Kontrollieren wir die Technik oder sie uns? Künstliche Intelligenz und wie sie die Arbeit im Finanzmanagement von morgen prägt.

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 / 22. May. 2021

Karim Jouini im Gespräch


 

Karim Jouini ist Geschäftsführer von Expensya. Seit mehr als 10 Jahren beschäftigt er sich mit Cloud und Machine Learning. Nach einem Ingenieurstudium in Toulouse, spezialisierte er sich an der University of Western Ontario in Kanada auf Machine Learning. Nach seinem Start als Software Development Engineer in der Microsoft-Zentrale in Redmond, USA, wurde er Engineering Manager in der Xbox Cloud-Niederlassung von Microsoft in Paris. Karim Jouini gründete Expensya 2015. Das Start-up ist auf die intelligente Verwaltung von Geschäftsausgaben spezialisiert.


 

Neue Technologien verändern die Unternehmenswelt grundlegend, darunter auch die Finanzbranche. Welchen Einfluss hat Künstliche Intelligenz auf das Verwaltungs- und Finanzmanagement in Unternehmen?

Der digitale Wandel ist in vollem Gange. Wir sind heute in einer digitalisierten Welt angekommen, die nicht mehr nur klassische IT-Unternehmen betrifft, sondern Firmen aller Branchen und Sektoren. Der zunehmende Einsatz neuer Technologien wirkt sich dabei auf alle Berufsgruppen aus. Ein Eindruck, der auch in der Umfrage Global CEO Survey [1] von PWC bestätigt wird. Darin geben 63 % der befragten Führungskräfte an, dass sie der Künstlichen Intelligenz (KI) ein größeres Potential zur gesellschaftlichen Disruption zuschreiben als einst der Internetrevolution. Wenn das Potential zur Veränderung unseres Alltags bereits derart groß ist, wie sieht dies dann erst für die Geschäftswelt aus? Aktuell gewinnen automatisierte Lösungen auf Basis Künstlicher Intelligenz, SaaS-Modellen und Cloud-Archivierung immer mehr an Bedeutung, so auch in Finanzabteilungen. Die digitale Transformation stellt eine neue Herausforderung im Finanzmanagement dar, der Priorität eingeräumt werden muss. Entscheider in Finanzabteilungen finden sich heute in einem technologischen Umfeld wieder, das die klassischen Anforderungen an das Finanzmanagement neu definiert und einstige Rollenaufteilungen in Unternehmen radikal verändert. Vormals zeitaufwendige und fehleranfällige Aufgaben, wie etwa das Sammeln von Belegen und die manuelle Dateneingabe, können heute automatisiert stattfinden. Die so gewonnene Zeit kann beispielsweise für strategisches Business Management eingesetzt werden. Die Künstliche Intelligenz wird langfristig immer mehr Arbeitsschritte übernehmen. Diese Technologie bringt zudem eine Vielzahl neuer Chancen mit sich, die es zu nutzten gilt.

 

Bedeutet dies, dass der Mensch ersetzbar wird und Maschinen uns unsere Berufe strittig machen?

Ein schwieriges Thema, das über alle Gesellschaftsebenen hinweg diskutiert wird. Die Meinungen dazu sind kontrovers. Es hält sich die Überzeugung, dass durch die Künstliche Intelligenz neue Kapazitäten freigesetzt werden. Die KI erlaubt dem Menschen redundante Aufgaben an Maschinen abzugeben. Somit bleibt mehr Zeit für Aufgaben mit höherer Wertschöpfung, die analytisches Denken und somit menschliche Intelligenz erfordern. Laut einer Studie von Accenture [2] könnte Künstliche Intelligenz die Produktivität und Rentabilität in Unternehmen bis 2035 um fast 38 % steigern. Das ist beachtlich. Dem gegenüber steht die Meinung, dass die Implementierung von Künstlicher Intelligenz eine Bedrohung darstelle und eine Verdrängung bestimmter Berufsgruppen mit sich bringe.

