Digitale Transformation nur mit digitaler Weiterbildung

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 / 20. July. 2020

Mit der Digitalisierung ändert sich so gut wie alles. Produktions- und Arbeitsprozesse werden vereinfacht, Geschäftsfelder werden neu geschaffen oder zumindest auf digitale Plattformen verschoben. Das führt allerdings zu einem immensen Druck auf die Belegschaft, gerade im Mittelstand. Auch wenn New Work, Remote- oder Home-Office und agile Prozesse in aller Munde sind, bilden diese Schlagworte wohl kaum die Realität ab. Wie verändert sich die Arbeitswelt im Zuge der digitalen Transformation? Auf jeden Fall schnell und genau deshalb ist es umso wichtiger, die Mitarbeitenden rechtzeitig, vollumfassend und von Beginn an, mit in diese Veränderungen einzubeziehen. Denn nicht Systeme sind bei der Digitalisierung der ausschlaggebende Faktor, sondern Menschen sind der Schlüssel. Der deutsche Mittelstand erkennt das Potenzial der digitalen Transformation, investiert in Digitalisierungsprozesse und treibt die Entwicklungen fort. Jedes zweite Unternehmen begreift die Digitalisierung als strategisches Projekt, dennoch wird meist der wichtigste Punkt in dieser Strategie vernachlässigt: Die Weiterbildung der Menschen, die zukünftig mit digitalen Arbeitsabläufen und Prozessen sowie veränderten Jobprofilen klarkommen müssen.

Mehr als nur Videokonferenzen und mobile Office

Arbeit 4.0, so der aktuelle Titel der Veränderung, ist weit mehr als nur  flexiblere Arbeitszeiten und Großraumbüros: Es ist die Kompetenzerweiterung der Beschäftigten hin zu digitalen Skills, einer Verbesserung der Kenntnisse im Bereich von Coding, Software Engineering, Data Science sowie Social Media und das Erkennen, dass sich ganze Berufsfelder verändern, Jobprofile neu geboren werden.

Die Arbeitswelt verändert sich auch deshalb, da ganze Bereiche obsolet werden, Arbeitsfelder wegfallen oder verlagert werden. Hier ist es wichtig, Klarheit zu schaffen, mit offenen Karten zu spielen und vor allem, die eigenen Mitarbeitenden dort abzuholen, wo sie stehen. Lebenslanges Lernen ist weit mehr als nur eine Floskel: Wer mit der Zeit gehen will, muss sich verändern, sonst wird er mit der Zeit gehen.

Die Geschwindigkeit, mit der die Veränderung gerade jetzt fortschreitet, bedingt durch die COVID-19-Pandemie, zeigt, dass die Zeit reif dafür ist. Viele Unternehmen mussten schnell und flexibel auf die Situation reagieren, viele Arbeitsabläufe konnten urplötzlich im Home-Office und mit neuen Tools erledigt werden. Was aber fehlt, ist die Qualität. Viele Beschäftigte haben intuitiv und mit wenig Kenntnissen zwar reagiert, ihre Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen abgeliefert, aber Verständnis für die digitalen Zusammenhänge, das Wissen über einfachere Methoden und vor allem qualitative Verbesserungen der Arbeit, zeigten sich nicht.

Digitale „Superkräfte“ sind nötig

Die aktuelle Krise zeigt, dass unser Bildungssystem schneller als geplant aus dem Dornröschenschlaf erwachen muss, digitale Fähigkeiten viel mehr in den Fokus gerückt werden müssen und so veraltendem Faktenwissen den Rang ablaufen. Höchste Priorität muss die Vermittlung der Fähigkeit sein, sich auf neue Situationen schnell einzustellen und benötigtes Wissen anzueignen. Dieses zentrale Ziel von Lehr- und Lernprozessen betrifft Schulen, Universitäten, aber auch berufliche Weiterbildungen.

Nachrückende Generationen wie die Generation Z bringen eine gewisse Offenheit und Grundkompetenz für digitale Tools mit. Dennoch ist die Gruppe noch nicht der Hauptteil der Beschäftigten in den meisten Unternehmen. Mitarbeitenden zwischen 40 und 65 machen den größten Teil der Berufstätigen aus. Diese sind aber nicht mit Smartphones, Apps und Online-Plattformen aufgewachsen. Auch ihre Jobs hatten noch vor kurzer Zeit kaum digitale Berührungen. Selbst gewählte Berufsfelder verändern sich aber aktuell stark und überfordern, da die Kompetenzen fehlen. Damit wächst die Unsicherheit, dass der eigene Job wegbrechen könnte oder sich so verändert, dass man nicht mehr Schritt halten kann.

