Warum man in fünf Jahren (hoffentlich) nicht mehr über Blockchains reden wird…

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Blockchain image by Davidstankiewicz is licensed under CC SA 4.0
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 / 2. August. 2017

Blockchains sind ein Hype. Das wird spätestens dann deutlich, wenn man auf Unternehmen trifft, die aktiv einen Blockchain-Anwendungsfall suchen. Man könnte auch sagen: Es wird ein Problem für die Lösung gesucht. Das ist offensichtlich der falsche Ansatz: Entweder hat man Probleme, Herausforderungen oder Anforderungen, die man mit den vorhandenen Technologien nicht oder nicht gut oder zumindest unter Nutzung von Blockchains besser lösen könnte – oder man hat sie nicht.

Mit Blockchains können ohne jeden Zweifel bestimmte Anforderungen besser gelöst werden als mit herkömmlichen Technologien. Die sequentielle Speicherung von Transaktionen, die Möglichkeit der Zuordnung von Zeitstempeln, der starke Schutz gegen nachträgliche Änderungen und die verteilte Struktur von Blockchains ebenso wie neue Konzepte wie Smart Contracts sind für viele Anwendungsfälle attraktiv. Der englische Begriff des „distributed ledgers“ als Überbegriff, also ein verteiltes „Hauptbuch“, macht das besonders deutlich: Anwendungsfälle, in denen es eine gesicherte Instanz von Informationen geben muss, die zentral gepflegt wird, sind die naheliegenden Anwendungsfälle für Blockchains. Ob es um die Abwicklung des internationalen Handels, um die Umstellung oder erstmalige Schaffung von Grundbüchern in Staaten oder digitale Währungen geht: In allen Fällen hilft ein solches verteiltes „Hauptbuch“ in elektronischer Form – und es lässt sich am besten über Blockchains realisieren.

Dabei muss man allerdings auch verstehen, dass es nicht die eine Blockchain gibt, sondern grundsätzlich eine beachtliche Zahl von Gestaltungsvarianten, die sich beispielsweise durch den verwendeten Konsensmechanismus („consensus“) unterscheiden wie beispielsweise „proof of work“ bei Bitcoin oder „proof of stake“ bei Ethereum, aber auch bezüglich der Identifikation der Teilnehmer, deren Authentifizierung oder die zugelassenen Teilnehmer. Während Bitcoin anonym ist, arbeiten andere Blockchains mit identifizierten Teilnehmern, weil Anonymität oft nicht erwünscht oder nicht erforderlich ist. Blockchains, die nicht anonym und sogar authentifiziert arbeiten, können mit einfacheren Konsensmechanismen arbeiten. Ohne im Rahmen dieses Posts in die Details gehen zu können oder zu wollen: Es gibt viele existierende und noch mehr denkbare Varianten von Blockchains. Zu verstehen, welche zum Business-Problem passt, ist ein wichtiger Schritt für die erfolgreiche Implementierung.

Warum wird und sollte man nun aber in einer nicht zu fernen Zukunft nicht mehr über Blockchains reden, wenn diese doch einen grundsätzlichen Nutzen haben? Hier muss ich auf die eingangs angesprochene Situation zurückkommen, bei der ein Problem für eine Lösung gesucht wird. Blockchains sind nur ein Mittel zum Zweck. Derzeit wird aber viel zu viel über die technischen Details und einen ganz bestimmten Lösungsansatz („Wir machen eine Blockchain“) gesprochen. Es geht aber darum, für geschäftliche Anwendungsfälle geeignete Lösungen zu finden. Hier beginnt man auch nicht mit „wir suchen eine Lösung, die auf Red Hat Linux läuft“ oder „wir wollen eine relationale Datenbank nutzen“ oder „wir wollen in C# programmieren“ und sucht sich dafür einen Anwendungsfall. Es geht vielmehr darum zu verstehen, was erreicht werden soll. Wenn dabei die Anforderungen aus dem Business zu den spezifischen Charakteristika von Blockchains, also der verteilten Struktur, der sequentiellen Speicherung der Informationen etc. passen, dann sollten Blockchains ein Teil der Lösung sein.

Das ist aber eine Frage, die genauso wie die nach der Programmiersprache nicht auf der Ebene von Business-Anforderungen angesiedelt ist, sondern auf der technischen Umsetzungsebene. Und so, wie man sich dort keine Gedanken darüber machen sollte, mit welcher Datenbank gearbeitet wird oder wie das Datenmodell in einer relationalen Datenbank normalisiert wird, sollte man auf der technischen Ebene nicht sagen: „Wir wollen nun unbedingt ein Problem mit einer Blockchain lösen, ob das nun Sinn macht oder nicht.“

Deshalb hoffe ich, dass wir in ein paar Jahren Blockchains ganz selbstverständlich nutzen, über standardisierte APIs und Protokolle. So wie es SQL für relationale Datenbanken gibt, brauchen wir auch Standards für Blockchains.

Dennoch ist es wichtig, dass das Business die Grundidee von Blockchains versteht. Denn damit lassen sich viele Anwendungsfälle im Business umsetzen, die bisher an der Technik gescheitert sind. Hier gibt es ein großes Innovationspotenzial. Bei diesem geht es aber um die Frage, was man im Business verändern kann und will und wo der geschäftliche Nutzen liegt, wenn man internationalen Handel und dessen Finanzierung effizienter und günstiger abwickeln kann oder die Abwicklung von Wertpapiergeschäften optimieren kann. Wenn sich dann aber herausstellt, dass das ohne Blockchains besser geht, dann ist das auch in Ordnung. Es geht nicht um Blockchains per se – der Ansatzpunkt muss immer der geschäftliche Anwendungsfall sein. Wie man ihn optimal löst, ist eine technische Frage, mit der sich das Business hoffentlich irgendwann nicht mehr beschäftigen muss. Aber auf der technischen Ebene muss natürlich weiterhin über Blockchains gesprochen werden und sie müssen dort, wo sie einen Mehrwert liefern, auch genutzt werden.

Martin Kuppinger, der Autor des Textes, sagt, dass Unternehmen nicht nach einem Anwendungsfall für Blockchain suchen sollten, nur um Blockchain einzusetzen.
Der Autor: Martin Kuppinger ist Gründer des unabhängigen Analystenunternehmen KuppingerCole und als Prinzipal Analyst verantwortlich für den Bereich KuppingerCole Research. In seiner 25 jährigen IT-Erfahrung hat er bereits mehr als 50 IT-Bücher geschrieben und ist ein etablierter Referent und Moderator bei Seminaren sowie Kongressen. Sein Interesse an Identity Management stammt aus den 80er Jahren, als er viel Erfahrung in der Entwicklung von Software-Architekturen sammeln konnte. Im Laufe der Jahre, kamen weitere Forschungsfelder wie Virtualisierung, Cloud Computing, allgemeine IT-Sicherheit u.v.m. hinzu. Durch sein Wirtschaftsstudium in Economics gelingt es ihm seine IT-Kenntnisse mit einer starken Business-Perspektive zu verbinden.
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