Künstliche Intelligenz (KI) überholt sich selbst – Auf dem Weg zum artifiziellen Bewusstsein

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 / 22. July. 2019

Blaue Hologramme, die in Personenform in Raumschiffen existieren – das war noch vor 20 Jahren das Bild von künstlicher Intelligenz. Erst als 1996 Schachgroßmeister Garri Kasparov vom Schachcomputer Deep Blue im Spiel bezwungen wurde, änderte sich dieses stereotype Image. Seitdem hält künstliche Intelligenz in vielen verschiedenen Bereichen Einzug und ist in Forschung, Technologie sowie zahlreichen Unternehmen allgegenwärtig geworden. Eine der aussichtsreichsten Berufsgruppen des 21. Jahrhunderts bilden folglich die KI-Spezialisten, die wiederum aus einer Vielzahl an technischen und wissenschaftlichen Fachdisziplinen stammen. Künstliche Intelligenz ist nichts weniger als ein alltags- und fächerübergreifendes Phänomen. Doch ergeben sich neben Chancen auch Gefahren?

Wer an KI denkt, der kommt an Stephen Hawking (1942-2018) nicht vorbei. Der Physiker und Astrophysiker arbeitete mit einem Sprachcomputer und zeigte so immer wieder die beeindruckende Synthese zwischen Mensch und Maschine. Er forschte regelmäßig zum Thema KI und entwickelte die Botschaft: Wir müssen die Entwicklung von künstlicher Intelligenz kontrolliert vorantreiben.

Hawking wagt zudem den Blick in die Zukunft: Intelligenz wird zwar als die Fähigkeit zur Anpassung an gegebene Bedingungen definiert; lernfähige KI-Systeme können sich allerdings auch selbstständig optimieren. Dies führt früher oder später zu einer wahrhaften Ausbreitung der Intelligenz, einer regelrechten Intelligenzexplosion. Künstliche Intelligenz selbst kann sich weiterentwickeln, so in alle Bereiche der menschlichen Intelligenz eingreifen und sie entsprechend verbessern. Eingerechnet ist der Kampf gegen Krankheit, Hungersnot oder auch der Kampf gegen Armut.

KI ohne Geschwindigkeitslimit

KI scheint nicht aufhaltbar zu sein. Schon die Leistungsfähigkeit unserer konventionellen Hardware (Computer, Smartphones, Tablets) nimmt sekündlich zu. Hawking formulierte als Gesetzmäßigkeit für diese Entwicklung das Moore’sche Gesetz. Er kam zu dem Schluss, dass sich die Rechenleistung von integrierten Schaltkreisen (Computern) im Durchschnitt alle 18 Monate verdoppelt.

Sollte also die Optimierung der technischen Geräte in dieser Geschwindigkeit weiter fortschreiten, dauert es nicht mehr lange bis die künstliche Intelligenz die menschliche Intelligenz überholt. Dies kann bereits innerhalb der nächsten 100 Jahre der Fall sein.

Dennoch ist der Ausblick in die Zukunft der KI nicht nur positiv:

2015 unterzeichneten Elon Musk, Stephen Hawking und eine Reihe weiterer KI-Experten einen offenen Brief, in dem sie die Menschheit vor den Gefahren warnten, die von einer unkontrollierten Superintelligenz ausgehen. Die KI-Philosophie und -Ethik gehört auch deshalb zu den derzeit am schnellsten wachsenden Zweigen wissenschaftlicher Forschung. Allerdings sollte bei aller Euphorie auch nicht vergessen werden: Künstliche Intelligenz hat den Zweck das Leben der Menschen zu verbessern und nicht es zu gefährden.

Zertifizierung von Künstlicher Intelligenz

Auch die Wissenschaftsjournalistin und Philosophin Manuela Lenzen äußerte sich zu diesem Thema mit folgender Kernaussage: Alle Menschen sollten möglichst optimal von KI profitieren. Daher muss deren Einsatz unter einem Regelwerk erfolgen und entsprechende angemessene Rahmenbedingungen müssen außerdem geschaffen werden. Nur so können Risiken minimiert und negative Entwicklungen gestoppt werden. Sie schlägt die Einführung eines Gütesiegels für Künstliche Intelligenz vor. Dadurch können gewissen Sicherheits- und Qualitätsanforderungen garantiert werden.

Sie gibt auch einen weiteren Einblick in den aktuellen Stand der Forschung. Manuela Lenzen schildert, dass in zahlreichen Laboren daran gearbeitet wird, weitere Schnittstellen zwischen Computern und Menschen zu kreieren. Diese zielen darauf, sogenannte Cyborgs zu entwickeln: Mischwesen aus lebendigem Organismus und Maschine. Ihr Körper wird beispielsweise dauerhaft durch künstliche Bauteile ergänzt oder sie teilen ihren Organismus mit einer KI und können mit Hilfe dieser ihre Fähigkeiten erweitern. Der Begriff „Cyborg“ stellt dabei ein Akronym des englischen cybernetic organism (kybernetischer Organismus) dar.