Obgleich viele noch von Science-Fiction sprechen und ihr noch immer etwas Futuristisches anhaftet, ist die Künstliche Intelligenz bereits voll und ganz in unseren Alltag integriert. Man denke etwa an Sprachassistenten wie Alexa und Siri, die auf Basis intelligenter Spracherkennung Antworten auf unsere Fragen liefern oder Staubsaugroboter, die dank Algorithmen ohne größere Probleme durch unsere Wohnung manövrieren. Starke KI, die auf Augenhöhe mit menschlichen Entscheidungen agiert und logisches Denkvermögen besitzt, bleibt dagegen bisher weitgehend eine Vision. Ich denke KI ist vor allem dazu da, dem Menschen den Alltag zu erleichtern. Er kann sich somit auf Tätigkeiten mit höherem Mehrwert konzentrieren, die eine für den Menschen spezifische Form der Intelligenz erfordern. Künstliche Intelligenz ist daher eher eine „ergänzende“ als eine „substituierende“ Technologie.  Maschinen werden zu „Verbündeten“. Es gibt hier also keinen Widerspruch. Die aktuelle Situation kann mit der industriellen Revolution verglichen werden. Damals übernahmen Maschinen eine immer wichtigere Rolle bei der Ausführung redundanter Aufgaben, die ursprünglich dem Menschen vorbehalten waren, seine „Intelligenz“ im eigentlichen Sinne aber nicht erforderten. Es stellt sich also nicht nur die Frage, wo die KI in Zukunft menschliche Tätigkeiten ersetzen kann, sondern gleichzeitig gilt es zu definieren, wie diese Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine aussehen wird und wie sie sich in aktuelle Berufsfelder integrieren lässt.

 

Wie verändert Künstliche Intelligenz konkret das Verwaltungs- und Finanzmanagement? Welchen Einfluss wird die Künstliche Intelligenz beispielsweise auf Prozesse in der Finanz- und Buchhaltung haben?

Künstliche Intelligenz lernt aus Daten, die sie verarbeitet, und handelt dann entsprechend, um dieses Wissen anzuwenden. Das heißt, Künstliche Intelligenz ist in der Lage aus ihren Fehlern zu Lernen. Sie reichert Prozesswissen an. Beim sogenannten „maschinellen Lernen“ handelt es sich um smarte Algorithmen, die aus den Resultaten ihres Einsatzes lernen.  Durch diese Fähigkeit zu „Lernen“ und sich Ergebnisse zu „Merken“, erwirbt KI Eigenschaften, die denen des menschlichen Gehirns ähneln. Die Kombination aus Geschwindigkeit und KI-basierten Prozesse, mit menschlicher Intelligenz und analytischem Verstand, eröffnet Unternehmen neue Möglichkeiten. Für Firmen aus der Finanzbranche ist KI somit eine vielversprechende Innovation. Die als Risiko wahrgenommene „Robotisierung“ stellt in Realität eine Chance dar. Für Unternehmen bietet KI neben neuen Produktlinien auch die Chance, komplette Prozesse zu vereinfachen und effizienter zu gestalten. Sie automatisiert heute bereits einen Teil der Arbeit wie beispielsweise das Erfassen, Verarbeiten, Prüfen und Überwachen von Finanzinformationen. Das bedeutet einen enormen Zeitgewinn. In Verbindung mit weiteren Verfahren bietet Machine Learning interessante Möglichkeiten. Zu diesen zählen nicht zuletzt die Analyse und Interpretation von strategischen Daten oder die Echtzeit-Erkennung von Abweichungen in Prozessen, z.B. bei der Verwaltung von Abrechnungen. Innerhalb kurzer Zeit können Algorithmen große Mengen an Informationen verarbeiten und erfassen. Das hilft, Betrug vorzubeugen und Fehler zu minimieren.  Künstliche Intelligenz wird jedoch weder in der Lage sein, die Komplexität von Finanzanalysen zu bewältigen, noch wird sie auf Kundenwünsche eingehen und diese berücksichtigen können. Jedoch ermöglicht KI eine Optimierung von Routineaufgaben sowie eine maschinelle Abwicklung bestimmter Arbeitsschritte, damit sich Führungskräfte noch intensiver auf die „High-Level-Vision“ konzentrieren können.

