Vom Reporting zur aktiven Steuerung von Dekarbonisierung

Bei der Transformation zur Nachhaltigkeit ist entscheidend, wie und wann Emissionen sinken. Dafür sollten Unternehmen den CO2-Ausstoß nicht nur zu bilanzieren, sondern auch wirtschaftlich in Echtzeit zu steuern. Dies gelingt durch den Einsatz eines umfassenden Digital Carbon Managements, das Dekarbonisierung planbar macht und fest in den täglichen Geschäftsabläufen intergriert.
Von   Alexander Appel   |  Manager Sustainability Transformation   |  MHP Management- und IT-Beratung
23. Februar 2026

Vom Reporting zur aktiven Steuerung von Dekarbonisierung

 

 

Bei der Transformation zur Nachhaltigkeit ist entscheidend, wie und wann Emissionen sinken. Dafür sollten Unternehmen den CO2-Ausstoß nicht nur zu bilanzieren, sondern auch wirtschaftlich in Echtzeit zu steuern. Dies gelingt durch den Einsatz eines umfassenden Digital Carbon Management, das Dekarbonisierung planbar macht und fest in den täglichen Geschäftsabläufen integriert ist.

 

2,8 statt 1,5 Grad – ohne weitere Maßnahmen dürfte das Klimaziel bis zum Ende des Jahrhunderts deutlich überschritten werden. Die neuesten Prognosen des UN-Umweltprogrammes (UNEP) machen deutlich, wie viel Tempo es von nun an braucht, um Treibhausgasemissionen zu verringern und der Klimaerwärmung entgegenzuwirken. Gefragt ist hier sowohl die Politik als auch die Industrie, die traditionell einen hohen Energiebedarf hat. Einen Beitrag zum Klimawandel zu leisten, lohnt sich für Unternehmen sowohl ökologisch als auch ökonomisch. Durch effektive operative Steuerungsmodelle für eine nachhaltige Strategie wird die Dekarbonisierung zum Wettbewerbsvorteil. Die relative Geschwindigkeit der Energiewende ist dabei entscheidend. Nachzügler sind deutlich höheren Transformationsrisiken ausgesetzt. Die gute Nachricht ist: Laut einem aktuellen „what if-Report“ ist die große Mehrheit der DAX 40 auf einem guten Weg. Die Ergebnisse zeigen aber auch, dass sich die Innovationslücke schneller schließen muss, um Emissionen und Wertschöpfung zügiger voneinander zu entkoppeln.

 

Fokus auf die CO2-Äquivalente

Um nachhaltig zu wirtschaften, ist eine orchestrierte Transformation des gesamten Operating Models notwendig. Den Anfang macht die Vision in Form eines individuellen und zielgerichteten Fahrplans, wie der Wandel hin zu nachhaltigeren Produkten, Dienstleistungen und Prozessen gelingen soll. Viele Unternehmen setzen dabei auf das Science Based Target (SBT), dieses allein genügt allerdings nicht – entscheidend ist, ob sich die Zielpfade im realen Track Record widerspiegeln. Ist das Ziel einmal gesetzt, bedarf es Steuerungsmechanismen, welche die Maßnahmen messbar und transparent machen. Eine gute Orientierung bieten zudem ESG-Kriterien des Finanzmarkts.

Die allerwichtigste Kennzahl im Bereich der Nachhaltigkeit sind jedoch die CO2-Äquivalent Emissionen. Sie stehen für eine Maßeinheit, die die Klimawirkung verschiedener lang- und kurzlebiger Treibhausgase wie Kohlenstoffdioxid, Methan und Lachgas zusammenfasst, indem sie deren Emissionen in die äquivalente Menge Kohlendioxid umrechnet. Dies ermöglicht einen direkten Vergleich des Treibhausgaspotenzials.

Für ein ganzheitliches Management zur Vermeidung und Reduktion von Emissionen entlang der gesamten Wertschöpfungskette ist es wesentlich, den Dekarbonisierungspfad nicht nur auf ein bestimmtes Jahr auszurichten, sondern auch budgetkompatibel aufzustellen. Es empfiehlt sich, das eigene CO2-Budget strategisch auf die kommenden Jahre aufzuteilen und mit konkreten Reduktionszielen entlang abgeleiteter Emissionsobergrenzen zu verbinden, ähnlich einem Finanzbudget.

Eine zentrale Frage stellt sich nach der ökonomischen Emissionsintensität: Wie viele CO₂-Emissionen entstehen pro Euro Umsatz, Tonne Produkt oder Dienstleistungseinheit? Diese Kennzahl verbindet Klimawirkung mit wirtschaftlicher Effizienz. Wer diese Metrik kennt und verfolgt, kann Vergleiche ziehen. Zum Beispiel zwischen Tochterunternehmen und Standorten oder Geschäftsbereichen und Produkten. Außerdem ermöglicht das Vorgehen, Benchmarking mit Wettbewerbern durchzuführen, Hotspots im Unternehmen zu identifizieren und unternehmerische Entscheidungen an Klimazielen ausrichten. In der Praxis bedeutet das: Statt pauschalen Kompensationen oder dem Einsatz von End-of-Pipe-Technologien kann dort angesetzt werden, wo die höchste „CO₂-Rendite“ erzielt wird.

