IoT – eine große Chance für Europa

bei

Internet der Dinge (IoT)
 / 5. March. 2018

Der langfristige Erfolg der Unternehmen in Deutschland und Europa hängt stark von ihrer Beherrschung des Internet of Things und dem Industrial Internet of Things ab. Sie sind gut gestartet, dennoch benötigen die Unternehmen Unterstützung von der europäischen Politik.

Unternehmen werden langfristig prosperieren, die es schaffen, wie acatech-Chef Henning Kagermann schreibt, sich „durch das Internet of Things -Daten und -Diensten zu transformieren“. An dieser Stelle ist das große Wort Transformation keineswegs übertrieben. Es bezieht sich schließlich auf sämtliche Unternehmensbereiche und Prozesse sowie auf die Ebenen Kultur, Organisation und Technologie. Zum Teil sind die Veränderungen grundlegend, teilweise beziehen sie sich auf die Optimierung und Automatisierung bestehender Abläufe. Klar ist aber in jedem Fall, dass die Unternehmen nicht abwarten können, sondern die Veränderungen aktiv gestalten müssen. Schon heute herrscht ein starker Konkurrenzkampf um die besten Startplätze in der digitalen Ökonomie. Einige Experten behaupten, dass die besten Plätze bereits von den großen, meistens US-amerikanischen, Playern besetzt sind. In der reinen Internet- und Plattform-Ökonomie mag das zurzeit so aussehen, im IoT- und IIoT-Thema ist das nicht der Fall.

Europäische Unternehmen sind ehrgeizig

Das belegt unter anderem eine Untersuchung der Beratungsgesellschaft Bain & Company mit dem Titel „Finding Europe´s Edge in the Internet of Things“. Die Analysten des Beratungsunternehmens fanden heraus, dass in vielen Fällen europäische Unternehmensverantwortliche ehrgeiziger und optimistischer planen, wenn es um die Nutzung und Integration von IoT-Lösungen geht als ihre amerikanischen Kollegen. In einer Umfrage unter 500 Entscheidungsträgern in Europa und den USA erklärten 27 % der Befragten, dass sie gerade IoT-Lösungen implementieren oder bereits eingeführt haben. In den USA sagten das mit 18 % ein Drittel weniger. 25 % der Europäer planen bis 2020 mehrere Use Cases zu implementieren und mit ihren IT-Systemen zu integrieren. In den USA nur 16 %.

Darüber hinaus, so die Analysten von Bain &Company weiter, verfolgen Amerikaner und Europäer offenbar unterschiedliche IoT-Ziele. Unter den Entscheidern, die die Möglichkeiten der Kostenreduzierung durch IoT betonen, begeisterten sich 2/3 der Europäer über das Potenzial der Technologie für Qualitätsverbesserungen an bestehenden Produkten und die neuen analytischen Möglichkeiten. In Amerika stufen das nur 1/3 der Entscheidungsträger als Priorität ein. ¾ der Amerikaner erwarten hingegen, dass ihnen IoT und die dazugehörigen Analysen helfen, Ausschuss zu vermeiden und Inputkosten zu reduzieren. Auf der europäischen Seite erwarten das nur 35 %.

Europäer investieren mehr in IoT

Ein weiterer Unterschied zwischen amerikanischen und europäischen Entscheidern ist laut Bain & Company ihr Sicherheitsbewusstsein. In der alten Welt sehen 39 % mangelnde Sicherheit als eine der wichtigsten Hürden für die Akzeptanz von IoT-Lösungen, in den USA sind nur 27 % dieser Meinung. Das gleiche Bild zeichnet sich im Bereich Compliance ab. Während 22 % der Europäer die Regulatorik als sehr wichtige Barriere erkennen, glauben das nur 8 % ihrer amerikanischen Counterparts. Die Analysten von Bain interpretiere das als Vorteil für die Europäer. Ihr größeres Bewusstsein für Regulatorik und Sicherheit helfe ihnen bei der Entwicklung kosteneffektiver Lösungen, die einer ganzen Reihe unterschiedlicher Regularien entsprechen und deshalb auch von einer sicherheits- und datenschutzsensitiven Kundschaft angenommen werden.

Nicht zu unterschätzen ist ein weiterer Unterschied. Die Europäer widmen dem IoT-Bereich einen größeren Anteil ihres IT-Budgets als die Amerikaner. So planen europäische Autobauer rund 24% ihrer IT-Budgets für IoT ein, in Amerika nur 20. Auch in den Branchen Retail, Fertigung und Bauen geben die Europäer größere Anteile ihrer Budgets für IoT aus.

