Fehlerkultur als Erfolgsfaktor für Unternehmen

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Dr. Petra Bernatzeder, Diplom-Psychologin. Foto: privat

Dagmar Z. schaut nervös auf die Uhr. In 5 Minuten soll das Live-Meeting mit ihrem Chef und ihren Kollegen starten, aber ihr Laptop ist mal wieder abgestürzt. Verzweifelt versucht sie, ihn wieder zu starten, aber er hängt sich immer wieder auf. Dabei ist es doch besonders wichtig, gerade in dieser Telefonkonferenz von Anfang an dabei zu sein. Immerhin geht es um ihr größtes Projekt, in dem gerade einiges schiefläuft: Der Ansprechpartner beim Kunden hat sich über Dagmar und ihre Kollegen beschwert, weil sie bei der Projektplanung ein neues System eingesetzt haben. Dadurch würden zusätzliche Aufwände entstehen, die Zeit und Geld kosten. Nun hat Dagmar für diese Telefonkonferenz eine Präsentation vorbereitet, um die Details des neuen Planungssystems konkret besprechen zu können. Ihr Stresspegel steigt…. Was denken ihr Chef und die Kollegen über ihr Projekt und wie wird es wirken, wenn sie sich nun auch noch zu spät einwählt?

So wie Dagmar Z. geht es vielen Menschen. Die Unsicherheit ist groß, die Angst kriecht den Rücken hoch: Hat sie Entscheidungen bei der Projektplanung getroffen, die vielleicht falsch waren? Hätte sie noch mehr über dieses Projekt dokumentieren müssen oder ihren Chef stärker einbeziehen, um sich abzusichern? Aber sie schafft in der normalen Arbeitszeit sowieso kaum ihr Pensum.

Bis vor einiger Zeit wurden Entscheidungen „oben“ getroffen. Die Umsetzung dieser Entscheidungen wurde über mehrere Hierarchie-Stufen hinweg kontrolliert. Diese Kultur hat vielen Menschen Sicherheit gegeben, die Erwartungen waren klar. Diese Zeiten haben sich geändert. Flache Hierarchien, enge Vernetzung mit Kunden und Marktgeschehen, Flexibilität und schnelle Problemlösefähigkeit erfordern Mut und Gestaltungskraft. Dazu gehört die persönliche Übernahme von Verantwortung, die Lernfähigkeit, Entscheidungswille. Persönliche Schlüsselkompetenzen sind dafür: Perspektiven verändern, lernfähig bleiben und Risiken eingehen.

Damit diese Schlüsselkompetenzen wirksam werden können, ist ein konstruktiver Umgang mit Fehlern erforderlich. Denn wer neue Wege beschreitet, wird sich auch mal verlaufen. So ist der Umgang mit Fehlern die Nahtstelle zwischen persönlicher Bereitschaft alte Muster zu verlassen, gelebter Führungskultur und lernender Organisation.

Leider gibt es noch einige Organisationen, die „Doppelbotschaften“ aussenden. Einerseits wird Veränderungsbereitschaft gefordert, andererseits überwiegt eine „Nebel-Kultur“. Dieses Nebulöse zeichnet sich z.B. dadurch aus, dass Fachexperten in ihrer Funktion möglichst unklare Aussagen machen, Entscheidungen nach oben delegieren oder sich in langwierigen Prozessen nach allen Seiten absichern, sollten sie sich doch einmal zu einer klaren Aussage hinreißen lassen. Oder Fehler werden verschleiert, weil man offen oder indirekt bestraft wird. Es werden Schuldige gesucht und damit Klärungen im Keim erstickt.

Sobald Fehler als individuelles Versagen zum Stressfaktor werden, führt das dazu, dass sie vermieden oder vertuscht werden. Die Produktivität sinkt, schlechtes Gewissen macht sich breit – das alles drückt auf das Teamklima, führt zu weiteren Verunsicherungen … und die Spirale nach unten dreht sich schneller. Auf Dauer macht das krank und bremst Innovation und Kreativität aus.

Organisationen brauchen lern- und risikofreudige Menschen, um elastisch mit Veränderungsprozessen umzugehen. Der lösungsorientierte Umgang mit Fehlern ist das Bindeglied. Gemachte Fehler anzusprechen zeugt von persönlichem Mut und Vertrauen, damit konstruktiv umzugehen spricht für echte Führungsqualität.

Wie kann eine solche offene Kultur etabliert und gefördert werden? Es gibt gute Beispiele mit überschaubarem Aufwand. Und der lohnt sich. Denn eine konstruktive Fehlerkultur ist wesentliches Element einer agilen, erfolgreichen, „gesunden“ Organisation.

Dr. Petra Bernatzeder

Diplom-Psychologin

 

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