Schöne, neue Welt – ohne Manager

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 / 25. September. 2020

Kein Wort wurde wohl dieses Jahr häufiger benutzt als Digitalisierung. In der gegenwärtigen Berichterstattung sind sich alle einig, dass die Corona-Pandemie als Akzelerator der digitalen Transformation gedient hat und weiter dient. Großunternehmen, Mittelstand und selbst Kleinunternehmen werden von den äußeren Umständen dazu gezwungen, ihre innersten Prozesse zu digitalisieren – das gesamte Bildungssystem eingeschlossen. Die Krise dient als Weckruf für die verschlafenen Unternehmen in Deutschland, Europa, weltweit. Einmal digitalisiert, so die stille Hoffnung, wird man gewappnet sein für die ungewisse Zukunft – oder eben die nächste Krise. Aus dem Meilenstein Digitalisierung wird ein Rettungsboot. Das ist aus meiner Sicht keine Zukunftsstrategie, sondern eine angstgetriebene Hoffnung, die schon in sich Innovationsgeist und großes Denken im Keim erstickt. Nicht verstecken, sondern gestalten!

Lost in translation

Was passiert eigentlich, wenn sich ein Unternehmen digitalisiert? Es bedeutet schlicht und einfach bestehende Strategie und Struktur in ihren Prozessen zu beschreiben und diese in einen digitalen Workflow zu überführen. Dies ist keine neue Herausforderung – schließlich gibt es Computer und Software schon seit Jahrzehnten und diese haben sowohl unsere Produkte und Dienstleistungen als auch die Art und Weise, wie wir sie herstellen und anbieten, verändert. Heute ist die digitale Technologie aber nicht mehr nur im abgeschotteten Bereich der IT angesiedelt, sondern wird für fast alle Bereiche der Wertschöpfungskette angeboten.

Im Bereich des Managements ist vielerorts die Digitalisierung noch nicht weit vorangeschritten. Das das-haben-wir-schon-immer-so-Gemacht herrscht bei vielen Manager vor. Die Entscheidung über den Einsatz von Technologie treffen aber in Unternehmen: Manager. Angesichts dieser Realität überrascht auch nicht, dass sie entsprechend erwarten, dass die digitale Transformation eine radikale Unterbrechung des Geschäftsbetriebs, enorme neue Investitionen in Technologie, einen vollständigen Wechsel von physischen zu virtuellen Kanälen mit sich bringen muss. Sicherlich ist in einigen Fällen ein solcher Paradigmenwechsel mit im Spiel. Aber Digitalisierung geht auch smart und unspektakulär als SaaS – Software as a Service.

Stabil statt agil

Was macht SaaS? Geschäftsprozesse werden abgebildet und automatisiert. Sie laufen nicht nur immer auf die gleiche Weise und fehlerfrei ab, sondern schneller, effizienter. Prozessabbildende Software, wie ein cloudbasiertes ERP, macht Mitarbeitern einer Wertschöpfungskette ein Team. Nächster Schritt ist dann die Erweiterung um Maschinelles Lernen auf dem Weg zur Nutzung Künstlicher Intelligenz. Die Algorithmen lernen nicht nur Prozesse schneller abzuwickeln und zu managen, sondern auch zu analysieren, zu prognostizieren. Außerdem steigert eine solche Automatisierung die Rentabilität. Digitalisierung macht mein Unternehmen erst einmal stabiler. Agil wollen derzeit alle sein, doch stabil lässt einen erst einmal sicherer stehen. Nicht nur in Krisen.

Software as a Manager

Programme übernehmen heute das Management großer Datenmengen – und das stabil, effizient und fehlerfrei. Mehr noch: sie haben die richtigen Antworten, evaluieren und treffen Entscheidungen. Software ist inzwischen viel mehr als ein Service. Sie ist der neue Manager. Und der Mensch ist frei für Kreativität, Innovation und zwischenmenschliche Beziehungen.

Manager denken oft, dass es bei der digitalen Transformation in erster Linie um technologische Veränderungen geht. Natürlich handelt es sich um einen technologischen Wandel – aber kluge Unternehmen und Manager erkennen, dass es bei der Transformation letztlich darum geht, den Kundenbedürfnissen besser gerecht zu werden. Da die Digitaltechnik die Verbindung von ehemals isolierten Aktivitäten zu diesem Zweck ermöglicht – ja sogar erfordert –, muss das Unternehmen häufig sowohl die Mitarbeiter als auch die Technologie neu organisieren.