 

Künstliche Intelligenz im Dienst des Finanzmanagements kann also als eine Art Symbiose erlebt werden, die Mehrwert schafft?

Richtig. Künstliche Intelligenz unterstützt das Verwaltungs- und Finanzmanagement bei der Optimierung bestimmter Aufgaben. Sie hilft Unternehmen bei der Erfassung und dem Verständnis der vielfältigen Daten aus Mikro- und Makrokontexten. Darunter fallen Risk-Management, die Steuerung von Performance-Indikatoren, Controlling und die Finanzprognose. Diese Funktionen erleben dank KI und zunehmend automatisierten Informationssystemen einen revolutionären Wandel. Die Finanzbranche wird sich weiter verändern: Neuronale Netze erleichtern die Bearbeitung von Anfragen und enorme Datenbestände werden mit Hilfe von Deep Learning ausgewertet. Die KI kann in Verbindung mit Big Data dabei helfen, dass aus der Masse an Rohdaten die richtigen und wichtigen Informationen gewählt werden. Finanzplattformen erleichtern Banken heute schon die Entscheidungsfindung und das Risikomanagement. Technologien der nächsten Generation bieten eine Vielzahl von Indikatoren zur Performance-Messung sowie Dashboards zur Steuerung der Aktivitäten in Unternehmen. Reporting und Datenerfassung werden umso einfacher und erlauben es Finanzdirektoren sich qualitativ ausgerichteten Analysen der ihnen zur Verfügung stehenden Daten zu widmen. Das Erkennen von Risiken wird durch Alarmsysteme und Algorithmen zur Erkennung von Abweichungen vereinfacht, etwa zur Bekämpfung von Betrugsfällen. Der Prozess der Rechnungsverfolgung wird dank intelligenter Lösungen vom Zeitpunkt des Rechnungsversands bis zur Bezahlung deutlich schneller und übersichtlicher. Infolgedessen werden ressourcenintensive und repetitive Prozesse an die Technologie delegiert. Dies setzt neue Kapazitäten frei. Das Gleiche gilt für die Verwaltung von Spesenabrechnungen. Es gibt heute intelligente Lösungen, die den Prozess von der Erfassung bis zur Erstattung von Ausgaben automatisieren.

 

Viele Unternehmen sehen sich heute großen Transformationsprojekten gegenüber. Lohnt es sich trotz bestehender Unsicherheiten diese weiter voranzutreiben und gezielt in Digitalisierung zu investieren?

Finanzabteilungen sehen sich aktuell mit einer Flut an Daten konfrontiert. Sie verfügen über eine Fülle an Roh-Daten, die sich bei richtiger Verwendung und Analyse als wahre „Goldgrube“ erweisen können. Die Verwaltung dieser außergewöhnlichen Datenmenge ist jedoch noch Fiktion. Sie nicht zu nutzten wäre jedoch eine Verschwendung. Künstliche Intelligenz bietet hier ein einzigartiges Potential, um diese große Menge an Daten zu verwalten und Finanzmanagern bei der Datenauswertung zu helfen. Letztere finden hier einen großen Pool an Informationen, der ihnen bei der Analyse und anschließenden Entscheidungsfindung nützlich sein kann. Mit dem richtigen Know-how kann ein enormer Mehrwert aus diesen Daten gewonnen werden. Hier sollte zukünftig noch mehr investiert werden – finanziell als auch personell.

Weiterführende Links:

[1] https://www.pwc.de/de/ceosurvey.html

[2] https://www.accenture.com/fr-fr/company-news-release-artificial-intelligence-2035


Interview geführt durch:

DIGITALE WELT – Fremd Autorschaft führt extern Interviews mit Experten rund um unsere Themenschwerpunkte durch und reicht diese wie Blog- oder Fachbeiträge bei uns ein.