Frequenzpolitik: Was die EU von den USA lernen kann

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 / 13. May. 2019

Es glich einem Paukenschlag in der Frequenzpolitik: Vor einigen Wochen hat die US-Regulierungsbehörde FCC beschlossen, das gesamte 6 GHz-Band für die Nutzung durch Wireless LAN (WLAN) freizugeben. Damit ist sie der EU einen großen Schritt voraus, die in Sachen neuer Frequenzen seit gut 15 Jahren nur einen Spieler kennt: den Mobilfunk.

Mit ihrer – übrigens einstimmigen – Entscheidung [1] trägt die FCC der immensen Bedeutung von Wireless LAN Rechnung und demonstriert damit ein gutes Verständnis dafür, dass die Zukunft des IoT auch von leistungsstarken WLAN-Netzen abhängt. Auch der wirtschaftliche Nutzen spricht deutlich für diese Entscheidung.

Während man sich also in den USA noch in diesem Jahr über neues WLAN-Spektrum freuen darf, herrscht in Europa – noch – Stillstand. Zwar hat auch die EU die grundsätzliche Bedeutung einer WLAN-Frequenzpolitik inzwischen erkannt, von einer echten Entscheidung ist man jedoch noch meilenweit entfernt.

Ein Blick auf die aktuelle Lage zeigt, wo es hakt. In den USA befassen sich die Regulierer schon seit langem sehr engagiert mit der Thematik weiterer Frequenzbänder für die WLAN-Nutzung. Deren Bedeutung scheinen sich die Entscheidungsträger in Europa hingegen noch nicht im gleichen Maße bewusst zu sein. Die Folge: sie agieren bislang deutlich weniger ambitioniert.

Ein weiterer Grund dafür könnte sein, dass WLAN als lizenzfreie Technologie dem Staat nicht die gleichen Einnahmen einbringt wie der Mobilfunk. Dies lässt sich an der aktuellen Frequenzauktion in Deutschland gut beobachten. Hier werden zwölf Frequenzblöcke im 2 GHz- und 29 im 3,6 GHz-Band vergeben. Die Auktion läuft seit dem 19. März 2019, die Gebote sind zuletzt auf über 5 Milliarden Euro geklettert und werden vermutlich noch ein gutes Stück weiter steigen. Bei diesen zu erwartenden Einnahmen für den Staat wird klar, warum die Entscheidung nicht leichtfällt, Frequenzblöcke für die lizenzfreie WLAN-Technologie zu verwenden.

Zögerliches Handeln

So hat die EU-Kommission erst Ende 2017 überhaupt eine Untersuchung über neue WLAN-Frequenzen in Auftrag gegeben und diese dann auch noch stark begrenzt. Anders als in den USA ist nur gut die Hälfte des Frequenzbereichs Gegenstand der Betrachtung, nämlich der untere Teil des 6 GHz-Bandes (5,925 GHz bis 6,425 GHz). Bleibt es dabei, würde dies für uns Europäer eine Menge vertaner digitaler Chancen bedeuten.

In Zahlen: Das 6 GHz-Band umfasst insgesamt die Frequenzen zwischen 5,925 bis 7,125 GHz. In den USA soll dieser gesamte Block zukünftig für die Nutzung durch WLAN zur Verfügung stehen. Vergleicht man dies mit den bisher verfügbaren Frequenzbändern bei 2,4 und 5 GHz, sprechen wir hier von nicht weniger als einer Vervielfachung des Spektrums. Dagegen sind die 500 MHz zusätzlichen Spektrums, die in der EU diskutiert werden, eher schon bescheiden.

Die Zukunft des drahtlosen Internets

Die Potentiale des vollen 6 GHz-Bands erscheinen fast unermesslich. Das 2,4 GHz-Band ist von Natur aus eng und heute vielerorts schon überfüllt. Auch das 5 GHz-Band stößt zunehmend an seine Grenzen, nicht zuletzt da auch Mobilfunkt-Carrier seit einiger Zeit in das lizenzfreie Band drängen. Zudem unterliegt es Nutzungsrestriktionen durch die Koexistenz mit Radarsystemen. Im Gegensatz dazu ist das 6 GHz-Band weitgehend ungenutzt, wenn auch nicht völlig jungfräulich. Und: Aufgrund seiner physikalischen Eigenschaften erlaubt das 6 GHz-Band die Nutzung deutlich breiterer Kanäle, als dies bislang beim WLAN der Fall war. Dies wiederum bietet die Grundlage für noch höhere WLAN-Geschwindigkeiten weit jenseits der Gigabit-Marke.

Die Wirtschaftliche Bedeutung des WLAN

Während man angesichts des Hypes um den nächsten Mobilfunkstandard 5 G den Eindruck gewinnen könnte, für unsere digitale Zukunft gäbe es nur eine drahtlose Schlüsseltechnologie, sprechen die Statistiken eine andere Sprache. In Wirtschaft und Privathaushalten jeder entwickelten Volkswirtschaft sorgen heute Abermillionen WLAN-Netze für drahtlose Vernetzung, effiziente Prozesse und moderne Mediennutzung, beispielsweise Streaming. Eine Studie aus dem vergangenen Jahr zeigt zudem, dass bereits heute mehr als 60 % des mobilen Datenvolumens mittels Offloading über WLAN-Netze – vor allem WLAN Hotspots – abgeleitet wird. Die immense wirtschaftliche Bedeutung des WLAN belegt auch eine Berechnung der Wi-Fi Alliance [2], die den volkswirtschaftlichen Beitrag von WLAN alleine in Deutschland auf derzeit 94 Mrd. Euro und in Frankreich immerhin auf 44 Mrd. Euro taxiert – Tendenz jeweils stark steigend.

