Arbeitswelt im Wandel: Die aktuelle Krise stellt die Weichen für „New Work“

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 / 16. September. 2020

Die Pandemie hat gezeigt: Das Arbeiten im Home Office funktioniert und bescherte vielen Unternehmen einen regelrechten Digitalisierungsschub. Doch die Arbeitswelt hat sich nicht nur durch den Einsatz von Videokonferenz- und Kollaborationstools verändert. Auch neue Arbeitsweisen und -modelle, die unter dem Stichwort „New Work“ schon lange diskutiert werden, nehmen jetzt Gestalt an. Die Krise hat damit auch einen positiven Trend ausgelöst. Denn an mehr Flexibilität, Eigenverantwortung und flachen Hierarchien kommen Unternehmen angesichts der fundamentalen Veränderungen der Arbeitswelt durch Digitalisierung, Globalisierung und dem Fachkräftemangel langfristig nicht vorbei.

Autobauer, die Beatmungsgeräte produzieren oder Textilfirmen, die Atemschutzmasken herstellen: Die Corona-Krise hat gezeigt, wie kreativ Unternehmen sein können und wie schnell sich Lösungen umsetzen lassen, die bisher undenkbar waren. Um Betriebsprozesse flexibel umstellen zu können, braucht es allerdings eine funktionierende Infrastruktur. In Zeiten, in denen eine vollständige Anwesenheit der Mitarbeiter im Unternehmen nicht gewährleistet ist, können virtuelle Kollaborationstools, digitale Vertriebswege und neue Technologien wie Cloud Computing als wirksame Hebel dienen, um die Handlungsfähigkeit von Unternehmen aufrechtzuerhalten. Der deutsche Mittelstand ist hier schon auf einem guten Weg: Laut dem Digitalisierungsindex 2019/20, [1] den Techconsult im Auftrag der Deutschen Telekom erstellt hat, kamen mittelständische Firmen auf 56 von 100 möglichen Punkten und damit auf einen Indexpunkt mehr als im Vorjahr. Die aktuelle Situation hat den Druck, den digitalen Wandel im Eiltempo voranzutreiben, jetzt noch noch weiter erhöht.

Die Krise als Chance: Mehr Offenheit für Technologie und Mut für Veränderungen

Viele Unternehmen konnten sich in den letzten Monaten größtenteils nur virtuell mit Kunden, Zulieferern und ihren Mitarbeitern austauschen. Einer Umfrage von Gartner [2] zufolge haben 88 Prozent der Unternehmen weltweit ihre Mitarbeiter ermutigt oder aufgefordert, in den eigenen vier Wänden zu arbeiten. Ähnlich in Deutschland: Einer aktuellen Erhebung des IAB [3] (Institut für Arbeitsmarktforschung) zufolge waren im April und Mai mehr als die Hälfte der Büroangestellten zumindest zeitweise im Home Office tätig, fast jeder zweite von ihnen ausschließlich. Für zahlreiche Firmen bedeutete diese Umstellung eine enorme Herausforderung: Oft musste die IT-Infrastruktur für das mobile Arbeiten auf breiter Basis erst implementiert werden.

Doch es hat sich gelohnt: Die Pandemie hat gezeigt, dass Unternehmen mithilfe von modernen Tools nicht nur ihre Prozesse aufrechterhalten und so ihre Handlungsfähigkeit sicherstellen können. Auch unkonventionelle Ideen und neue digitale Geschäftsmodelle sind damit leichter umzusetzen. Und bei den Mitarbeitern wächst die Offenheit und das Verständnis für neue Technologien. Millionen von ihnen erleben derzeit hautnah, wie sich der Sprung in die digitale Zukunft anfühlt – und dass es dafür keine aufwändigen Schulungen und Change-Programme braucht. Der Home-Office-Trend beweist, wie leicht Veränderung sein kann, wenn kein Weg an ihr vorbeiführt. Wenn die Krise überstanden ist, wird der digitale Fortschritt die neue Normalität sein.

Der Home-Office-Trend stellt die Weichen für die neue Arbeitswelt

Auch nach der Corona-Krise werden viele Firmen nicht wieder vollständig zur Präsenzkultur zurückkehren. Der Einsatz von Videokonferenz- und anderen Kollaborationslösungen wird in Zukunft selbstverständlich sein. Denn er bietet Unternehmen die Möglichkeit, Geschäftsreisen zu reduzieren und Arbeitsabläufe effizienter zu gestalten. So belegt eine vor zwei Jahren veröffentlichte Studie der Stanford University [4], dass Home-Office sogar produktiver ist als das Arbeiten im Büro. Und nicht zuletzt kommen Unternehmen damit ihren Mitarbeitern entgegen und können sich als attraktive Arbeitgeber präsentieren. Denn die Mehrheit der Home-Office-Worker begrüßt die neue Flexibilität, wie eine Umfrage der Technischen Hochschule Köln [5] von Anfang April bestätigt.

