Mit Cloud-Plattformen in eine neue Ära für vernetzte Fahrzeuge

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 / 23. September. 2021

Die Automobilindustrie befindet sich an der Schwelle zu einem gewaltigen Wandel. Ihre Produkte sind zunehmend softwarebasiert, ihre Kunden stellen neue Erwartungen an den Kauf- und Betriebsprozess, und die Menschen legen verstärkt Wert auf nachhaltige und mobilitätsfördernde Produkte und Services. Von den Automobilhersteller erfordert dies einen massiven Shift. Sie müssen die Art und Weise anpassen, wie sie ihre Produkte und Dienstleistungen konzipieren, entwickeln und herstellen. Sie müssen neu definieren, wie sie mit den Kunden über die verschiedenen Kanäle kommunizieren und interagieren. Und sie müssen die Zusammenarbeit mit den Regierungen gestalten, um die erforderliche Infrastruktur flächendeckend zu gewährleisten. Die Herausforderung für Unternehmen liegt darin, sich einerseits schnell weiterzuentwickeln und gleichzeitig ein tragfähiges Geschäftsmodell aufrechtzuerhalten, um die für den Fortschritt notwendige Investitionen tätigen zu können.

Das Potenzial der Cloud

Cloud-Computing eröffnet der Automobilindustrie die Möglichkeit, ihre Transformation voranzutreiben und ein gesundes Geschäftsmodell für die Zukunft aufzubauen. Die Autohersteller haben bereits damit begonnen, ihre Konstruktions- und Fertigungsprozesse zu überdenken und das gesamte Kundenerlebnis neu zu gestalten. Dafür ist die Fähigkeit von größter Bedeutung, Daten zu speichern und zu analysieren, die eine Bewertung der Fahrzeugtechnik und -sicherheit ermöglichen. Die Cloud-Nutzung birgt das Potenzial, die Kosten für die Datenspeicherung zu senken und die Entwicklung und Produktion von Fahrzeugen zu beschleunigen. Da die meisten Unternehmen eine weltweite Abdeckung benötigen, ist Skalierung ein Schlüsselfaktor. Durch den Cloud-Einsatz lässt sich ein exponentielles Level erreichen. Die Cloud verspricht mehr Datenspeicher zu geringeren Kosten und einen schnelleren Zugang zu neuen technologischen Tools. Aufgrund dieser Vorteile können differenziertere Produkte und Dienstleistungen entstehen.

Daten sind das Herzstück autonomer Fahrzeuge. Die Cloud ist die einzige Möglichkeit der Autohersteller, um mit den neuen Wettbewerbern Schritt zu halten und wirklich „Digital Native“ zu agieren. Das für autonomes Fahren erforderliche Datenvolumen bedingt einen Cloud-basierten Ansatz. Nur so lassen sich die Werkzeuge zur Unterstützung der komplexen Software, die für den Betrieb und die Sicherheit der Fahrzeuge erforderlich ist, kontinuierlich bewerten und weiterentwickeln.

Daten sind außerdem hilfreich, um neue Services zu gestalten, beispielsweise zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen oder Experiences in und außerhalb der Fahrzeuge. So liefern Verkehrsmusterdaten nicht nur umfassende Informationen bezüglich der urbanen Mobilität, sondern können auch für die Entwicklung von Service-Angeboten in Städten und Gemeinden zum Einsatz kommen.

In Zukunft werden Daten aus der Automobilindustrie, dem öffentlichen Nahverkehr und anderer Mobilitätstechnologieunternehmen als Quelle dafür dienen, wie wir unsere Städte, Gemeinden, Parks und Agrarflächen gestalten. Angesichts der Komplexität und branchenübergreifenden Natur von Dienstleistungen wird die Cloud für den Fortschritt von entscheidender Bedeutung sein.

Der Weg in die Cloud wird oft mit einer „Lift and Shift“[1]-Strategie verbunden. Um jedoch die wahren Vorteile der Cloud zu heben, gilt es das Engineering, die Arbeitsweisen und Betriebsabläufe im Unternehmen grundlegend zu überdenken und anzupassen. Die Cloud bietet die Möglichkeit, eine flexible Technologielandschaft zu schaffen, die sich mithilfe neuer Partner schnell ausbauenlässt. So rückt die Entwicklung definierter DevOps-Fähigkeiten stärker in den Fokus als das Infrastrukturmanagement. Die Cloud-Implementierung erfordert einen Mindset-Shift und Wandel im gesamten Unternehmen. Auch wenn dies nicht gleich am ersten Tag geschehen muss, ist eine klare Definition und Abstimmung über alle Disziplinen hinweg unabdingbar.

