Im Gespräch mit Jörg Migende

bei

Foto: BayWa

Herr Migende, wie geht es den deutschen Bauern heute?

Sie sind von einem permanenten Strukturwandel umgeben. Pro Jahr geben 2 bis 7 Prozent der Betriebe ihre Höfe auf. Eine Triebfeder dafür war der technische Fortschritt, was wir aber nicht beklagen, weil es ihn immer schon gab und geben wird. Einst hat der Traktor das Pferd ersetzt und die körperliche Arbeit wurde leichter. Heute sind manche Dinge komplexer geworden und die psychische Belastung steigt. Die BayWa weiß das und versucht mit einfachen Lösungen auf die Landwirte zuzugehen, um sie zu stärken. Unsere Kunden sind gegenüber neuen Entwicklungen sehr aufgeschlossen. Ihre Fachkompetenz ist in den letzen Jahren immer größer geworden. Technologien wie Melkroboter sind längst gang und gäbe.

Wie holen Sie Rückmeldung von den Bauern ein?

Unsere Berater sind vor Ort, sie kennen die Betriebe und wissen, wo es brennt.

Haben sich die Erwartungen und Anforderungen an die BayWa geändert?

Eindeutig ja. Durch die Digitalisierung sind neue Bedürfnisse entstanden. Die Welt dreht sich schneller. Unsere Kunden wollen generell schneller bestellen und das rund um die Uhr. Wir haben unser digitales Angebot entsprechend angepasst. Alles wird technischer.

Bauen Sie auf internes Know-how oder arbeiten Sie mit Partnern zusammen?

Beides. Im Moment stocken wir unsere technische Entwicklungskompetenz auf. Durch den Kauf des Markführers FarmFacts haben wir zudem weitere Experten an Bord geholt.

Wie sprechen Sie die Landwirte an?

Über deren Business Case. Wenn sie uns fragen, wie sie die Düngung optimieren können, kommen wir leicht ins Gespräch. Dabei geht es dann nicht um neue Produkte wie eine App, sondern immer um das Internet der Dinge. Damit meine ich IoT vom Feinsten – oder anders gesagt: Industrie 4.0 auf dem Acker. Bei den Prozessen, die wir anbieten, spielen Daten, Software, Sensoren an Maschinen, mechanische Schnittstellen und Satelliteninformationen zusammen. Daraus entwickeln wir eine Lösung, die beim Kunden funktioniert. Ein Beispiel: Der Kunde möchte den Deckungsbeitrag pro Hektar optimieren. Wir bieten ihm einen typischen Prozess der Kategorie „Precising Farming“, auch Präzisionsackerbau genannt, an. Dazu muss man wissen, dass die Böden an verschiedenen Stellen verschiedene Qualitäten haben. Mal ist beispielweise der Nährstoffgehalt höher, mal niedriger. Wir teilen die Flächen also in viele kleine virtuelle Äcker auf. Per Satellitendaten ermitteln wir dann über einen eigenen Algorithmus die Ertragsfähigkeit pro Teilfläche. Warum machen wir das? Weil wir dann das jeweils ideale Saatgut pro Kleinacker ausbringen. Jetzt müssen wir also noch dafür sorgen, dass wir diese gewonnenen Informationen mit den landwirtschaftlichen Geräten über geeignete Schnittstellen wie Stecker oder Sensoren in Verbindung bringen. Alle Pflanzen gedeihen perfekt, der Ertrag ist absehbar höher als zuvor. Das ist übrigens genau das, was wir zuvor auf die Formel „teilflächenspezifischer Bewirtschaftung“ gebracht haben.

Sie bieten auch Fernwartungsdienste an. Wann werden diese gebraucht?

Das ist ebenfalls ein hoch spannendes Thema. Ein Mähdrescher kostet mehrere hunderttausend Euro, darum hat niemand ein Backup-Gerät. Also darf die Maschine nicht ausfallen – und schon gar nicht während der Erntezeit. Durch Telemetrie-Anwendungen stellen wir die optimale Verwaltung und damit die Ausfallsicherheit des Mähdreschers sicher. Sollte ein Problem erkennbar werden, kann er automatisch die Werkstatt informieren. Das geht natürlich auch bei Traktoren und anderen Fahrzeugen prima.

