Von „Insurance“ zu „Ensurance“: Wie Rückversicherung den digitalen Wandel unterstützt

bei

Roman Beilhack im Gespräch


 

Roman Beilhack leitet die Abteilung „New Technologies & Internet of Things“ der Munich Re, wo er als Trainee begann. In verschiedenen Stationen war er verantwortlich u. a. für die weltweite Luftfahrt Erst- und Rückversicherung sowie für die Leitung der Tochtergesellschaft Globality Health, die auf Krankenversicherung für Expatriates spezialisiert ist. Er studierte Philosophie, Politologie, Wirtschaft und Geschichte an Universitäten in England und Kanada.


 

Wie taucht das Schlagwort „New Technologies“ in Ihrem Arbeitsalltag auf?

Die Einheit, für die ich verantwortlich bin, ist für so ziemlich jede innovative Versicherung zuständig, die nicht anderweitig definiert ist oder automatisch in eine andere Branche fällt. Die Begrifflichkeiten, die wir für einzelne Metiers gebrauchen, greifen, strenggenommen, immer zu kurz. Die beiden Referate meiner Abteilung heißen: “Green Tech Solutions“ und „New Technologies & Artificial Intelligence“.

Bei Green Tech Solutions geht es um erneuerbare Energien und speziell um die Versicherung von Leistungsgarantien für diese erneuerbaren Energien. Das heißt, wir garantieren zum Beispiel für eine definierte Leistung von Solarpanels. Wir gehen von einer Lebensdauer von fünfundzwanzig bis dreißig Jahren aus, wir wissen um die graduelle Verringerung der Leistung über die Betriebsdauer hinweg. Wir versichern mit unserem Wissen sowohl den Hersteller als auch den Käufer und entschädigen diesen, falls die tatsächliche Leistung dieser Solarpanels deutlich unter der zugesagten Leistung liegt. Unsere Grundidee hinter Green Tech Solutions ist: Wir helfen Investoren und Finanzierern, in eine neue Technik zu investieren, indem wir das damit verbundene Technikrisiko versichern. So wird vielen Herstellern es erst durch unsere Versicherung möglich, Garantien für ihre Technik zu geben. Darüber hinaus ist unsere Versicherung auch eine Art Gütesiegel, weil sie belegt, dass wir uns detailliert mit der neuen Technologie auseinandergesetzt haben und sie für versicherbar halten.

Auf welche anderen Bereiche erstreckt sich das Aufgabenspektrum von Green Tech Solutions?

Grundsätzlich beschäftigen wir uns mit dem Risikotransfer im gesamten Bereich der erneuerbaren Energien und Energieeffizienz. Dazu gehören u. a. Solarenergie, Wasserstofftechnik und Windkraft. Wir haben auch Lösungen für die Absicherung von Batterien erdacht – sowohl stationären als auch Batterien im Bereich von Elektromobilität. Wir sehen uns auch den Bereich der „Circular Economy“ an. Darunter fallen im Wesentlichen unterschiedliche Arten von Biomasseanlagen, aber auch das Recycling von Elektroschrott. So verhandeln wir etwa mit einem Unternehmen, das Computerplatinen recyceln will, um deren Entsorgung unter Umweltgesichtspunkten global zu verbessern. Heute wird viel Elektroabfall in Entwicklungsländer exportiert und dort ohne ausreichenden Schutz für Umwelt und Menschen, teilweise von Kindern, unter freiem Himmel eingeschmolzen, um wertvolle Metalle zu gewinnen. Wir unterstützen die angestrebte Verbesserung indirekt, indem wir die neuen Techniken zum umweltgerechteren Recyceln versichern.

Die Münchner Rückversicherungs-Gesellschaft (Munich Re) ist bereits 1880 gegründet worden. Gibt es eine Kontinuität zu dem, was Sie heute machen?