Aber ist das jetzt schon „New Work“ – die neue Arbeitswelt, die speziell von den Generationen Y und Z seit Jahren eingefordert wird? Sicherlich nicht. Mit der selbstverständlichen Nutzung von Collaboration-Technologien werden die Grundlagen jedoch gerade geschaffen – und zwar nicht nur in technischer Hinsicht. Auch andere Merkmale von New Work, die den Beschäftigten mehr Eigenverantwortung und Gestaltungsspielraum einräumen, dürften durch den Erfolg des Home Office einen Schub erfahren. Ob Work-Life-Balance, Co-Working-Spaces, agiles Projekt-Management, Transparenz, Feedback-Kultur, flache Hierarchien: Die lange diskutierte Vision einer Arbeitswelt, die von Flexibilität, Freiraum und Selbstverwirklichung geprägt ist, nimmt Gestalt an. Nicht nur Unternehmen beginnen zunehmend, ihre Strukturen dahingehend anzupassen. „New Work“ als Idee von stärkerer Individualisierung und Flexibilisierung von Arbeitsprozessen beginnt auch, das traditionelle Modell des festen Angestelltenverhältnisses sukzessive zu verändern.

Freiberufliche Arbeit als Trend

Immer mehr Menschen wünschen sich, ihre Arbeit selbstbestimmt gestalten zu können. Dieser Trend zeigt sich insbesondere in der steigenden Zahl von Freelancern. Viele vorrangig jüngere Arbeitnehmer wollen sich nicht mehr langfristig an ein Unternehmen binden, wie es über Jahrzehnte hinweg üblich war. Berechnungen zufolge sollen in den USA 2027 mehr als die Hälfte aller Arbeitskräfte freiberuflich tätig sein. Auch der deutsche Markt verzeichnet einen Anstieg der so genannten Gig Economy: Laut dem Institut für freie Berufe der Universität Erlangen [6]waren im vergangenen Jahr 1,4 Millionen Menschen freiberuflich tätig, das sind 36 Prozent mehr als noch vor zehn Jahren.

Kleinere und mittlere Unternehmen können von diesem Trend durchaus profitieren – indem sie die Energie und Kreativität der Freelancer fokussiert lenken und an ihren Zielen ausrichten. Vor allem aber können sie flexibel auf Arbeitskräfte wie Softwareentwickler zugreifen, die für das Angestelltenverhältnis zunehmend schwer zu gewinnen sind. Diese kommenden dann bei ihren Auftraggebern projektbezogen zum Einsatz, werden für Meetings per Chat oder Videokonferenz zugeschaltet und nach Tagessätzen bezahlt.

Neue Unternehmenskultur gefordert

Wenn nun immer mehr Unternehmen und deren Mitarbeiter Home-Office als Selbstverständlichkeit und zeitgemäße Gestaltungsmöglichkeit von Arbeit betrachten und gleichzeitig auch eine zunehmende Zahl an Menschen freiberuflich tätig sein möchte, so zeigt sich darin sehr deutlich, dass es sich bei den Kernaspekten von New Work – Vertrauen und Eigenverantwortung – nicht um weltfremde Idealvorstellungen der jüngeren Generationen handelt. Es sind vielmehr realistische Werte, die zu mehr Motivation und Zufriedenheit führen – und am Ende letztlich zu besseren Ergebnissen. Damit setzt die neue Arbeitswelt aber auch eine entsprechende Unternehmenskultur voraus. Selbst Führungskräfte, die bislang nie über Home-Office oder den Einsatz freier Mitarbeiter nachgedacht hatten oder vergleichbaren Themen sogar ablehnend gegenüberstanden, sehen zunehmend, dass es funktioniert. Um New Work umzusetzen, müssen sie jetzt nicht nur offener für flexible Arbeitsmodelle werden. Sie müssen auch für den damit einhergehenden Wertewandel bereit sein.

Denn die Krise war nur der Auslöser. Auch die fundamentalen Veränderungen, die unsere Arbeitwelt schon seit Jahren prägen, fordern ein Umdenken: die Digitalisierung, die Globalisierung, der demografische Wandel, der Fachkräftemangel, der Übergang zur Wissensgesellschaft und nicht zuletzt die Frage nach der Sinnhaftigkeit der eigenen Arbeit, die exemplarisch für einen Wertewandel auf Mitarbeiterseite steht. Vor diesem Hintergrund sollten Unternehmen die Verlagerung von Tätigkeiten ins Home Office nicht als zeitlich befristeten Notfallplan verstehen. Sondern als den Beginn einer neuen Arbeitskultur, durch die sie sich langfristig Fachkräfte sichern können und die sie in Zeiten disruptiver Veränderungen zukunftsfähig macht.

 

Quellen und Referenzen:

[1] https://www.digitalisierungsindex.de/studie/gesamtbericht-2019/

[2] https://www.gartner.com/en/newsroom/press-releases/2020-03-19-gartner-hr-survey-reveals-88–of-organizations-have-e

[3] http://doku.iab.de/kurzber/2020/kb1320.pdf

[4] https://nbloom.people.stanford.edu/sites/g/files/sbiybj4746/f/wfh.pdf

[5] https://www.th-koeln.de/mam/downloads/deutsch/hochschule/aktuell/pm/2020/ad-hoc-studie_corona-homeoffice__2020-04-18.pdf

[6] http://ifb.uni-erlangen.de/forschung/statistiken/

 

Über den Autor:


Simone Seidel hat bei Sage die Position des Director People Central Europe inne. Schwerpunkte ihrer Arbeit sind unter anderem die Auswirkung der Digitalisierung auf die Mitarbeitermotivation und unternehmerische Transformationsprozesse hin zu einer People Company.