Vom Fließband zum CIO: Boris Radke – eine Erfolgsstory

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Für Boris Radke ist das alte Hierarchie-Denken in Konzernen nicht mehr zukunftsfähig.
Für Boris Radke ist das alte Hierarchie-Denken in Konzernen nicht mehr zukunftsfähig.

Der neue CIO von ProSiebenSat.1, Boris Radke, erzählt im Interview mit dem DIGITALE WELT Magazin über seinen ungewöhnlichen Karriereweg, Ansichten zu modernen Konzernhierarchien und seiner Keynote bei der DIGICON 2018.

Redaktion: Seit Juni 2018 sind Sie CIO bei ProSiebenSat.1: Schildern Sie bitte Ihre Aufgaben und Ihre Vision für Ihre neue Tätigkeit in München.

Boris Radke: Bei ProSiebenSat.1 beschäftigen wir uns schon immer aber gerade aktuell besonders viel damit, wie sich Technologien entwickeln und welche Anforderungen wir in diesem Bereich haben. TV ist unser Kerngeschäft, daher ist eine moderne Technologie schon immer entscheidend für unseren Unternehmenserfolg. Hier sind wir sehr gut aufgestellt. Das Nutzungsverhalten der Menschen verändert sich mittlerweile rasend schnell und TV ist dabei nur noch einer von mehreren Kanälen, über die Entertainment konsumiert werden kann. Dies hat viele neue digitale Geschäftsbereiche auch für uns erzeugt, somit mussten wir bei der IT-Infrastruktur nachziehen. Als CIO ist es meine Aufgabe, diesen Prozess fortzusetzen, um auch in Zukunft wettbewerbsfähig zu bleiben. Mein Team und ich stellen uns vor allem die Frage, welche Applikationen, Tools und Infrastruktur unsere Mitarbeiter benötigen, um am besten und kosteneffizientesten arbeiten zu können.

Redaktion: Können Sie programmieren? Wie haben Sie sich Ihre digitalen Skills angeeignet?

Boris Radke: Programmieren kann ich zwar nicht, aber ich würde mich als klassischen digitalen Power-User bezeichnen. Ich bin mit Computern aufgewachsen und war bei neuen Technologien schon immer ein Early Adopter. In den Unternehmen, in denen ich vor ProSiebenSat.1 als Geschäftsführer tätig war, habe ich immer auch die Systemlandschaft betreut. Wobei ich mich als moderne Führungskraft sehe mit starkem Fokus auf dem Aufbau von Teams und dem Entwickeln meiner Mitarbeiter. Ich bin eher der Coach, der mit einem vielfältigen Team antritt, um die diversen Herausforderungen der heutigen IT zu meistern.

Redaktion: Welche Learnings aus Ihrer Zeit bei Zalando sind für Ihre neue Tätigkeit am wichtigsten?

Boris Radke: Bei Zalando war ich vor allem im Bereich Business Development tätig und habe außerdem die Unternehmenskommunikation geleitet. Zalando ist geprägt vor einer performance-getriebenen, ego-freien Kultur. Ich habe jeden Tag etwas Neues gelernt. Ein riesengroßer Vorteil war außerdem das Leadership-Team bei Zalando: Das war ein kleiner Kreis, der sich schon viele Jahren kannte. Dadurch haben wir uns blind vertraut und konnten Entscheidungen schnell umsetzen.

„Mir war es wichtig, zwischen zwanzig und dreißig möglichst viele berufliche Erfahrungen zu sammeln.“

Redaktion: Sie haben nie studiert, stattdessen direkt nach der Schule zu arbeiten begonnen. Was raten Sie jungen Menschen, die Karriere machen möchten: Arbeit oder Studium?

Boris Radke: Eigentlich war mein Plan schon, nach dem Abi zu studieren. Dass ich es dann doch nicht gemacht habe, habe ich aber nie bereut. Mir war es wichtiger, zwischen zwanzig und dreißig möglichst viele berufliche Erfahrungen zu sammeln. Ich würde niemals von einem Studium abraten, allerdings finde ich es genauso interessant, direkt in die Selbstständigkeit oder den Job einzusteigen und dann mit einem guten Blick auf die Praxis eventuell das passende Studium zu wählen. Junge Leute sollten sehr schnell auch praktische Erfahrung sammeln, idealerweise natürlich in Verbindung mit den Universitäten. Teilweise funktioniert das ja schon heute: Wir haben beispielsweise aktuell ein Blockchain-Projekt mit der LMU München. Bei dem Projekt versuchen wir herauszufinden, wie wir die diese Technologie auch bei ProSiebenSat.1 sinnvoll nutzen können. Wenn man sich den US-Markt anschaut, sieht man, wie essentiell die Verbindung der Schulen mit Unternehmen für den Erfolg der Wirtschaft ist. Im IT- und Tech-Bereich sieht man ganz deutlich, dass das Studium nie die gleiche Geschwindigkeit haben kann, die in Unternehmen herrscht. Wenn jemand heute sein Studium abschließt, ist der Markt schon ein ganz anderer, als zu Beginn des Studiums. Kollaboration ist der Schlüssel: in Teams, zwischen Unternehmen und zwischen Wirtschaft und Bildungssektor.

Redaktion: Ist es wahr, dass Sie beim Konfitüreproduzenten Zentis eine Zeitlang am Fließband gearbeitet haben?