Aus unserer Erfahrung bei Publicis Sapient[2] durch die Zusammenarbeit mit branchenübergreifenden Unternehmen ist es vonentscheidender Bedeutung, Leitprinzipien für folgende drei Bereiche zu definieren: Bereitstellung, Prozesse, Tools und Technologie

  • Bei der Bereitstellung ist es wichtig, zu verstehen, wofür konkret eine Lösung gesucht wird, und sich dann auf die beste Lösung zu konzentrieren. Der Erfolg ist darin zu bemessen, wie die technisch vollständige Implementierung die Zykluszeit verkürzt, Deployment-Bedenken ausgeräumt und Unsicherheiten bezüglich der Deployment-Ergebnisse beseitigt werden.
  • In Bezug auf den Prozess sind Konsistenz in Support-Abläufen und eine rechtzeitige, transparente und relevante Kommunikation der Schlüssel. Von entscheidender Bedeutung ist auch, wie man Strategien zur Systemüberwachung verbessern und aus Fehlern lernen kann, um sicherzustellen, dass diese Fehler unter Druck nicht wiederholt werden.
  • Bei den Tools und Technologien sollten man sich auf Automatisierung und Produktivitätssteigerung konzentrieren, um die Vollständigkeit der Tests zu gewährleisten und die Deployment-Zeit zu verkürzen. Es ist außerdem wichtig, für „Cloud Native“ zu bauen und deklarative Konfigurationen anzustreben.

Wir konnten feststellen, dass sich durch den Cloud-Einsatz die Bereitstellungszeiten für kritische Anwendungskomponenten um 50 bis 80 Prozent verkürzt haben, während die Infrastrukturkosten um 30 Prozent sanken. Die Standardisierung von APIs für den Mobil- und Web-Traffic und die vollständige Entkopplung des Webs haben die Unabhängigkeit zwischen den Teams erhöht, eine Verfügbarkeit von 99,99 Prozent gewährleistet und eine Wiederherstellungszeit von weniger als zehn Minuten ermöglicht.

Mythen über den Cloud-Einsatz

Trotz aller guten Gründe, warum die Cloud die Zukunft bedeutet, herrschen noch immer einige Missverständnisse vor. Um die geschäftlichen, betrieblichen und wirtschaftlichen Vorteile zu verstehen, gilt es diese Mythen auszuräumen. Entscheider, die sich dessen bewusst sind, werden den größten Nutzen aus ihrem Wechsel in die Cloud ziehen.

Mythos 1: Die Cloud ist unsicher und kann leicht gehackt werden

Es ist ein berechtigtes Anliegen der Kunden, dass die Sicherheit an erster Stelle steht. Traditionell haben Automobilhersteller ihre technologische Infrastruktur vor Ort gesichert und damit Vertrauen geschaffen. Doch auch Rechenzentren vor Ort können aus der Ferne gehackt werden, wie einige Chief Security Officers schmerzhaft erkennen mussten. Vor allem stellen manuelle Prozesse und Insider-Bedrohungen ein erhebliches Risiko dar.

Viele Autohersteller verfügen noch nicht über die notwendige Erfahrung, um Cloud-Foundations auf sichere Weise zu gestalten. Cloud-Anbieter wie Amazon Web Services (AWS), Microsoft und Google Cloud hingegen investieren jedes Jahr Milliarden von Euro, um zu gewährleisten, dass ihre Lösungen sicher sind und erstklassige Sicherheitsfunktionen bieten, einschließlich der Datenverschlüsselung und -maskierung.

Der Grad des Vertrauens in eine Cloud-Lösung hängt vom gesammelten Erfahrungsschatz durch die Implementierung von Sicherheitsfunktionen in die Cloud-Foundations ab. Wenn Unternehmen geeignete Leitlinien definieren, ein sicheres DevSecOps-Betriebsmodell implementieren und die richtigen Talente ausbilden und einstellen, können ihre Cloud-Umgebungen sicherer sein als On-Premise-Lösungen.

Das Sammeln von Erfahrungen ist der Schlüssel zur Sicherheit. Oberstes Ziel muss sein, Cloud-Umgebungen auf sichere Weise einzurichten und mit Cloud-Anbietern zusammenzuarbeiten, um die Sicherheitsmaßnahmen angesichts der sich ständig wandelnden Bedrohungen kontinuierlich zu verbessern.