Deutsche sind technologie- Amerikaner sind marktgetrieben

Auch die acatech-Studie „Industrie 4.0 im globalen Kontext“ vermittelt den Eindruck von einem relativ gut aufgestellten Unternehmen zumindest in Deutschland. Die Studienautoren Henning Kagermann, Reiner Anderl, Jürgen Gausemeier, Günther Schuh und Wolfgang Wahlster (Hrsg.) wollten mit ihrer Untersuchung aus dem Jahr 2016 herausfinden, welche Chancen und Herausforderungen die internationale Zusammenarbeit im Bereich Industrie 4.0 birgt. Sie basiert auf über 150 Interviews und Gesprächen mit Fachleuten aus Deutschland, China, Japan, Südkorea, Großbritannien und den USA. Diese Länder gelten den Autoren zufolge als zukünftig bedeutende Anbieter von Industrie 4.0-Lösungen. Die Studie zeichnet zwar kein vollständiges Bild der europäischen Nationen, aber sie offeriert Industrie 4.0 Profile von den Ländern, in denen die Experten befragt wurden. Deutschland als führender Wirtschaftsnation in Europa attestieren sie in Sachen Industrie 4.0 bzw. Industrial Internet einen sehr guten Stand. Allerdings sehen die Autoren die „starke Technologieorientierung“ der deutschen Unternehmen nicht ganz unkritisch, weil sie „ökonomische Faktoren und Potenziale wie neue Geschäftsmodelle und intelligente Produkte oftmals“ nachrangig betrachten. Das sei vor allem in den USA anders. „Das Verständnis für Industrie 4.0 ist im Vergleich zu Deutschland (…) sehr viel breiter angelegt.“ US-Unternehmen seien insbesondere an der „Etablierung neuer Geschäftsmodelle und sogenannter Smart Services in Bezug auf das Industrial Internet interessiert. Entsprechend steht der verstärkt technologiegetriebenen deutschen Perspektive eine stark marktorientierte amerikanische Denkweise gegenüber.“

Die Empfehlungen der Autoren an die deutschen Unternehmen lassen sich sehr gut auf ganz Europa anwenden: Aktive Mitgestaltung der weiteren Entwicklung von Industrie 4.0 auf internationaler Ebene; Anbieten innovativer technischer Lösungen für hochflexible Wertschöpfungsketten, sowie sich Einbringen in die weltweiten Bemühungen um Standards und Normen. Außerdem raten die Autoren den großen Unternehmen, Produkte und Lösungen mit offenen Schnittstellen zu priorisieren. Das werde Ihnen die Verarbeitung der großen Datenmengen erleichtern, die aus dem IoT-Einsatz resultieren. Außerdem versetzen offen Systeme auch mittelgroße Unternehmen in die Lage, eigene Lösungen in die großen Plattformen zu integrieren. Auf diese Weise kann die Wirtschaft auf sehr viel breiterer Basis von IoT profitieren.

Die Mühlen der EU-Politik mahlen zu langsam

Doch nicht nur die Unternehmen, auch Politik und Verbände wie VOICE – Bundesverband der IT-Anwender oder der europäische Verband der Digital-Entscheider EuroCIO spielen eine gewichtige Rolle, wenn es darum geht, IoT in Europa zum Erfolg zu machen.

Die EU-Politik, allen voran die EU-Kommission mit Ihrem für den Digitalen Binnenmarkt zuständigen Vize-Präsident Andrus Ansip, der Digital Kommissarin Mariya Gabriel und dem EU-Science and Research Chief Carlos Modeas sind gefragt. Hauptsächlich in ihren Händen liegen die Aufgaben, einen gemeinsamen rechtlichen Rahmen für die Digitalisierung in Europa festzulegen, die Förder- und Forschungsgelder in die richtigen Bahnen zu lenken (Nachfolge von Horizon 2020 zum Beispiel) und Bildungspolitiker auf nationaler Ebene dabei zu unterstützen, das Digitale in Aus- und Weiterbildung zu verankern.

Es ist keine Frage, die EU-Kommission hat erkannt, dass Digitalisierung und IoT beherrscht werden müssen, um den europäischen Ländern auch in Zukunft wirtschaftlichen Erfolg zu sichern. Die Zahl der Projekte und Initiativen auf EU-Ebene ist beeindruckend. Doch die Ergebnisse lassen bisher nicht wirklich aufhorchen. Insgesamt scheinen die Mühlen der europäischen Politik zurzeit viel zu langsam zu mahlen, um mit den rasanten Entwicklungsschritten der Digitalisierung mithalten zu können. Die Verantwortlichen machen eher den Eindruck, hinter den Entwicklungen herzulaufen – zum Beispiel in Sachen EU-DSGVO, im Urheberrecht oder auch in der Schaffung besserer Investitionsrahmenbedingungen für innovative Start-ups, die zum Beispiel in den USA für einen großen Teil der Innovationen im Bereich Digitalisierung sorgen.

