It’s the interface, stupid!

bei

Stefan Verra
Stefan Verra ist gefragter Körpersprachen-Experte, Universitätsdozent und Erfolgsautor. Jährlich spricht er vor bis zu 50.000 Menschen in bislang 13 Ländern auf 4 Kontinenten. Foto: privat.

Warum Körpersprache in der digitalen Welt wichtig bleibt.

Das tolle an der IT Branche ist, dass hier nur 0 und 1 zählen. Anders gesagt: Fakten, Fakten, Fakten. Wer braucht da Körpersprache? Wenn der Inhalt gut genug ist, ist die Fresse, die man dabei macht, egal.

So ein klitzekleinwenig schlummert dieser Gedanke in vielen Menschen. Eines gleich vorweg: Wer so oder so ähnlich denkt, darf sich nicht wundern, wenn er von Menschen, Produkten oder Dienstleistungen überholt wird, die in der Qualität zwar weit hinter der eigenen stehen, aber es verstehen, andere zu überzeugen und zu begeistern.

Das hat ganz einfach neurologische Gründe. Unser Gehirn entscheidet zuerst, ob es den Inhalten unserer Worte überhaupt folgen will, bevor es die Worte überhaupt hört. Wer also inhaltlich überzeugen will, muss vorab als kompetent und glaubwürdig eingeschätzt worden sein. Sie können noch so oft „Ich kenn mich hier aus“ mit Ihren Worten sagen, wenn Sie dabei die Schultern gesenkt, die Arme lasch herabbaumeln lassen, und mit verzweifeltem Blick gen Boden schauen, wird Ihnen diese Worte niemand abnehmen. Oder würden Sie sich von so einem Arzt gerne operieren lassen?

Es war in der Evolution ganz einfach wichtiger zuerst zu erkennen, ob wir uns mit unserem Gegenüber sicher fühlen können oder nicht. Und genau das wird deswegen auch im ältesten Gehirnteil entschieden, im Stammhirn. Danach gleicht das Mittelhirn die Hierarchien ab. Zudem kommen Emotionen ins Spiel. Diese Einschätzung passiert innerhalb weniger Millisekunden. Bis dahin sind nahezu nur visuelle Daten ans Gehirn gedrungen, sprich, man hat fast nur die Körpersprache wahrgenommen. Die Einschätzung sympathisch/unsympathisch und kompetent/inkompetent ist bis dahin schon gefallen. Auch wenn sie meist nur als „Bauchgefühl“ wahrgenommen wird. Wer bei diesen beiden Grundsatzentscheidungen schlecht ankommt, wird sich in der Folge mit den Inhalten erstaunlich schwer tun. Denn der Neocortex, das rationale Denken, wacht erst danach auf um Inhalte zu verarbeiten und zwar entsprechend der ersten Einschätzung.

„Meine Meinung steht fest, irritieren Sie mich nicht durch Tatsachen.“

(K. Adenauer)

Ums im IT-Jargon zu sagen: Wenn das Interface unattraktiv gestaltet ist, wird das Programm ein Nischenprodukt bleiben.

Bleiben Sie kein Nischenprodukt!

Nach wie vor werden die meisten großen Entscheidungen face-to-face getroffen. Man will den anderen kennen lernen, erst dann hat das Gehirn genug Informationen um den Anderen einzuschätzen. Deswegen gibt es nach wie vor Konferenzen, Meetings, Businesslunchs und Live Vorträge. Überprüfen Sie selbst, wie gerne Sie von einem guten Redner mitgerissen werden und wie mühsam es ist einem Dampfplauderer zuzuhören. Deswegen: Beschäftigen Sie sich mit Ihrer Körpersprache! Oft reicht es im richtigen Augenblick die Handflächen nach unten zu drehen um deutlich selbstsicherer zu wirken. Oder die Augenbrauen zu einem inhaltlich relevanten Punkt zu heben, um Enthusiasmus zu zeigen. Es sind die kleinen Mittel, die in Summe die große Wirkung entfalten. Man sollte nur wissen welche!

Stefan Verra

Körpersprachen-Experte, Dozent und Autor

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