Digitalisierung in Europa –
Integrations- statt Innovationsproblem
Europa kann Innovation – bleibt in der Umsetzung aber oft wirkungslos
Sieht man sich die Digitallandschaft Europas an, gibt es mehr als genug Beispiele für innovative Start-Ups, wegweisende Grundlagenforschung und Digitalisierungsvorhaben im Mittelstand. Ein großer Teil der Pionierarbeit in Bereichen wie Künstliche Intelligenz oder Cloud Infrastruktur wurde in Europa gemacht.
Das eigentliche Problem liegt in der Umsetzung; digitale Initiativen entstehen oft isoliert. Ein CRM wird eingeführt, ohne das ERP sauber anzubinden. Ein Data-Warehouse wird aufgebaut, während operative Systeme weiterhin proprietäre Schnittstellen nutzen oder die gewünschten Daten gar nicht erfasst werden können. Eine KI-Initiative startet als Leuchtturmprojekt, aber ohne Zugriff auf konsistente und sauber strukturierte Daten.
Kurzum: es handelt sich um ein Integrations- und nicht um ein Innovationsproblem.
Digitale Fragmentierung als strukturelles Muster
Viele europäische Unternehmen, insbesondere kleine und mittelständische Unternehmen, sind historisch gewachsen. IT-Systemlandschaften haben sich dementsprechend über die Jahre organisch entwickelt:
- ERP-Systeme aus den 2000ern
- Branchenspezifische Fachanwendungen
- Individuell entwickelte Schnittstellen und Tools, um die Lücken zu schließen
- Excel-basierte Schattenprozesse
- Neue SaaS-Lösungen nur für einzelne Prozesse oder Abteilungen
Jede Lösung für sich erfüllt ihren Zweck, in der Summe entsteht jedoch eine so komplexe Architektur, dass sie kaum noch zu überblicken ist.
Unternehmensbefragungen zeigen, dass Unternehmen weltweit inzwischen im Durchschnitt mehr als 100 einzelne Anwendungen einsetzen, in größeren Organisationen oft sogar Hunderte. Oftmals koexistieren diese Systeme nur, statt sinnvolle Synergien zwischen den einzelnen Anwendungen freizusetzen, wird die nächste Lösung hinzugezogen, mit der bestehende Probleme dann vermeintlich gelöst werden können.
Viele Insel-Lösungen ergeben noch keine Digitalstrategie
Die zugrundeliegende Fehlannahme ist häufig, dass Digitalisierungsinitiativen nur als einzelne Projekte betrachtet werden, statt Digitalisierung als grundsätzliche Architekturfrage der eigenen Organisation zu begreifen.
Ein neues Tool wird eingeführt, ein Prozess ohne ihn zu hinterfragen digitalisiert oder ein neues Dashboard gebaut, ohne sich die übergeordnete Frage zu stellen, wie sich die neue Lösung in die gesamte Systemlandschaft einfügt. Es ist sehr oft sinnvoll, neue Projekte möglichst schnell von der Theorie in die Praxis zu bringen, vergessen wird dabei aber allzu häufig, dass es sich dabei oft nur um den ersten Schritt handelt.
Projekte, die einer ganzheitlichen, unternehmensweiten Digitalstrategie untergeordnet sind, werden dagegen immer von mindestens drei verschiedenen Ebenen aus betrachtet:
1. Datenebene
- Welche Daten werden benötigt? Liegen diese Daten bereits vor? Wie können sie für das neue Projekt verfügbar gemacht werden?
- Welche Daten werden durch das neue Projekt erzeugt? Wie sehen diese Daten aus?
- Wo werden die neu erzeugten Daten gespeichert? Wie werden sie für andere Systeme nutzbar gemacht?
- Wer arbeitet in Zukunft mit diesen Daten? Wer darf Zugriff auf sie haben?
2. Systemebene
- Welche Systeme sind beteiligt – direkt und indirekt?
- Welches System ist führend für welche Daten und Prozesse?
- Wie werden die Systeme angebunden (z.B. API, zusätzliche Middlewares, Events)?
- Wo entstehen Abhängigkeiten und Redundanzen? Lassen sich diese auflösen?
3. Prozessebene
- Wer ist in den Prozess involviert? Wer verantwortet den Gesamtprozess?
- Wie sieht der vollständige Prozess Ende-zu-Ende aus?
- Wo entstehen Brüche zwischen Abteilungen oder Systemen? Muss an irgendeiner Stelle manuell eingegriffen werden?
- An welchen Stellen ist der größte Hebel für Automatisierungen? Welche Prozessschritte gibt es, die bisher nicht anders lösbar waren?
Wird eine dieser Ebenen nicht berücksichtigt, entstehen Daten-Silos und Insel-Lösungen und die gesamte Infrastruktur wird komplexer. Diese Silos und Inseln sind also vielmehr ein organisatorisches Problem, als ein technisches.
Datensilos sind ein Organisationsproblem – kein IT-Problem
In Gesprächen mit Geschäftsführer:innen und IT-Entscheider:innen fällt bei der Analyse von Anforderungen und der Übergabe von Daten zwischen Systemen oft der Satz “Unsere Systeme können das eigentlich, aber…”.
