Beim digitalen Produktpass sinnvoll aktiv werden

Ab 2027 wird der Digitale Produktpass (DPP) als Enabler der Circular Economy eingeführt. Mit Hilfe eines siebenstufigen Vorgehensmodells können Unternehmen den Aufwand beim Sammeln und Aggregieren der Daten im Rahmen halten.
Von   Alexander Appel   |  Manager Sustainability Transformation   |  MHP Management- und IT-Beratung
18. Februar 2026

Beim digitalen Produktpass sinnvoll aktiv werden

 

Ab 2027 wird der Digitale Produktpass (DPP) als Enabler der Circular Economy eingeführt. Mit Hilfe eines siebenstufigen Vorgehensmodells können Unternehmen den Aufwand beim Sammeln und Aggregieren der Daten im Rahmen halten.

 

Die Kreislaufwirtschaft ist kein neues Konzept, dennoch sind viele Unternehmen weit davon entfernt, die Potenziale grüner Wachstumsmärkte und zirkulärer Geschäftsmodelle vollständig zu nutzen. Was fehlt ist eine holistische Auseinandersetzung damit. Das bedeutet: Eine systematische Perspektive einzunehmen, ökonomische und ökologische Zielsetzungen zu verbinden und diese konsequent umzusetzen. Zentral ist der volle Zugriff auf Produktentstehung und Entsorgung. Besonders großes Handlungspotenzial liegt dabei in der Designphase, in der 80 Prozent der Umweltauswirkungen bestimmt werden. Ergänzt um digitale Technologien, können Prinzipien der Circular Economy zu grundlegenden Veränderungen im Wirtschaftssystem beitragen – und zu mehr Nachhaltigkeit.

Teil einer Kreislaufwirtschaftsstrategie sind digitale Produktpässe. Sie sollen 2027 EU-weit eingeführt werden und für alle in der EU tätigen Unternehmen verpflichtend sein. Ein digitaler Produktpass sammelt und teilt Informationen über die Herstellung, Nutzung und Entsorgung eines Produkts und schafft damit die notwendige Transparenz. Die Schwierigkeit besteht aktuell darin, Standards zu entwickeln, um Daten im eigenen Unternehmen und jenseits der Unternehmensgrenzen zielführend verfügbar zu machen. Wer einem schlanken und funktionalen Umsetzungskonzept folgt, kann den Aufwand jedoch im Rahmen halten.

 

Klarheit über Anforderungen schaffen

Ein wesentlicher Aspekt, um den digitalen Produktpass seitens IT umzusetzen, ist ein standardisiertes Datenmanagement. Unternehmen müssen etliche Daten aus diversen Quellsystemen zusammenführen, aggregieren und dann nutzerzentriert bereitstellen. Dazu gehören neben Produktname und -produzent, Eigenschaften und Herstellungsort auch Materialstammdaten, Daten zur Materialzusammensetzung, Nachhaltigkeitsdaten wie CO2-Emissionen, Verwertungsdaten wie Demontageanleitungen, Reparaturmöglichkeiten, die Verfügbarkeit von Ersatzteilen und Sicherheitsinformationen oder Daten zur korrekten Entsorgung des Produkts.

Auf diese Weise entsteht ein ganzheitlicher Blick auf ein Produkt, der für verschiedene interne und externe Nutzergruppen interessant ist. Interne Stakeholder aus den Bereichen Compliance, R&D oder Business Development benötigen die Daten, um regulatorische Anforderungen zu erfüllen, die Produktentwicklung zu optimieren oder die strategische Ausrichtung des Unternehmens anzupassen. Auch für die Lieferantenauswahl oder den Kauf von Produktionsanlagen werden spezifische Informationen benötigt. Externe Stakeholder wie Konsumenten können die Daten für ihre Kaufentscheidung nutzen, Zulieferer als nachhaltiges Verkaufsargument, Reparaturunternehmen, um die Produktnutzungsdauer zu verlängern, und Verwertungs- und Recyclingunternehmen für den Produkt-End-of-Life.

 

Aufwand im Rahmen halten

Um die Initiative für die Umsetzung eines digitalen Produktpasses zu starten, können Unternehmen in sieben Stufen vorgehen. Auf der ersten Stufe werden aktuelle und zukünftige relevante gesetzliche Anforderungen analysiert und daraus funktionale und nicht-funktionale Anforderungen für den digitalen Produktpass abgeleitet. Anschließend geht es darum, Datenbedarfe für relevante Nutzergruppen zu identifizieren. Dafür bieten sich Interviews, User Journeys oder zu testende Hypothesen an. Anhand von Use Cases können potenzielle Auswirkungen auf den Business Case betrachtet und über die Nutzergruppen validiert werden. Die nächste Stufe umfasst die Konzeption des Ziel-Zustands. Dafür werden ein Datenmodell, eine Architektur sowie nutzerfreundliche User Interfaces erstellt. Aus den vorhandenen Datenquellen und Attributen ergibt sich eine geeignete Umsetzungsumgebung.