Kurzum: wenn die Software managt – was machen dann die Manager? Sie sind weiterhin da, müssen aber ihre Rolle anpassen. Ihren Blick ändern. Der konstante Wandel macht es unmöglich, immer die richtigen Antworten parat zu haben. Die Führungskraft selbst muss diesen Umstand akzeptieren und ihre Mitarbeiter unterstützen und lenken. Sie muss es dem Einzelnen ermöglichen, in dieser neuen Umgebung Energie und Kreativität freizusetzen. Kurzum: der Manager wird zum Coach. Er leitet die Menschen an, deren Tätigkeiten und Interaktionen durchgängig und übergreifend softwaregestützt ablaufen. Er motiviert sie, gibt dem Tun der Teams Richtung und Sinn. Im Austausch mit den Beschäftigten schafft er täglich den Spirit, der Erfolg nach außen und Spaß und Zufriedenheit nach innen ermöglicht. Der Coach, ein Begriff aus dem Sport. Das ist der Trainer, der eine Mannschaft zum Erfolg führt. Der aus vielen unterschiedlichen Könnern ein schlagkräftiges Team formt.

Coach das Ungewisse

Natürlich ist der Gedanke, den Manager als Coach zu begreifen, auch kein neuer. Viele Ansätze und Theorien sind im Umlauf, wie man am besten persönliche Fähigkeiten von Menschen in Performance übersetzt und wie man aus mehreren Individuen Teams formt. Sie geben einem scheinbar richtige Antworten auf Effizienzfragen. Ich rede aber davon, dass ein Coach jeden Menschen in seinem Team kennt, sieht und wertschätzt. Nicht nur die einzelne Person, sondern das ganze Team nach vorne bringt. Ein Coach kennt nicht alle Antworten, stellt jeder einzelnen Person aber die richtigen Fragen und stellt das Umfeld her, in dem der Mensch die beste Leistung bringen kann. Leichter gesagt als getan, wenn wie beispielsweise heute niemand The New Normal kennt.

Du bist nicht so gut wie du denkst

Coaching klingt für viele erst einmal zu soft. Denn immerhin wird ja das klassische Managerbild noch vielerorts gelebt. Führungskräfte fühlen sich damit unwohl, zu fragen und zuzuhören. „Tell and Sell“ ist meist angesagt. Doch das Gegenteil sollte der Fall sein. Warum eigentlich? Weil ich so eine lernende Kultur schaffe und Teams bilde. Digitale Transformation allein reicht also nicht aus.

Weil nur eine lernende Unternehmenskultur, in der es Raum für Fehler gibt, innovativ bleiben kann. Denn wenn ein Unternehmen einen Wissensvorsprung gewonnen hat, dann muss es diesen sofort selbst in Frage stellen, will es nicht morgen schon vom Markt verschwinden.

Fazit: Jeder möchte etwas Großes schaffen

Wir leben in einer Welt des Wandels. Erfolgreiche Führungskräfte müssen ihre Fachkompetenz durch Lernfähigkeit ergänzen und sie müssen diese Fähigkeit bei den Menschen, die sie führen, entwickeln. Manager können nicht mehr befehlen und kontrollieren. Sie werden auch nicht mehr erfolgreich sein, wenn sie Teammitglieder hauptsächlich für die fehlerfreie Ausführung von Dingen belohnen, die sie bereits beherrschen. Stattdessen müssen sie sich mit voller Unterstützung als Coaches neu erfinden, deren Aufgabe es ist, Energie, Kreativität und Lernen aus den Menschen zu schöpfen, mit denen sie arbeiten.

Eine einzelne Person schafft nichts Großes, auch wenn Heldengeschichten dies immer wieder erzählen. Es sind Teams, die Großes schaffen und dafür Applaus bekommen. Menschen wollen Teil eines Teams sein. Sie wollen Teil eines Ganzen sein, das etwas Großes schafft. Und jedes Team braucht einen Coach.

 

Über den Autor:


Ertan Oezdil programmiert seit seinem neunten Lebensjahr. Bereits in seiner Schulzeit schrieb er die erste Software für ein Unternehmen und machte sich später selbstständig. Über IBM und weitere Stationen gründete er 2008 die heutige weclapp SE, technologieführender Hersteller von cloudbasierten ERP-Lösungen. Bis heute schreibt der dreifache Familienvater selbst am Code mit.