Internet of Things – Game Changer oder Gadget?

bei

Internet der Dinge (IoT)
 / 28. February. 2018

Internet of Things (IoT) ist neben der Blockchain Technologie und Voice Assistants eines der Digitalthemen, die derzeit am intensivsten diskutiert werden. Die Meinungen reichen von Euphorie über die neuen Vernetzungsmöglichkeiten bis hin zur Skepsis hinsichtlich des tatsächlichen Mehrwerts für die Anwender.

So kontrovers diskutiert, in einem sind sich die Experten einig: Die Bedeutung von Internet of Things – verstanden als Netzwerk von physischen Geräten (den „Dingen“), die mit Elektronik, Sensoren und Software ausgestattet sind, miteinander bzw. mit den Anwendern verbunden sind und Daten austauschen, – wird künftig zunehmen. So wird erwartet, dass 2020, also schon in zwei Jahren weltweit etwa 25 bis 30 Milliarden verbundene Objekte im Einsatz sind – wobei eine zuverlässige Prognose wohl sehr schwierig sein wird. Die Dimensionen zeigen, wie relevant das Thema in Zukunft sein wird. Das gilt auch für Konsumgüterhersteller wie Henkel.

Auch wenn einem beim Thema IoT zunächst Konsumentenanwendungen wie Fitnesstracker, smarte Lautsprecher oder Connected Home-Systeme in den Sinn kommen, möchte ich darauf hinweisen, dass der B2B-Bereich bereits sehr weit entwickelt ist. IoT-Lösungen kommen in der Produktion bei vernetzten Industry 4.0-Systemen zum Einsatz, in den Bereichen Digital Health, Smart Cities oder bei digitalen Retail- und Point of Sale-Lösungen. Dabei mögen die B2B IoT-Anwendungen im Vergleich zu den B2C IoT-Produkten zunächst weniger spektakulär anmuten, sie sind jedoch nicht minder hochentwickelt und relevant, liegen ihnen doch meist konkrete Problemstellungen, Prozesse und Geschäftsmodelle zugrunde.

Ein Rundgang über die CES, die Consumer Electronics Show, auf der im Januar in Las Vegas die neuesten Technik-Innovationen vorgestellt worden sind, zeigt, dass es kaum eine Branche gibt, die heute nicht digital vernetzt ist: Selbstfahrende Autos, sprachgesteuerte Unterhaltungselektronik, intelligente Fitnessgeräte, smarte Küchen oder digitale Haussicherungssysteme sind nur einige der prominenteren Beispiele.

Das Internet der Dinge macht auch vor schlafoptimierenden Betten und schnarch-reduzierenden Kopfkissen, bewegungsprogrammierbaren und videoüberwachten Babywiegen, smarten Eierkochern, Hemdenfaltmaschinen, Katzen-Geotrackern, Mülleimern mit Scanner, die beim Entsorgen der leeren Packungen das entsprechende Produkt direkt nachbestellen, und kindlich anmutenden Robotern, die Hilfe in allen Lebenslagen versprechen, nicht Halt. Jeder der zehntausenden Neuheiten auf der CES liegt sicherlich – bzw. hoffentlich – ein konkreter Anwendungsfall, eine Zielgruppe und auch ein Business Case zugrunde. Dennoch darf bei mancher Innovation die Frage erlaubt sein: Ist das nun wirklich ein Game Changer oder eher ein Gadget?

Daher seien hier vier Kriterien genannt, von denen mindesten eins, besser jedoch mehrere erfüllt sein sollten:

  1. Produktivitätssteigerung: Gerade IoT-Anwendungen im B2B-Bereich können helfen, Produktionsprozesse oder Dienstleistungen effizienter zu gestalten, indem beispielsweise Mitarbeiter in der Produktion mit mobilen Geräten oder Datenbrillen ausgestattet werden, die dazu beitragen, die Fehlerquote zu reduzieren oder effizienter zu arbeiten.
  2. Kostenreduktion: IoT-Lösungen können zu nachhaltigen Kostensenkungen beitragen. So können durch Connected Health Systeme mithilfe von digitalen Ferndiagnosen Behandlungs- und Reisekosten optimiert werden und dem Patienten idealerweise schneller und gezielter geholfen werden.
  3. Innovativer, relevanter Kundennutzen, für den eine Zahlungsbereitschaft besteht: Dieses Kriterium lässt sich nicht immer eindeutig bewerten, da es auch von den individuellen Nutzenvorstellungen abhängt. Ein Beispiel sind smarte Soundsysteme, die es dem Anwender in Verbindung mit Streamingdiensten erlauben, zuhause unbegrenzt die Wunschmusik ohne die etablierten Tonträger bzw. eine klassische Stereoanlage hören und ggf. per Sprachbefehlen steuern zu können.
  4. Neue Umsatzpotenziale („Revenue Streams“): Hier geht es um die Frage, neben dem Verkaufspreis des IoT-Gerätes weitere Umsatzquellen zu erschließen. Nachgelagerte Geschäftsmöglichkeiten können etwa in innovativen Servicemodellen (Stichwort Subscription Services) oder in der Verwertung und Vermarktung der erhobenen Daten liegen (z.B. können die Messdaten eines Fitnesstrackers für Versicherungen wertvoll sein).

Anwendungsbeispiel IoT Beauty Tech: Der digital vernetzte Friseursalon

Eine im Bereich Internet of Things noch eher junge, aber deutlich an Bedeutung gewinnende Kategorie ist die Beauty Care-Branche. Anbieter von IoT-Innovationen sind dabei unter anderem namhafte globale Kosmetikkonzerne, Elektronik-Hersteller oder Start-ups. Beispiele für Beauty Tech-Angebote sind kleine UV-Sensoren, die den Nutzer vor zu viel schädlicher Sonneneinstrahlung schützen sollen, Haut-Tracker zur regelmäßigen Gesichtsanalyse und Falten-Prävention oder vernetzte Badezimmer-Spiegel mit Display und Augmented Reality-Funktion. Die meisten Beauty Tech-Angebote richten sich an Endverbraucher. Hier besteht die Herausforderung darin, regelmäßige Anwendungsfälle zu finden, die sich in die Beauty-Routinen der Konsumenten einfügen.

Wir bei Henkel Beauty Care, einem der weltweit führenden Hersteller von Kosmetikprodukten sowohl im Endkonsumentenbereich (Marken wie Schwarzkopf Taft, Schauma, Gliss Kur, Brillance, Syoss, Fa) als auch im Friseurbereich (u.a. Schwarzkopf Professional, Indola, Kenra), sehen IoT als Chance für neue Geschäftsmodelle und Angebote für unsere Kunden. Als erstes IoT-Projekt haben wir den digital vernetzten Friseursalon entwickelt, also eine B2B Lösung für Salonbesitzer. Dabei haben wir zunächst in Fokusgruppen und „Ideation Workshops“ mit Friseuren aus unterschiedlichen Ländern die „Consumer Journey“ eines Friseurkunden analysiert. Wir wollten verstehen, wie der Friseur seine Kunden noch besser und individueller beraten und exakt auf sie zugeschnittene Services anbieten kann. Dabei stellte sich heraus, dass geschulte Friseure die äußere Haarqualität bereits sehr gut beurteilen, jedoch die innere Haarqualität, also die Robustheit und den Feuchtigkeitsgehalt der Haare, nicht bestimmen können. Auch ist die Ermittlung der Ausgangshaarfarbe oft subjektiv und durch die Lichtverhältnisse im Salon beeinflusst. Für Friseure ist es jedoch sehr wichtig, die innere Haarqualität und die tatsächliche Haarfarbe zu kennen. Nur so können sie letztlich das geeignete Haarpflegeprogramm oder die passende Haarcoloration auswählen. Aus diesen Anforderungen hat ein bereichsübergreifendes Henkel-Team mit Mitarbeitern des Friseurgeschäfts, des Digitalbereichs sowie der Forschung & Entwicklung das erste digital vernetzte Ökosystem für Friseursalons entwickelt: den Schwarzkopf Professional SalonLab, der erstmals auf der CES im Januar 2018 der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Und das sehr erfolgreich – die Neuheit wurde mit zwei CES Innovation Awards ausgezeichnet.

Das Schwarzkopf SalonLab System besteht aus zwei miteinander vernetzten Geräten: dem SalonLab Analyzer und dem SalonLab Customizer sowie der SalonLab Consultant App, die über ein iPad gesteuert wird, als verbindendes Element.