 

Klarheit zum Klimapfad schaffen

In CO2-Budgets zu denken und die Intensität von Emissionen zu analysieren, hebt die Dekarbonisierungssteuerung auf ein neues Level. Unternehmen können damit nicht nur Emissionen messen, sondern aktiv priorisieren, wo und wann Investitionen am meisten wirken. Ein Beispiel: Eine Fabrik verursacht durch den Betrieb von fossilen Anlagen zehn Prozent der Emissionen, generiert aber 30 Prozent des Umsatzes. Durch Technologien wie Wärmepumpen und direkte Elektrifizierung aus erneuerbarem Strom könnten die Emissionen gesenkt werden. Die Priorität, hier in nachhaltige Lösungen zu investieren, ist hoch. In anderen Bereichen, die hohe Emissionen und eine sehr geringe Wertschöpfung erzielen und kaum Reduktionspotenzial haben, sind hingegen Ausgleichsstrategien sinnvoller. Die Kombination beider Ansätze erlaubt die ökonomische Optimierung der Klimastrategie – eine Voraussetzung für fundierte Investitionsentscheidungen hinsichtlich des 1,5-Grad-Ziels.

Ohne digitale Unterstützung ist dieses Steuerungsniveau jedoch kaum erreichbar. Wissenschaftlich basierte und einfach verständliche Modelle sind in die Lage, die Scope 1-3 Emissionen eines Unternehmens ins Verhältnis zu dessen Bruttowertschöpfung zu setzen und daraus die Klimaperformance in Grad Celsius abzuleiten. Damit kann jeder im Unternehmen sofort verstehen, ob es klimafreundlich wirtschaftet oder nicht. Außerdem können verschiedene Zukunftsszenarien betrachtet werden. Das Unternehmen erhält ein individuelles CO2-Budget unter Einbeziehung seiner bisherigen Performance und kann so flexible Maßnahmen entlang des 1,5-Grad-Pfades umsetzen. Es kann dadurch beispielsweise einen internen CO2-Preis festlegen, über den sich wiederum Emissionsrisiken quantifizieren lassen.

 

Alle an Bord holen

Die Grundlage, um jede Zukunftstechnologie gewinnbringend einzusetzen, sind valide und prüfungssichere Daten aus einheitlichen Datenquellen und einem digitalen, automatisierten Datenerfassungsprozess in Echtzeit. Dafür benötigen Unternehmen ein umfassendes Daten-Governance-Framework, das nahtlos in die IT-Architektur integriert ist. Ein weiterer zentraler Baustein sind datengestützte Audit Trails, die jede Datenänderung revisionssicher dokumentieren und somit eine belastbare Basis für interne und externe Prüfungen gewährleisten. Voraussetzung ist, dass einmal alle internen und externen Systeme an diesen zentralen Hub angebunden sind: ERP, SCM, PLM und HR sowie Datenquellen wie Klimadaten, Ratings, regulatorische Anforderungen.

Bei der Wahl der Plattform empfiehlt sich eine All-in-One-Lösung in der Cloud, die unternehmerische Nachhaltigkeitsziele mit der Einhaltung nationaler und internationaler Regulierungen verbindet. Sie gibt nicht nur einen vollständigen Überblick über den Corporate Carbon Footprint, sondern stellt auch andere relevante Tools für mehr Transparenz und Effizienz in Sachen Nachhaltigkeit bereit. Das können Lösungen in den Bereichen Produkt, Lieferantenmanagement, Maintenance und Distribution sein. Dies erleichtert es Entscheidungsträgern, die Daten über Reportings hinaus zu nutzen, zum Beispiel um digitale Produkte und Services weiterzuentwickeln, zuverlässige Lieferantennetzwerke aufzubauen oder die Logistik zu optimieren.

Künstliche Intelligenz in Form von Deep Learning kann wiederum dabei helfen, Anomalien zu erkennen, Klassifizierungen vorzunehmen und Prognosen zu erstellen. Unternehmen sind dadurch in der Lage, Risiken zu reduzieren, die Leistung zu verbessern und Wachstum zu fördern.

Letztendlich gelingt Veränderung aber nur, wenn alle an Bord sind. Mit einer offenen Kommunikation unter Führungskräften und Mitarbeitenden, dem Abbau von Silos und interaktiven Formate stellen Unternehmen sicher, alle mitzunehmen und die Transformation verständlich und umsetzbar zu machen.

Als Manager Sustainability Transformation bei der Management- und IT-Beratung MHP begleitet Alexander Appel die ganzheitliche Transformation zur Nachhaltigkeit von Unternehmen von der Strategie bis zur Implementierung. Seine Fokusthemen sind die Etablierung der Kreislaufwirtschaft, die Emissionsberechnung auf Unternehmens- und Produktebene sowie die Entwicklung neuer, nachhaltiger Geschäftsmodelle. Die Transformation zur Nachhaltigkeit sieht er nicht nur als Notwendigkeit an, sondern als eine der größten Geschäftschancen unserer Zeit – Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit zu vereinen, sollte oberstes Ziel sein.

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