Auch Drohnen werden eingesetzt. Was leisten sie?

Biologische Schädlingsbekämpfung. Dazu wieder ein Beispiel: Beim Maisanbau gibt es einen hartnäckigen Feind, den Maiszünsler. Nach Schätzungen der Welternährungsorganisation FAO vernichten dessen Raupen weltweit etwa vier Prozent der jährlichen Maisernte. In Deutschland richtet er diesen Schaden nicht nur beim Mais, sondern sehr gerne auch beim Hopfen an. Der Maiszünsler kann chemisch bekämpft werden, aber wir empfehlen eine nachhaltigere Praxis: Landwirte schicken Drohnen los, die mit Schlupfwespenlarven bestückt sind und sich per GPS steuern lassen. Die Flugbahn ist programmiert und der Hexacopter „weiß“ genau, wann und wie er handeln muss. Alle paar Meter wirft er nun im Stil eines Kaugummiautomaten Kügelchen mit Larven der Nützlinge aus. Die jungen Schlupfwespen siedeln sich als Parasiten in den Eigelegen des Maiszünslers an – was dessen Vermehrung stört. Neue Ertragsausfälle werden auf diese Weise zuverlässig verhindert. Früher mussten die Landwirte und ihre Familien selbst auf die Felder, um die Nützlinge in den Maisfeldern auszusetzen. Das war ein ziemlich anstrengender Job!

Wir groß müssen Betriebe sein, um sich einen solchen Aufwand leisten zu können?

Unsere Angebote richten sich durchaus auch an die bäuerlichen Familienbetriebe, also an kleine und mittlere Unternehmen.

Stoßen Sie zuweilen auf Widerstand?

Selten. Die meisten Landwirte sind offen und wissen recht genau was sie wollen und was nicht. Sofern sie Ängste äußern, dann betrifft das eher den Datenschutz. Wir versuchen natürlich, diese Sorgen auszuräumen und stellen fest, dass die Kunden ein sehr großes Vertrauen zur BayWa haben. Wir führen offene Dialoge und freuen uns über jeden Landwirt, der sich von den Vorteilen des Smart Farmings überzeugen lässt. Aus einer Studie des Beratungsunternehmens PricewaterhouseCoopers kennen wir mögliche „Bremsfaktoren“ ganz genau. Als erstes stellt sich die berechtigte Frage nach dem Kosten-Nutzen-Verhältnis. Zweitens geht es um die Maschinenkompatibilität, also die Schnittstellen von einem Gerät zum anderen. Drittens stellt sich eine weitere Herausforderung, auf die wir leider selbst keine eigene Antwort geben können: Es fehlt das schnelle Internet im ländlichen Raum. Wenn die Landwirte Software auf ein Schlepperterminal übertragen müssen, brauchen sie ein Internet in Echtzeit, also maximale Bandbreite. Sie könnten dann die kabellose Bluetooth-Technologie einsetzen. Aber wie sieht die Praxis aus? Sie spielen die Daten auf einen USB-Stick und tragen diesen zum Einsatzort hin. Da muss noch viel im Land geschehen!

Was kommt dann als nächster Schritt? Können Sie schon in die Zukunft schauen?

Ein wenig schon (lacht). Ich sehe zum Beispiel kleine Roboter vor mir, die auf biologische Weise Unkraut vernichten, indem sie es einfach mechanisch ausstempeln. Die Landwirte finden solche Ideen übrigens heute schon ziemlich cool.

Jörg Migende ist Chief Digital Officer der BayWa AG. Migende stammt aus Aachen und hat Agrarwissenschaften an der Technischen Universität München in Weihenstephan studiert. Er ist seit 1998 für die BayWa AG tätig.

Seitdem und bis 2014 spezialisierte er sich auf den Vertrieb und Service für landwirtschaftliche Maschinen und hielt in diesem Bereich zahlreiche Führungspositionen inne – zuletzt als stellvertretender Leiter der Sparte Technik. 2015 wurde er dazu berufen, das Geschäftsfeld Digital Farming aufzubauen was die Abteilungen „Smart Farming“ und „E-Business“ beinhaltet. Zudem ist er für die Landtechnik-Aktivitäten der BayWa AG im südlichen Afrika verantwortlich.

Claudia-Linnhoff Popien/Cornelia Sauer

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