Mehr noch: Mit dem Internet-of-Things – also der Vernetzung von „Dingen“ – Sensoren, Maschinen, Gütern – wird die Anzahl der vernetzten Devices weiter exponentiell ansteigen. So rechnen Experten bis 2020 mit rund 20 Milliarden IoT-Geräten [3]. Viele davon werden über das WLAN angebunden sein. Alleine aus Kostengründen kann nicht jedes einzelne dieser Geräte über die Mobilfunknetze kommunizieren. Diese Dualität der Netze, also des mobilen Funknetzes und des drahtlosen WLAN, verschafft den Entwicklern auch Flexibilität: In einigen Szenarien bringt die Wahl eines Mobilfunknetzes [4] wie 5G Vorteile mit sich. Dies betrifft rein mobile, ortsungebundene Szenarien wie autonomes Fahren, Smart Farming oder Smart Cities. Auch in Gebieten, in denen es kein leitungsgebundenes Highspeed-Internet gibt, ist dies die bessere Alternative. Doch in räumlich klar eingegrenzten Gebieten, also etwa Bürogebäuden, Schulen, Universitäten, Stadien, Fabriken, Logistikzentren oder Kliniken liegt das WLAN vorn. Es ist wirtschaftlicher, einfach einzurichten und zu administrieren, erfordert keinen Provider und damit keine Lizenzkosten oder nutzerbasierte Verträge. Die Dualität der Netze unterstreicht die Bedeutung des WLAN für das IoT schon heute. Einer aktuellen Studie [5] zufolge nutzen rund die Hälfte aller IoT-Geräte im Jahr 2019 WLAN zur Anbindung. Spezialisierte Protokolle wie Zigbee oder LWPA liegen jeweils zwischen acht und fünfzehn Prozent.

Das haben auch Wirtschaftsentscheider in Deutschland verstanden: In einer aktuellen Umfrage [6] sprechen sie sich klar für das WLAN aus. 84 % der Befragten geben an, dass WLANs in Privathaushalten und Unternehmen sowie öffentliche Hotspots in der Politik die gleiche Bedeutung haben müssen wie Mobilfunknetze. 82 % wünschen sich die schnellstmögliche Ausstattung von Schulen mit WLAN und Breitband-Internet.

Fazit

Die EU will digital vorne mitmischen, will einen funktionierenden digitalen Binnenmarkt und spendiert alleine bis 2020 im Rahmen des EU-Förderprogramms WiFi4EU 120 Millionen Euro für den Aufbau kommunaler WLAN-Hotspots [7] in ganz Europa. Diese Entschlossenheit muss sie nun auch beim 6GHz-Band an den Tag legen. Um die Digitalisierung in Europa ernsthaft und erfolgreich voranzutreiben, müssen 5 G und Wireless LAN gleiche Priorität bei der Frequenzvergabe haben. Nur mit einer echten „Dualität der Netze“ – also dem gleichberechtigten Miteinander von WLAN und Mobilfunk – wird Europa in die digitale Champions League aufsteigen können.

Hoffen wir, dass die Initiative der FCC der EU-Kommission und den hiesigen Regulierern als Inspiration dient. Wir Hersteller jedenfalls stehen gerne bereit, wenn es darum geht das Potential ambitionierter europäischer Frequenzpolitik aufzuzeigen.

Quellen und Referenzen

[1] https://urgentcomm.com/2018/10/24/fcc-proposes-6-ghz-unlicensed-sharing-but-public-safety-utilities-express-concerns/

[2] https://www.wi-fi.org/value-of-wi-fi

[3] https://www.gartner.com/en/newsroom/press-releases/2015-11-10-gartner-says-6-billion-connected-things-will-be-in-use-in-2016-up-30-percent-from-2015

[4] https://www.it-business.de/was-ist-das-mobilfunknetz-a-781254/

[5] https://drive.google.com/file/d/17WEobD5Etfw5JnoKC1g4IME_XCtPNGGc/view

[6] YouGov Umfrage im Oktober 2018 unter Unternehmensentscheidern im Auftrag von LANCOM Systems

[7] https://www.wifi4eu.eu/

 

Ralf Koenzen (Jahrgang 1965) gründete LANCOM Systems im Mai 2002. Unter seiner Leitung ist LANCOM Systems innerhalb weniger Jahre zum größten deutschen Hersteller von Netzwerklösungen für Geschäftskunden und den öffentlichen Sektor avanciert. Seine langjährige Erfahrung und sein fachliches Know-how sind maßgeblich für die strategische Weiterentwicklung und das Technologiemanagement des deutschen Netzwerkherstellers mitverantwortlich. Seit Juli 2018 leitet er zusätzlich den Geschäftsbereich „Networks & Cybersecurity“ der Rohde & Schwarz GmbH & Co. KG.