Der traditionelle Kunde des Rückversicherers ist das Erstversicherungsunternehmen. Durch Rückversicherung entlastet es sich von Risiken, welche es nicht selbst in der eigenen Bilanz halten will oder kann. Was hat das mit dem zu tun, was wir heute 140 Jahre nach Gründung machen? Sehen wir uns den Fall der Sonderrisiken und spezieller Einzelrisiken an. Hier reden wir immer von besonderen Risiken, die sehr groß, inhomogen und selten oder mindestens nicht zahlreich sind. Rückversichert wird etwa der Bau einer großen Brücke oder einer Industrieanlage. Erstversicherer haben bei diesen speziellen Risiken oft keine konkrete Vorstellung oder Erfahrung, worauf beim Bau ohne direkte Vergleichswerte geachtet werden muss oder wie man die Qualität des Risikos und damit den Preis für die Versicherung einschätzt. Munich Re bündelt bei sich das Spezialwissen zu diesen globalen Sonderrisiken.

Über die Zeit hat es sich entwickelt, dass Rückversicherer in solchen Einzelfällen auch de facto Erstversicherung anbieten. Ein Kontinuum in der Historie von Munich Re ist etwa in der Erfindung der Maschinenbruchversicherung vor über 100 Jahren zu sehen: Im Rahmen der Industrialisierung, als das Versicherungswesen wuchs und immer wichtiger wurde, hat sich hier das Rückversicherungsprinzip mit der Entwicklung neuer Technologien gepaart. Heute ist Munich Re, um ein weiteres Beispiel und eine jüngere Stufe in diesem Kontinuum zu nennen, weltweit führend in der Satellitenversicherung oder der Versicherung von Cyberrisiken. Munich Re war und ist federführend hinsichtlich der Versicherbarkeit von neuen technischen Risiken und ermöglichst damit erst deren Entwicklung.

Die Verschränkung zwischen Versicherungsprinzip und dem, was wir heute so oberflächlich als „New Technologies“ bezeichnen, begegnet Ihnen also quasi direkt an der Quelle. Wie gehen Sie selbst mit diesen auch Ihnen unbekannten Technologien um? Wie können Sie etwas bewerten, um es schließlich versichern zu können, was keinerlei Referenzen zu Vergleichsprodukten aufweist?

Das ist eine gute Frage, denn grundsätzlich taucht die von Ihnen beschriebene Problematik immer wieder auf. Ich bleibe beim Green Tech Solutions-Beispiel, das Sie auf alle anderen Bereiche sinngemäß übertragen können. Wir haben in jedem Bereich Technikexperten, die eine bestmögliche Risikoeinschätzung erstellen. Munich Re beschäftigt hunderte Ingenieure und IT-Spezialisten verschiedener Sachbereiche. Bei Risiken, für die uns im Team Expertise fehlt, arbeiten wir einfach mit Kollegen aus anderen Abteilungen zusammen.

Nur ein Beispiel für solch außergewöhnliche Expertise bei Munich Re: Ein Kollege, der Ingenieur ist, hat im vergangenen Jahr einen umfassenden Risikobericht über die Umwandlung eines Tankers in eine schwimmende Flüssiggasanlage verfaßt.

Ferner arbeiten wir mit Näherungsdaten, sogenannten Proxydaten, die uns helfen, das Risiko besser einschätzen zu können. Falls es solche nicht gibt, arbeiten wir mit Szenarien. Unsere Technologieexperten arbeiten aber auch eng mit Universitäten, Forschungseinrichtungen, Zertifizierern und Prüflaboren zusammen, um die neuesten Trends und Risiken zu erkennen. So haben wir beispielsweise unser eigenes Testfeld für Photovoltaikmodule beim Fraunhofer ISE. Die Module werden „gestresst“, um dann eine möglichst genaue Prognose für die dreißigjährige Lebensdauer zu erhalten – die Prognose ist natürlich mit Unsicherheit behaftet, hilft uns aber, diese Garantien zu versichern.

War diesbezüglich ein Quantencomputer auch schon Teil Ihres Arbeitsbereiches?