Mensch und Maschine verbinden sich

Insbesondere die Entwicklung von Schnittstellen zwischen Computer und Gehirn schreitet dabei rasant voran. Methoden zur digitalen Gedankenübertragung gelingen testweise bereits ehr erfolgreich an Ratten. Parallel entstehen biohybride Roboter: Systeme, die lebendes Gewebe sowie anorganische Komponenten verbinden. Diese bestehen z. B. aus Herzzellen von Ratten oder Hühnern, in denen mikroskopisch kleine, autonome Drohnen arbeiten.

Anwendungspotentiale von Biohybriden bestehen z. B. in der Medizin: Als „Reparatur-Kit“ der Zukunft hilft die Technologie in der Herz- und Blutgefäßchirurgie, um z. B. innere Blutungen zu stoppen und Arterienverkalkungen zu lösen. Sofern solche und ähnlich KI-Apparaturen in der Lage sind, menschliche Gefühle, Bewusstsein und Empathie nachzubilden, ergeben sich zudem weitere Anwendungsbereiche für das menschliche Gehirn.

Gefühle setzen sich grundsätzlich aus den Komponenten Funktion und Erlebnis zusammen. Schmerz erfüllt beispielsweise eine Warnfunktion. So rekapituliert das Gehirn Kindheitserlebnisse mit der heißen Herdplatte – das gedanklich wiederholte, erinnerte Ereignis hält den Erlebenden von der erneuten Erfahrung fern. Mit entsprechenden Sensoren ausgestattet, können auch Roboter zumindest die Warnung umsetzen.

Das Erlebnis als zweite Komponente von Schmerz lässt sich von Robotern noch eher unzureichend umsetzen, da die KI dafür bewusstseinstechnische Elemente benötigt. Eine technische Nachbildung von Bewusstsein aber stellt derzeit eine DER Kernherausforderungen der Wissenschaft dar. Tatsächlich ist selbst eine bloße Definition von Bewusstsein dem Menschen bislang noch nicht gelungen. Zentraler Schlüsselaspekt in dieser Überlegung ist aber vermutlich die Selbstreflexion, bzw. die Fähigkeit zu dieser, da der Mensch ein mentales Bild seiner selbst vorliegen hat. Daraus ergeben sich die weitere Fragen: Ist es möglich Bewusstsein kopieren? Wenn ja: Wie kann man Bewusstsein auch künstlich herstellen?

Neue Lebensformen entstehen

Raymond Kurzweil, technischer Entwickler bei Google, Autor und Erfinder, gilt als Pionier der Sprachsynthese und Texterkennung und hat in mehreren Werken, u. a. „Menschheit 2.0“ zur Entwicklung der KI Stellung genommen. Seine Prognose: KI besitzt in wenigen Jahrzehnten die Fähigkeit, sich selbst zu verbessern. Körper und Gehirne werden mit Hilfe neuer Technologien ganze Veränderungen durchlaufen haben. Neue Lebensformen und -modelle sind entstanden. Dabei sollte die heutige technische Entwicklung laut Evgeny Morozov, Autor von „Smarte neue Welt“ bereits kritisch beäugt werden. Zwar ermöglichen es die technischen Errungenschaften, Menschen zu verbinden und den Informationsstand kontinuierlich up-to-date zu halten, ermöglichen also quasi ein Echtzeit-Informationsbewusstsein. Allerdings hindern sie den Menschen auch am Nachdenken und daran, den eigenen Verstand zu gebrauchen. Ein Beispiel ist der Zusammenhang zwischen Google Maps und dem menschlichen Orientierungssinn, da Gedankenleistungen „outgesourct“ werden.

Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee, Autoren des Werks „The Second Machine Age“ behaupten daher, dass Technologie nicht alle menschlichen Probleme lösen kann. So birgt jede neue Technologie, gleichgültig mit welch edler Absicht sie entstanden sind, unweigerlich auch Schattenseiten. So hat auch das World Wide Web zwar zu einer besseren Zugänglichkeit vorhandenen Wissens geführt, aber zugleich auch indirekt zu einer Spaltung der Gesellschaft beigetragen. Sie mahnen daher dazu, mögliche negative Aspekte einer neuen Technologie mit zu berücksichtigen.

Deshalb knüpfen die prominenten Wissenschaftler daran ihre Forderung, dass der Mensch die Chancen künstlicher Intelligenz zwar durchaus nutzen, ihren Einsatz aber wohlüberlegt gestalten sollte. Nur so können Risiken dauerhaft minimiert und das Ausmaß besser erkannt werden. Ein gespannter, aber wachsamer Blick in die Zukunft lautet daher ihr Credo. Zunächst aber per Spracherkennung das Restaurant für den Abend buchen zu können, per App die schnellste Bahnverbindung in die Innenstadt zu ermitteln und automatisch gewartete Bahnen zu nutzen, offenbart einen anderen wesentlichen Vorteil allen menschlichen Schaffens: die Mehrung von Komfort.

Frank Thole ist Partner bei der WEPEX Unternehmensberatung. Der Diplom-Kaufmann verbindet 30 Jahre Berufserfahrung in der Bank- und Finanzindustrie mit tiefem Knowhow neuester Technologien. Außerdem hält Thole Lehraufträge für Digitalisierung an verschiedenen Universitäten sowie Hochschulen.