Eine wichtige Stufe ist die Pilotierung – eine mehrstufige technische Erprobung. Dabei werden verschiedene Datenquellen eingebunden und Daten aggregiert, sowie qualitativ und quantitativ verschiedene Ansätze und Technologien verglichen. Ausgehend von den Ergebnissen können Unternehmen den digitalen Produktpass zielgerichtet technisch weiterentwickeln, diesen in ihre IT-Infrastruktur einbetten und ersten Nutzergruppen zur Verfügung stellen. In der nächsten Stufe empfiehlt es sich, eine Roadmap zur Skalierung ihres digitalen Produktpasses zu entwickeln. Dazu werden relevante Plattformen, Konsortien und übergreifende Partner identifiziert. In diesem Zuge ist es sinnvoll, weitere Use Cases für den Einsatz ihres digitalen Produktpasses zu analysieren und die entstehenden Potenziale zur Optimierung von Business Cases zu nutzen. In der letzten Stufe sollten Unternehmen ein geeignetes langfristiges Betriebsmodell finden – ob auf eigener Infrastruktur, auf Cloud-Plattformen oder bei Drittanbietern. Dabei sind ein durchgängiges Reporting und kontinuierliche Verbesserungsprozesse für einen nachhaltigen Betrieb unabdingbar.

 

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Relevante Datenpunkte zentral managen

Produktlebenszyklusdaten über die verschiedenen Akteure hinweg strukturiert zu erfassen und verwalten, ist für Unternehmen die Pflicht. Die Kür ist der Aufbau einer zentralen Datenplattform mit allen für die Compliance relevanten Datenpunkten. Denn: Nachhaltigkeit lässt sich nicht mehr manuell über Excel managen – sie benötigt ein datenbasiertes, vernetztes Modell. Es ermöglicht Unternehmen automatisierte und skalierbare Bewertungs- und Berichterstattungsprozesse, die den manuellen Aufwand reduzieren und den Umgang mit regulatorischen Veränderungen erleichtern. Gleichzeitig können Unternehmen steigende Erwartungen seitens Investoren, Kunden und Mitarbeitern erfüllen sowie eine verlässliche Entscheidungsgrundlage für Einkauf, Produktion und Strategie schaffen. Damit das Realität wird, müssen Sustainability, IT und Compliance gemeinsam handeln.

Wichtige Merkmale solcher Plattformen sind harmonisierte Daten über Fachbereiche hinweg, Transparenz über Dashboards, KPI-Tracking und automatisierte Alerts sowie die Fähigkeit, Audits zu erstellen und Reportings anzubinden. Ein zentrales Element ist zudem künstliche Intelligenz. Die Technologie kann dabei unterstützen, Emissionen vorherzusagen, Risiken in der Lieferkette zu erkennen, Ziele zu simulieren, Maßnahmen vorzuschlagen, bessere Entscheidungen zu treffen und effizienter zu handeln.

 

Langfristiges Ziel: Zero Impact Products

Unternehmen gehen davon aus, dass mehr als die Hälfte ihrer Umsätze in diesem Jahr durch Produkte, Services und Geschäftsmodelle generiert werden, die bisher noch nicht existierten. Nachhaltigkeit im Sinne einer Produktentwicklung ohne negative Umweltauswirkungen wird dabei eine signifikant wichtige Rolle spielen. Um Net-Zero-Emissionen zu erreichen, müssen vor allem sogenannte „Scope-3-Emissionen“ berechnet werden, die bei Industrieunternehmen schnell über 80 Prozent der Gesamtemissionen ausmachen. Außerdem bedarf es einer weiteren Betrachtungsweise: den Product Environmental Footprint (PEF) bzw. in einer Spezifikation den Product Carbon Footprint (PDF). Beide Faktoren sollten über die zentrale Datenplattform automatisiert zu berechnen und analysieren sein – sie liefern wertvolle Erkenntnisse, um Hotspots zu identifizieren, Produkte zu vergleichen und gezielte Strategien zur Emissionsreduktion zu entwickeln.

Wer jetzt handelt – und seine Daten sinnvoll nutzt – wird kurz- und langfristig von vielen Vorteilen profitieren. Die Einführung nachhaltiger Geschäftspraktiken kann nicht nur den Ruf eines Unternehmens verbessern, zusätzlich gewinnen sie auch an Attraktivität für Investoren, die auf eine zukunftsorientierte und nachhaltige Anlagenstrategie setzen.

 

Als Manager Sustainability Transformation bei der Management- und IT-Beratung MHP begleitet Alexander Appel die ganzheitliche Transformation zur Nachhaltigkeit von Unternehmen von der Strategie bis zur Implementierung. Seine Fokusthemen sind die Etablierung der Kreislaufwirtschaft, die Emissionsberechnung auf Unternehmens- und Produktebene sowie die Entwicklung neuer, nachhaltiger Geschäftsmodelle. Die Transformation zur Nachhaltigkeit sieht er nicht nur als Notwendigkeit an, sondern als eine der größten Geschäftschancen unserer Zeit – Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit zu vereinen, sollte oberstes Ziel sein.

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