Noch nicht. Diese noch sehr junge Technologie liegt in der Anwendung noch in der Zukunft, weshalb es heute noch keinen Versicherungsbedarf gibt. Die Frage später wird sein, was konkret man versichern würde. Ich könnte mir vorstellen, dass indirekte Prozesse, an denen Quantencomputer beteiligt sind, versichert werden: Würde auf Basis eines Quantencomputers ein Ergebnis errechnet werden, das am Ende nicht stimmt, darauf basierend aber Entscheidungen getroffen werden, könnte dies fatale Folgen haben. Wir würden also nicht eine Versicherung für den Quantencomputer selbst anbieten, aber vielleicht für die Ergebnisse, die er liefert. Die Leistungsfähigkeit der verwendeten Algorithmen und der Technik muss dann – wie bei allen anderen Risiken – der fachlichen Prüfung auch auf der Basis unserer eigenen Expertise standhalten.

Wie gehen Sie mit Zukunftsforschung um? Halten Sie schon jetzt nach Technologien Ausschau, die in fünf oder zehn Jahren Ihr mögliches Operationsfeld sind?

Meine Beispiele zeigen, dass bei einem großen Rückversicherer wie Munich Re immer wieder die größten und neuesten Risiken landen. Insofern ist der ständige Blick nach vorne wesentliche Grundlage unseres Geschäfts. Wir haben zum Beispiel eine Publikation veröffentlicht, die sich mit der Technologie des Hyperloop beschäftigt. Wir betreiben auch aktiv Trendscouting, um besser zu verstehen, welche langfristigen gesellschaftlichen und technischen Trends sich abzeichnen und um abschätzen zu können, wie sie sich auf unser Geschäft auswirken – nicht nur aus Risiko-, sondern auch aus Chancensicht. „Zukunftsforschung“ ist bei Munich Re so geschäftsnah wie möglich; so haben wir „Innoscouts“ in San Francisco, Berlin und Tel Aviv, wo wir uns mit relevanten Start-ups austauschen und zusammenarbeiten.

Daten spielen in Ihrem Alltag eine große Rolle, nicht nur um etwaige unbekannte Risiken besser abschätzen zu können. Wie hängt das „Internet of Things“ (IoT) mit Ihrem beruflichen Alltag zusammen?

Diese Arbeit ist stärker in der zweiten Einheit meiner Abteilung verortet, New Technologies & Artificial Intelligence: Auch hier versichern wir Leistungsgarantien, allerdings nicht mehr so klar abgrenzbar wie bei Green Tech Solutions, sondern für vieles andere, was wir für versicherbar halten. Wir kooperieren mit Start-ups, v. a. solchen, deren Geschäftsmodell auf Künstlicher Intelligenz beruht. Das Feld ist weit: Eines beschäftigt sich beispielsweise mit Betrugserkennung bei Zahlungen mit Kreditkarten (Fraugster); ein anderes ist eine Plattform für den Handel von Mitarbeiteraktien, bevor die Aktiengesellschaften ihren Börsengang vollzogen haben (Forge Global); ein drittes ist spezialisiert auf die Erkennung von Hardware-Attacken in Netzwerken (Sepio Systems). In manche dieser Start-ups, die wir für besonders erfolgversprechend halten, investieren wir übrigens auch über die Munich Re eigene Wagniskapitalgesellschaft, Munich Re Ventures.

Was die meisten dieser Unternehmen eint, ist ein Geschäftsmodell, das auf der Auswertung massenhafter Daten basiert. Künstliche Intelligenz ist für viele dabei eine Methode zur Qualitätsoptimierung und deshalb ein Alleinstellungsmerkmal. Nun stellt sich der Kunde dieser Unternehmen aber oft die Frage, ob der Einsatz dieser neuen Technik überhaupt vertrauenswürdig ist. Was wir versichern, ist genau die Glaubwürdigkeit der jungen Start-ups, die auf keinerlei Historie zurückgreifen können. Durch die gezielte Risikoübernahme erzeugen wir einen messbaren Mehrwert für aufstrebende Unternehmen, die sich auf neue Technologien konzentrieren, insbesondere in den Bereichen IoT und KI. Unsere Versicherung hat hier also die Funktion eines „Sales enablers“.

Wie hängt das jetzt mit dem IoT zusammen?

Hinter den IoT-Geschäftsmodellen verbergen sich viele innovative Ansätze, die wiederum Ausgangspunkt für neue Geschäftsmodelle sind. Auch hier gilt wieder: Mit der Technik kommt das Risiko, dass die Technik nach der Investition nicht in der definierten Weise funktioniert. Die Grundfrage lautet: Wer garantiert mir als Investor oder Käufer der Dienstleistung, dass die neue Technik auch funktioniert? Auch hier hilft dem Verkäufer unsere Versicherung seiner Leistungsgarantien.