Mythos 2: Der Speicherort der Daten ist unbekannt

Die Kontrolle des Datenzugriffs ist von entscheidender Bedeutung, um die Daten und die Privatsphäre der Menschen zu schützen, das Vertrauen der Kunden zu erhalten und zu gewährleisten, dass Wettbewerber keinen Zugang zu Produktinnovationen erhalten. Daher dominieren die Themen Datenhoheit, Datenresidenz und Datensouveränität die Gespräche der Entscheider auf C-Level.

Viele Diskussionen bezüglich der Datenresidenz werden von beunruhigten Privatpersonen geprägt. Wenn es um Händler, Zulieferer oder Partner geht, die die Datenresidenz in der Cloud verwalten, ist das Thema kritisch. Führende Cloud-Anbieter sind jedoch in der Lage, die Anforderungen an die Datenresidenz zu erfüllen. Händler, Zulieferer und Partner können so festlegen, in welcher Rechenzentrumsregion ihre geschäftskritischen Daten und Anwendungen gespeichert werden und wie und wann sie übertragen werden können.

Mythos 3: Die Cloud ist extrem teuer

Exorbitante Cloud-Kosten sind ein urbaner Mythos. Die Cloud ist vielmehr Katalysator für eine umfassende Business Transformation und ihre Vorteile können die Technologieinvestitionen absolut aufwiegen. Um Einsparungen zu erzielen, müssen Automobilunternehmen jedoch zwei Maßnahmen ergreifen.

Erstens gilt es, ein neues Kostenmanagement einzuführen. Unternehmen sollten von einem Fixkosten-Modell – einschließlich Abschreibungen – zu einem eher variablen Kostenmodell, das die neue Preismodelle von Cloud-Anbietern berücksichtigt, wechseln. Es muss außerdem innerhalb der Organisation ein Verständnis dafür entwickelt werden, wie der Verbrauch die Kosten bestimmt und wie Nachfrageänderungen zu einem besseren Kostenniveau führen können.

Zweitens müssen alte Infrastrukturen vom Betrieb genommen werden, um die Einsparungen durch die Cloud wirklich ausschöpfen zu können. Für viele Organisationen stellt dies eine Herausforderung dar, da beispielsweise Rechenzentren stillgelegt werden müssen, während noch Anwendungen darüber laufen.

Mythos 4: Der Cloud-Markt ist voll etabliert und erfordert nur eine Einmal-Strategie

Der Markt für Cloud-Anbieter entwickelt sich rasant, sowohl was die Anzahl der Akteure als auch was deren Angebot betrifft. Dies erfordert eine ständige Überprüfung des Marktes und eine regelmäßige Aktualisierung der Strategie für die Cloud-Infrastruktur.

Zu den weltweit etablierten Anbietern zählen diese drei: Amazon Web Services (AWS), Google Cloud und Microsoft Azure. Aber es gibt auch andere Akteure wie Alibaba, Oracle und Salesforce, die in bestimmten Regionen führend sind. Im Bereich der Services bieten Cloud-Anbieter immer aktiver zusätzliche und branchenspezifische Dienste an oder bilden Ökosysteme mit unabhängigen Softwareanbietern. Daraus ergibt sich ein dynamischer Anbietermarkt, der erhebliche Möglichkeiten bietet, die eigene Transformation voranzutreiben.

Die Zukunft gehört der Cloud

Mit der Cloud fallen viele technologische Hürden und Beschränkungen für neue Geschäftsideen. Durch einen Wechsel in die Cloud profitieren Unternehmen von einer großen Menge an Add-ons und Treibern, die zur Lösung komplexer Business-Herausforderungen genutzt werden können. Dank neuer Tools und Technologien in der Cloud wird das Experimentieren, derSchlüssel für Innovationen, immer einfacher.

Die Cloud stellt nicht nur die Infrastruktur, sondern ist der Katalysator für eine End-to-End-Transformation, ohne die Datensicherheit zu gefährden. Der Wandel zu einem Cloud-nativen Automobilunternehmen bringt den Vorteil deutlich niedrigerer Betriebskosten und neuer Einnahmequellen mit sich. Für die Mobilitätsbranche ist der Weg in die Cloud die einzige Option, um ihre erklärten Ziele für das nächste Jahrzehnt – Elektrofahrzeuge, softwareorientierte und autonome Fahrzeuge – zu erreichen.

 

Quellen und Referenzen

[1]https://www.computerweekly.com/de/definition/LIft-and-Shift
[2]https://www.publicissapient.com/industries/transportation-mobility

Über den Autor / die Autorin:


Alyssa Altman führt beim Beratungshaus Publicis Sapient das Transportation- & Mobility-Business in Nordamerika. Mit mehr als 20 Jahren Erfahrung treibt sie die digitale Business Transformation ihrer Kunden in großem Maßstab voran.