Boris Radke: Das stimmt nur zum Teil. Nach meinem Abi wollte ich etwas Geld verdienen und habe mich bei einer Zeitarbeitsfirma in Aachen beworben. Dabei kam ein zweimonatiger Arbeitsvertrag bei Zentis raus. Ich habe erstmal eine Woche in der Spätschicht in der Marmeladenabfüllung gearbeitet und habe dort tatsächlich am Fließband gestanden. Nach einer Woche ist der Chef der Zeitarbeitsfirma auf mich aufmerksam geworden und hat mich vom Fließband ins Büro geholt. Eine Woche später hatte ich meine ersten eigenen Kunden, noch eine Woche später war ich Assistent der Geschäftsführung. Mit diesem Chef habe ich dann später sogar eine eigene Firma gegründet. Alles in allem war das eine Verkettung glücklicher Umstände, wie eigentlich ziemlich oft in meiner Karriere. Die hat sich übrigens nicht immer gleichförmig nach vorne bewegt. Bei einem Start-up-Projekt in Berlin bin ich auch mal richtig gegen die Wand gefahren. Damals sind viele Sachen in meinem Leben schiefgelaufen und ich habe auch die bittere Erfahrung des Scheiterns gemacht. Mit dieser Erfahrung habe ich aber dann den „Höhenflug“ bei Zalando immer sehr gut einordnen können.

Redaktion: Haben Sie tatsächlich noch nie den gleichen Job zwei Mal gemacht?

Boris Radke: Ja, das stimmt. Mir macht es einfach viel zu viel Spaß, immer wieder etwas Neues zu lernen. Dass das nicht jeder nachvollziehen kann, verstehe ich. Eine meiner größten Stärken ist, dass ich mich schnell in neue Themen einarbeiten kann. Und dadurch, dass ich bereits in allen möglichen Bereichen tätig war – Logistik, Vertrieb, Unternehmenskommunikation, HR – kann ich mich gut in die Rolle der einzelnen Fachgebiete hineinversetzen. Um ein Beispiel zu nennen: Wir hatten heute Morgen eine lange Diskussion über die Weiterentwicklung der Systemlandschaft bei HR. Hier bringt es mir enorm viel, dass ich schon einmal in diesem Bereich tätig war und weiß, wie die Prozesse dort aussehen. In der IT ist das Verständnis für den „Kunden“ absolut erfolgskritisch. Wenn hier die Distanz zu groß ist, werden die Applikationen im Business in der Regel nur unzureichend adaptiert.

„Am Ende des Tages sind gewisse Prozesse in allen Unternehmen ähnlich.“

Redaktion: Sind Prozesse denn in allen Unternehmen derart ähnlich?

Boris Radke: Größtenteils schon. So kann ich etwa das Thema Content bei ProSiebenSat.1 mit der Content-Production bei Zalando vergleichen. Bei Letzterer muss jedes neue Stück im Zalando-Shop fotografiert, beschrieben und getestet werden. Danach werden alle Informationen ins System eingespeist, damit derjenige, der den Shop in Polen macht, die Produkte genauso anbieten kann wie der Kollege, der den Shop in Norwegen verantwortet. Bei ProSiebenSat.1 haben wir einen ähnlichen Prozess: Wenn wir neue Entertainment-Inhalte kaufen, stellen wir uns die Frage, mit welchen Begriffen diese vertaggt, kategorisiert und abgespeichert wird. Schließlich sollte der Content gleichermaßen von den TV- und Digital-Kollegen gefunden und genutzt werden. Das Gleiche wiederum habe ich in meiner Zeitarbeitsfirma beim Bewerber beziehungsweise Mitarbeiter erlebt. Auch dieser muss von Beginn an sauber angelegt werden, damit er dann korrekt disponiert werden kann und die richtige Lohnabrechnung erhält.

Redaktion: Was halten Sie von typischen Konzern-Hierarchien und den dazu geforderten Berufslaufbahnen?

Boris Radke: ProSiebenSat.1 ist immer noch ein junges Medienunternehmen und die Hierarchien sind sehr viel flacher als in anderen börsennotierten Konzernen. Das gefällt mir, denn ich glaube, dass das alte Hierarchie-Denken nicht mehr zukunftsfähig ist. Große Konzerne müssen es meiner Meinung nach schaffen, kleinere autonome Teams aufzubauen, die von einer gemeinsamen Kultur und Governance geprägt sind. Das sieht man auch ganz stark bei erfolgreichen chinesischen und amerikanischen Tech-Companies. Diese entstehen alle sehr stark aus einem Kultur-Denken, aus welchem sich dann individuelle Teams formen. Konzerne sollten außerdem eine digitale Infrastruktur haben, durch die man schnell in der Lage ist, neue Geschäftsfelder und Produkte anzuschließen. Eine gemeinsame IT-Plattform ermöglicht es etwa, sehr kleinteilig zu wachsen. Amazon hat es beispielsweise wie kein anderes Unternehmen geschafft, nicht nur das physische Produkt, sondern kleine Projektteams skalierbar zu machen. Das müssen wir bei ProSiebenSat.1 noch stärker forcieren, aber wir sind schon auf einem guten Weg.

Redaktion: Wieso kommen Sie zur DIGICON und worauf darf man sich bei Ihrem Vortrag freuen?

Boris Radke: Da wir uns in den letzten Jahren vor allem in unseren digitalen Geschäftsbereichen stark weiterentwickelt haben und das auch kommunizieren wollen, sind Events wie die DIGICON für uns sehr wichtig. Wir wollen uns dort als interessantes und dynamisches Unternehmen präsentieren. Mein Vortrag wird sich unter anderem darum drehen, wie man moderne Technologien wie beispielsweise Machine Learning in einem Medienunternehmen gewinnbringend einsetzt.

Interview von Florentina Hofbauer

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