Zur Verdeutlichung führe ich noch ein Beispiel an: Relayr ist eine IoT-Software/Beratungsfirma und Tochter von Munich Re. Relayr berät bestehende Unternehmen dabei, wie sie durch den Einsatz von IoT und Sensorik ihre bisherige Produktion effizienter machen oder wie daraus neue Geschäftsmodelle entwickelt werden können. Doch was passiert, wenn die Effizienzsteigerung letztlich kleiner ausfallen sollte als erwartet? Munich Re kann auch in diesem Fall eine Mindesteffizienzsteigerung der empfohlenen Investition absichern.

Das heißt, IoT ist ein Arbeitsfeld, mit dem Betriebe, die Sie versichern, in Kontakt kommen, während Sie indirekt mit IoT arbeiten?

Genauso ist es. IoT hat für Munich Re zudem noch eine viel größere Bedeutung. Meine Nachbarabteilung entwickelt und arbeitet an dem „Equipment as a service“-Konzept für maschinelle Fertigungsanlagen. Einer der ersten industriellen Anbieter dieses Konzepts war der Triebwerkshersteller Rolls-Royce mit dem sogenanntne „Power-by-the-hour“-Prinzip. Ein Triebwerk kann traditionell gekauft, finanziert oder geleast werden. Equipment as a service eröffnet eine zusätzliche Möglichkeit: Mieten mit weitgehenden Garantien. Kommt es zu außerplanmäßigen Kosten durch nicht vorhersehbare Reparaturen, belasten diese nicht die Fluggesellschaft. Das Risiko bleibt beim Hersteller. Dieses Konzept wird neuerdings auf maschinelle Fertigungsanlagen übertragen. Als Produzent müssen Sie nicht mehr die Fertigungsanlage kaufen und finanzieren, sondern können diese mieten mit einer „Uptime Guarantee“. Dadurch erhöht sich sowohl die Flexibilisierung in der Produktion, da die Maschinen auch für kürzere Zeiträume gemietet werden können. Und es führt gleichzeitig zu einer geringeren Bindung von Kapital in den Bilanzen der Unternehmen, die die Maschinen verwenden.

Hier entwickelt sich etwas Neues in der Wirtschaft. Die Spezialisierung nimmt weiter zu: Produzierende Unternehmen können sich stärker auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren, z. B. das Produktdesign. Andererseits: Durch die zunehmende Vernetzung von Maschinen werden eine Vielzahl an neuen Datenpunkten generiert, durch deren Auswertung die Maschinen noch effizienter und damit einsatzfähiger werden. Darauf spezialisieren sich diejenigen Unternehmen, die die Maschinen bereitstellen. Diese Auswertung von großen Datenmengen ist eine unserer Kernkompetenzen als Rückversicherer, weswegen wir in den Bereich von Industrial IoT expandieren. Dies tun wir nicht zuletzt mit Partnern. So sind wir dabei, mit Porsche ein Joint Venture zu einer sogenannten FlexFactory für die Automobilindustrie zu gründen.

Eine klassische Versicherung versichert das, was zu Schaden kommen kann. Trifft das auf Ihre Tätigkeiten überhaupt noch zu?

Dies trifft in meiner Abteilung nur mehr begrenzt zu. Bei den meisten Dingen, mit denen meine Kollegen und ich uns beschäftigen, geht es nicht mehr um physische oder Haftpflichtschäden, sondern vielmehr um Unternehmerrisiken: Etwas in einer Investition stellt sich nicht so ein, wie man es erwartet und erhofft hatte. Dieses Änderungsrisiko selbst bildet ein Investitionshemmnis. Durch unser Zutun fördern wir die Entwicklung neuer Technologien, indem wir das Risiko des Neuen und Unbekannten übernehmen. Deshalb sehen wir die Funktion unserer Versicherungen als „business enabling“ und sprechen von einer Entwicklung der Versicherung von „insurance to ensurance“.