Das System wird im Friseursalon in drei Schritten angewendet:

Schritt 1: SalonLab Analyzer

Der Schwarzkopf Professional SalonLab Analyzer ist ein Handscanner, der mit Nahinfrarot und Lichtsensoren ausgestattet ist. Er misst die innere Beschaffenheit des Haares, den Feuchtigkeitsgehalt und die exakte Farbe. Um eine repräsentative Haar-Diagnose zu erhalten, wendet der Friseur den Analyzer an verschiedenen Stellen an, von der Wurzel bis zu den Haarspitzen. Anschließend werden die Ergebnisse analysiert und mithilfe eines Algorithmus verarbeitet, dem ein digitalisiertes Haarmodell zugrunde liegt. Kombiniert mit der Expertise des Friseurs ermöglichen die Daten aus der Haaranalyse eine ideale individuelle daten-basierte Beratung.

Schritt 2: SalonLab Consultant App

Die SalonLab Consultant App ist das verbindende Element zwischen den digitalen Geräten. Es handelt sich um eine iPad-App, die den Friseur bei der Haaranalyse unterstützt, die Ergebnisse der Messungen grafisch aufbereitet und eine persönliche Farbberatung mithilfe der Augmented Reality-Technologie ermöglicht. So kann der Kunde im Livebild sehen, wie eine bestimmte Coloration auf seiner individuellen Haargrundlage aussehen würde, bevor sie angewendet wird.

Schritt 3: SalonLab Customizer

Der SalonLab Customizer ist eine Mischmaschine für Haarshampoos – direkt im Salon. Er mischt ein personalisiertes Shampoo, das individuell auf die gemessenen Haareigenschaften des Kunden abgestimmt ist. Auf Basis von verschiedenen Pflegestoffen und Parfums können 128 verschiedene Shampoo-Kombinationen gemischt und direkt im Friseursalon abgefüllt werden. Dazu druckt der Customizer ein personalisiertes Etikett aus, das einfache Nachbestellungen ermöglicht.

Dieses IoT-System eröffnet dem Friseur nicht nur neue und exakte Erkenntnisse über die Haarbeschaffenheit seiner Kunden, sondern auch neue Umsatzpotenziale durch Salon-Services wie Haaranalysen, personalisierte Beratungen und individualisierte Produkte. Gleichzeitig wird dadurch für Henkel Beauty Care der Grundstein für disruptive, datengetriebene Geschäftsmodelle gelegt. Denn die im SalonLab gewonnenen Haar- und Anwendungsdaten können wir wiederum, unter Berücksichtigung der neuesten Datenschutz Richtlinien, für die Entwicklung neuer Produkte und Services nutzen.

Game Changer oder Gadget – diese Frage lässt sich bei den meisten IoT-Innovationen erst rückblickend abschließend beantworten. Wir bei Henkel und auch unsere Schwarzkopf Professional-Friseure, mit denen wir den SalonLab entwickelt haben, glauben fest an das Potenzial und den Kundennutzen dieses neuartigen IoT-Systems. Ich bin mir sicher, dass es neue Impulse in der Friseurbranche setzen wird.

Der Autor: Dr. Nils Daecke ist seit 10 Jahren als Corporate Vice President bei Henkel tätig. Dort verantwortet er seit fünf Jahren die weltweiten Digitalaktivitäten von Henkel Beauty Care, sowohl für das Endkundengeschäft als auch für den Friseurbereich. In seinen Verantwortungsbereich fallen die Website-, SEO- und eCRM Aktivitäten, die digitale Markenkommunikation, Social-Media-Aktiväten, Influencer-Partnerschaften, Start-up Kooperationen und Venture Capital Investitionen sowie die Entwicklung neuer digitaler Geschäftsmodelle, unter anderem basierend auf Internet of Things-Technologien. Zuvor hat Nils Daecke fünf Jahre lang das weltweite Haarpflegegeschäft von Henkel geleitet und den Strategie- und M&A Bereich von Henkel Beauty Care verantwortet. Vor seiner Tätigkeit bei Henkel arbeitete Dr. Daecke zehn Jahre lang als Strategieberater bei der Boston Consulting Group und war dort Kernmitglied der Praxisgruppen Konsumgüter, Handel und Medien.

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