Agile Methoden könnten Politik beschleunigen

Natürlich ist es für eine so große Organisation wie die EU-Kommission, die viele zum Teil sehr unterschiedliche Interessen ausgleichen muss, nicht einfach, Rahmenbedingungen für die Digitalisierung und IoT zu schaffen, für Veränderungen und Entwicklungen also, die noch keineswegs auf breiter Ebene verstanden und deren Auswirkungen noch nicht abzusehen sind. Allerdings sollte sie versuchen, nicht nur mit traditionellen Politik- und Bürokratiemethoden den Herausforderungen der Digitalisierung zu begegnen. Vielleicht können hier aus der Wirtschaft adaptierte Methoden wie Design Thinking oder auch agile Entwicklung – agile politics quasi – helfen, schneller bessere Ergebnisse zu erzielen. Um die nötige Beschleunigung tatsächlich zu erreichen, sind allerdings agile Methoden nicht genug. Die Verantwortlichen müssen sich auch viel stärker auf die Wirkung ihrer Gesetze und Maßnahmen fokussieren, also besser einschätzen, welche Weichen zu stellen anstatt nur zu wissen, wie man sie von Stellung A nach B bewegt.

Damit Unternehmen die Herausforderungen von IoT- und Digitalisierung erfolgreich meistern und damit den wirtschaftlichen Erfolg der europäischen Gemeinschaft mit sichern können, sollte sich die EU-Kommission, aber auch die nationalen Regierungen mit folgenden Punkten intensiv auseinandersetzen:

  • Beschleunigte Entwicklung des digitalen Binnenmarktes.
  • Die Stärkung der Start-up-Szene über die Hotspots in London, Berlin und Stockholm hinaus durch den Ausbau des European Investment Fonds
  • Die Fortführung von Research- und Innovationsprogrammen wie Horizon 2020.
  • Die Förderung internationaler Standards und Normen.
  • Ausdehnen der Förderung von Security-Forschung.
  • Die Stärkung von digitaler Bildung und Weiterbildung.
  • Weiterhin selbstbewusst in Sachen Datenschutz und Privacy-Gesetzgebung agieren.
  • Die stärkere Einbeziehung von Anwenderunternehmen in Forschungs- und Innovationsprogramme der EU.
  • Die stärkere Einbeziehung der Bürger, um sie auf die bevorstehenden Veränderungen besser vorzubereiten.

Die Rolle der Anwenderverbände wie VOICE und EuroCIO in Sachen Digitalisierung und IoT ist in erster Linie die des Kommunikators und Interessenvermittlers. Sie stehen dabei ganz klar auf der Seite der Anwenderunternehmen und müssen sie unterstützen beim Wissenserwerb, durch die Schaffung von digitalen und analogen Austauschplattformen sowie durch die Kommunikation von Best Practices. Darüber hinaus sollten Anwenderverbände mit dafür sorgen, dass Unternehmen Schritt halten können mit den anstehenden Veränderungen. Dazu gehören auch der Kampf für faire Markt- und Lizenzbedingungen sowie für ausreichende und kluge Rahmenbedingungen, die einer erfolgreichen Digitalisierung in Europa zumindest nicht hinderlich sind. VOICE und EuroCIO haben die Aufgaben angenommen und arbeiten erfolgreich an ihrer Umsetzung. Immer mehr Unternehmen erkennen das und werden zu Mitgliedern.

Der Autor: Dr. Thomas Endres ist Vorsitzender des Präsidiums und Vorstand von VOICE-Bundesverband der IT-Anwender e.V. und Präsident der European CIO Association. Neben seiner Verbandstätigkeit ist Dr. Endres Digital-Unternehmer. Er unterstützt einerseits große und mittelgroße Unternehmen im Bereich New IT und Digitalisierung. Außerdem engagiert er sich als Finanzier und Coach in der digitalen Start-up-Szene. Darüber hinaus ist er Mitglied von Aufsichtsräten und Beiräten in Gesellschaften, in denen neue Technologien und die Digitalisierung eine wesentliche Rolle spielen. Von Oktober 2002 bis Oktober 2012 verantwortete Dr. Endres als Leiter und Chief Information Officer (CIO) den Bereich Konzern Informationsmanagement der Deutschen Lufthansa AG. Vor seiner Tätigkeit für Lufthansa arbeitete er für Audi und Eurofighter. In der Branche gilt der Spezialist für Prozesse und Innovation auch als ausgemachter Cloud-Experte. Dr. Endres ist Diplom-Ingenieur für Werkstoffwissenschaften. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.

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