tatsächlichen Beitrag zur Wertschöpfung.
In einem nächsten Schritt wird entschieden, welche Funktionen entfallen können, wo eine Rückkehr zum Standard sinnvoll ist und an welchen Stellen gezielte Erweiterungen notwendig bleiben. Daraus entsteht eine belastbare Transformations-Roadmap, die technische, organisatorische und fachliche Aspekte zusammenführt.

 

Fünf Leitlinien für die Umsetzung 

 

  1. Mehrwert vor Vollständigkeit
    Nicht jede bestehende Lösung muss übernommen werden. Entscheidend ist der messbare Nutzen für das Unternehmen.
  2. Architekturentscheidungen früh treffen 
    Eine klar definierte Erweiterungslogik verhindert spätere Inkonsistenzen.
  3. Standard als Chance begreifen 
    Bewährte Standardprozesse reduzieren Komplexität und beschleunigen Innovation.
  4. Verantwortlichkeiten klar regeln
    Ein gemeinsames Gremium aus IT und Fachbereichen sorgt für Transparenz und Verbindlichkeit.
  5. Mitarbeitende aktiv einbeziehen 
    Offene Kommunikation und Qualifizierung sind zentrale Voraussetzungen für Akzeptanz.

 

Der menschliche Faktor der Clean-Core-Transformation 

Neben Architektur und Technologie verlangt der Clean-Core-Ansatz vor allem ein verändertes Rollen- und Verantwortungsverständnis in den Organisationen. IT-Abteilungen entwickeln sich dabei vom reinen Umsetzer einzelner Fachanforderungen hin zum Gestalter stabiler, langfristig tragfähiger Plattformen. Gleichzeitig sind die Fachbereiche stärker gefordert, Anforderungen nicht nur funktional, sondern auch im Hinblick auf Nutzen, Komplexität und architektonische Konsequenzen zu bewerten. Diese gemeinsame Verantwortung ist entscheidend, um kurzfristige Komfortlösungen kritisch zu hinterfragen und zugunsten nachhaltiger Stabilität abzuwägen. Ein verbreitetes Missverständnis besteht darin, Clean Core mit einem pauschalen Verzicht auf Individualität gleichzusetzen. Tatsächlich geht es darum, fachliche Differenzierung bewusst aus dem Systemkern herauszulösen und damit transparenter zu gestalten. So wird sichtbar, welche Anpassungen echten geschäftlichen Mehrwert liefern und welche historisch gewachsen, aber fachlich verzichtbar sind. Dieser Perspektivwechsel wird umso wichtiger, als viele Prozesse bislang um bestehende Systemgrenzen herum entwickelt wurden und sich nur schwer an bewährten Standardabläufen orientieren. Gelingt dieser kulturelle Wandel, wird der Clean Core nicht als restriktive IT-Vorgabe wahrgenommen, sondern als gemeinsames Ordnungsprinzip für eine zukunftsfähige Systemlandschaft.

 

Schlussbetrachtung 

Der Clean Core ist kein Selbstzweck und keine rein technische Vorgabe. Er bildet vielmehr die Grundlage für eine zukunftsfähige SAP-Strategie – in der Cloud und On Premises. Unternehmen, die bereit sind, gewachsene Strukturen zu hinterfragen, Prioritäten klar zu setzen und ihre Organisation mitzunehmen, profitieren langfristig von höherer Agilität und geringerer Komplexität.
Weniger Individualcode bedeutet dabei nicht den Verlust von Differenzierung – sondern den Freiraum, Innovation dort zu realisieren, wo sie echten Mehrwert schafft.

Maxim Fuchs ist seit 2024 Senior SAP Consultant bei der BTC Business Technology Consulting AG. Zuvor war der Wirtschaftsinformatiker als SAP Managing Consultant bei Rewion sowie mehrere Jahre als BTP Solution Architekt und SAP-Berater tätig. Sein Schwerpunkt liegt auf SAP BTP, Fiori und verschiedenen technischen Themen innerhalb der SAP-Welt.

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