Häufig stimmt das sogar, denn viele der verwendeten Dienste und Lösungen bieten die technischen Voraussetzungen zur Vernetzung. Gleichzeitig ergeben Analysen, dass viele Unternehmen über 60% der verfügbaren Daten überhaupt nicht nutzen.
Was fehlt ist jedoch:
- Die klare Verantwortlichkeit für Daten und Teilprozesse
- Abteilungsübergreifende Governence
- Verständnis für die strategische Relevanz der Integration von Diensten
- Budgets für Architektur, statt nur für Features
Insbesondere in einem Umfeld, in dem jede Abteilung eigene Budgets verwaltet, Erfolge isoliert betrachtet werden und kein Verständnis für Prozesse über die Anforderungen des eigenen Teams heraus herrscht, wird die Zusammenführung von Diensten zu einem Gesamtsystem vernachlässigt. Integration kostet Geld, das sich nicht sofort in zusätzlichem Umsatz bemerkbar macht, also wird sie gering priorisiert oder verschoben. Genau das reduziert jedoch langfristig Wettbewerbsfähigkeit und erschwert Wartung und Weiterentwicklung in der Zukunft.
Warum diese Form der Fragmentierung in Europa besonders verbreitet ist
Viele europäische Unternehmen sind marktführend in einem spezialisierten, stark regulierten Markt und mittelständig geprägt. Eine Stärke für technologische Tiefe und Exzellenz, aber selten für Plattformdenken.
Gleichzeitig ist es schwieriger, eine kritische Größe in einem Markt wie dem europäischen zu erreichen, der aus unterschiedlichen Sprach-, Währungs- und Steuerräumen mit spezifischen regulatorischen Anforderungen besteht. Dies erschwert eine schnelle Skalierung, die Standardisierung von Prozessen und den Aufbau einheitlicher Plattformen, die generalistischer gedacht werden können.
Durch diese Marktunterschiede kommt operativer Stabilität, Prozessoptimierung und kurz- bzw. mittelfristiger Planbarkeit eine höhere Bedeutung zu, die es strategischen Investitionen in die IT-Infrastruktur strukturell eher erschwert. Obwohl fast 20% der EU-Unternehmen die bestehende digitale Infrastruktur als Digitalisierungshindernis benennen (und damit mehr als 3-mal so häufig wie US-Unternehmen), sind die privatwirtschaftlichen Investitionen in IT-Infrastruktur in den USA im Schnitt um mehr als 50% höher als in der EU.
Integration als Schlüssel zur erfolgreichen Digitalstrategie
Wenn das eigentliche Problem die fehlende Orchestrierung ist, dann ist der entscheidende Faktor für eine gelungene Digitalisierungsstrategie nicht das nächste Tool, sondern die Architektur dahinter.
Damit dies gelingt braucht es:
- API-basierte Systeme, die by Design geeignet sind, miteinander zu interagieren statt proprietärer, geschlossener Systeme
- Eine klare Systemhierarchie und definierte “Single Source of Truth”
- Einheitliche, bereinigte Datenmodelle, statt parallel stattfindende Datenrealitäten
- Integrationsplattformen, die Systeme voneinander entkoppeln
- Verantwortungsübernahme für Daten und Prozesse, nicht nur für Anwendungen
Erst wenn Daten, Systeme und Prozesse nahtlos zusammenspielen, entstehen echte Wettbewerbsvorteile:
- Automatisierung über Abteilungsgrenzen hinweg
- Echte Prozessautomatisierung, die bestehende, analoge Prozesse nicht einfach nur digital nachbildet
- Neue digitale Fähigkeiten (beispielsweise im Bereich AI) auf Basis konsistenter Daten
- Eine beherrschbare IT-Landschaft, die skalier- und erweiterbar ist
Integration ist kein technisches Detailthema, sondern die infrastrukturelle Voraussetzung einer funktionierenden Digitalstrategie.
Fazit: Europas Stärke liegt in modularer Exzellenz
Europa mangelt es nicht an Ideen, Technologie oder Talent. Was fehlt, ist häufig die systemische Verbindung der existierenden, guten Lösungen. Die Chance liegt nicht im Nachbau einzelner Megaplattformen, sondern im Aufbau modularer, interoperabler Ökosysteme.
Europäische Unternehmen verfügen über spezialisierte, technologisch oft exzellente Lösungen. Mit klarer Architektur, offenen Schnittstellen und strategischer Integration können diese Lösungen gezielt kombiniert und sinnvoll erweitert werden.
Nicht mehr die Innovation an sich entscheidet über digitale Wettbewerbsfähigkeit, sondern die Fähigkeit, innovative Lösungen wirksam zu vernetzen.
Quellen
[1] https://www.okta.com/reports/businesses-at-work/
[2] https://www.seagate.com/de/de/our-story/rethink-data/
[3] https://www.eib.org/de/press/all/2021-273-eib-corporate-digitalisation-index-2020-2021-most-eu-countries-are-trailing-the-united-states-in-digitalisation
[4] https://www.oecd.org/en/data/indicators/ict-investment.html



Um einen Kommentar zu hinterlassen müssen sie Autor sein, oder mit Ihrem LinkedIn Account eingeloggt sein.