Hier sind Unternehmen und Führungskräfte gefragt, ihre Mitarbeiter*innen zu entwickeln und vor allem zu stärken. Sie müssen ihre Beschäftigten mit den digitalen „Superkräften“ ausstatten, wenn sie wettbewerbsfähige Innovationen, Produkte und Services entwickeln und anbieten wollen. Studien zeigen, dass die Digitalisierung voraussichtlich keine Jobs kosten wird, aber wahrscheinlich zu einer Verschiebung führt, Jobprofile mehr Kompetenzen erfordern und ganz neue Berufsbilder geschaffen werden.

Geförderte und geforderte digitale Weiterbildung

Mit beruflicher Weiterbildung, die maßgeschneidert auf die Bedürfnisse einzelner Branchen und sogar einzelnen Mitarbeiter*innen abzielt, kann dies gelingen. Und der finanzielle Invest ist nicht nur lohnenswert, sondern teilweise auch staatlich gefördert. Durch das Qualifizierungschancengesetz (QCG) werden staatliche Unterstützungen möglich. Mit dem zusätzlich auf den Weg gebrachten „Arbeit-von-morgen-Gesetz“ hat der Staat zudem auf den digitalen Strukturwandel in Deutschland reagiert und dieses im Zuge der COVID-19-Pandemie erweitert. Davon profitieren sowohl Unternehmen wie auch die Mitarbeitenden selbst. So trägt die Bundesagentur für Arbeit (BA) bis zu 100 Prozent der Fortbildungskosten. Gleiches gilt auch für Beschäftigte, die aufgrund des Strukturwandels von Arbeitslosigkeit bedroht sind. Die verbesserte Weiterbildungsförderung gilt jetzt zudem für Online-Qualifizierungen. Deren Vorteil liegt nicht nur aufgrund der Kontaktbegrenzung auf der Hand. Teilnehmende sind zeitlich flexibel und können individuell ihre Lernzeiten in den Alltag planen.

Weiterbildungen erleben den Shift zu digitalen Lösungen, die sich bequem von zu Hause in den Tagesablauf und natürlich auch in Kurzarbeit einbauen lassen. Gerade für „digitale Einsteiger*innen“ gibt es optimale Angebote. Kompaktkurse, die sich der digitalen Fitness annehmen, ermöglichen einen digitalen 360-Grad-Einblick und umfassen Themen wie Digital Marketing und Communications, aber auch Coding und Softwareentwicklung.

Bei der Auswahl ist besonders wichtig darauf zu achten, dass die Programme in hohem Maße iterativ sind und konsequent die neusten und wichtigsten digitalen Technologien, Methoden sowie Kompetenzprofile vermitteln. Außerdem muss die Motivation der Teilnehmenden bei Online-Angeboten gehalten werden – zum Beispiel durch individuelle Betreuung, Live-Tutorials und interaktive Lernformate – für Einzelne und in der Gruppe. So wird der Online-Kurs zu einem gruppendynamischen Erlebnis, der von gemeinsamem Austausch profitiert.

Richtige Bildung von Anfang an

Neben bereits berufstätigen Menschen, ist auch eine richtige Ausbildung der zukünftigen Arbeitnehmer*innen von Bedeutung. Das Schulsystem weist erhebliche Lücken auf, die spätestens in diesem Frühjahr offensichtlich wurden. Fehlende digitale Lernmethoden und Tools, aber auch mangelnde Kompetenzen bei den Lehrkräften im Umgang mit diesen, lassen Eltern aktuell verzweifeln, Schüler*innen fühlen sich allein gelassen und die Politik gerät in Erklärungsnöte. Hier muss die Digitalisierung schnell Einzug halten, gebraucht werden Lehrkräfte, die neue Wege gehen, ihren Beruf weiterentwickeln und Schüler*innen auf die echte Zukunft vorbereiten.

Auch Universitäten und Hochschulen stehen in der Pflicht, sich besser und zukunftsorientierter aufzustellen, neue Studiengänge und Fachrichtungen anzubieten, die passend zu den sich verändern Berufsbilder kreiert werden müssen und an manchen Stellen auch einen Schritt weiter gehen. Echte Digitalkompetenzen werden in nahezu jeder Branche benötigt, also sollten auch bestehende Studiengänge mit neuen Lerninhalten gefüttert werden. Anforderungen wie Coding, digitales Businessmanagement, digitales Marketing oder Data Science werden in vielen Unternehmen in den unterschiedlichsten Abteilungen gebraucht. Beim Recruiting werden diese Kompetenzen also in Kürze die auschlaggebende Entscheidung für oder gegen den Bewerbenden geben.

 

Nicole Gaiziunas, Diplom-Sozialpädagogin – Studium der Betriebswirtschaft und Sozialpädagogik – 2003 bis 2008 GF + Projektleiterin bei BrainNet Campus GmbH – bis 2012 GF Executive Education der EBS – bis 2016 GF bei Incore + bei KPMG als Equity Partnerin – ab 2016 Mitbegründerin + GF der XU Group GmbH