Telemedizin: Vom Krankenhaus zum Gesundheitsdienstleister

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Hybrid-OP in Rostock am 06.10.2011. Foto: Danny Gohlke

Telemedizin, das bedeutet die Nutzung digitaler Hilfsmittel zur Überwindung größerer Entfernungen bei medizinischen Sachverhalten. Oder konkreter: Telemonitoring, Teleradiologie und Telekonsultationen. In Zeiten steigender chronischer Erkrankungen und fehlender Ärzte in ländlichen Regionen ist die Telemedizin ein probates Mittel, um die Gesundheitsversorgung zu verbessern.

Der Einsatz der Telemedizin durch Ärzte und Krankenhäuser nimmt deutlich zu – auch und gerade aufgrund unserer digitalen Begleiter. In der Telemedizin gilt der Spruch „Not macht erfinderisch“. Und so kommt eines der ersten telemedizinischen Projekte überhaupt aus Bayern. 2003 startete in der Region Süd-Ost-Bayern das Projekt TEMPiS mit damals 12 regionalen Kliniken. Hintergrund war die nicht ausreichende Versorgung von Schlaganfallpatienten in der Region. Nicht jede Klinik verfügte über Neurologen und große Unikliniken waren oft zu weit weg, um sie mit dem Patienten anzusteuern. Beim Schlaganfall zählt jede Minute. Mittels des telemedizinischen Netzwerks TEMPiS wurden Telekonsultationen mit Neurologen größerer Kliniken durchgeführt, sodass den Patienten umgehend geholfen werden konnte. Mittlerweile ist das Projekt das größte telemedizinische Schlaganfall-Netzwerk der Welt.

Um die Entwicklung der Telemedizin zu fördern, wurde der Innovationsfonds ins Leben gerufen. Dieser fördert mit 300 Millionen Euro zwischen 2016 und 2019 Projekte zu neuen Versorgungsformen und zur Versorgungsforschung. „Für die neuen Versorgungsformen wurden in der ersten Förderwelle 29 Projekte und in der zweiten Förderwelle 26 Projekte beschlossen, zur Versorgungsforschung bisher 62 Projekte“, sagt Kristine Reis vom Gemeinsamen Bundesausschuss. Für den Spätsommer dieses Jahres sei die Bekanntgabe von weiteren Förderbekanntmachungen geplant.

Eines der vom Innovationsfonds geförderten Projekte ist „HerzEffekt MV“der Universitätsmedizin Rostock (UMR). Das erhält in den kommenden drei Jahren eine Förderung in Höhe von 14 Millionen Euro. Das Projekt startet im Oktober und richtet sich an Patienten mit Rhythmusstörungen, Hypertonus und Herzinsuffizienz. Diese erhalten von der UMR Waagen, Blutdruckmessgeräte, Aktivitätstracker und andere Wearables. Die gemessenen Werte des Patienten gehen automatisch an die Universitätsmedizin, werden dort gespeichert und ausgewertet.

Herr Schmidt, die Digitalisierung in der Gesundheitsbranche ist eng mit der Telemedizin verknüpft. Was bedeutet Telemedizin für die Universitätsmedizin Rostock?

In einem Land wie Mecklenburg-Vorpommern ist die Telemedizin ein ganz wichtiger Faktor, um unsere Patienten auch außerhalb des Krankenhauses zu erreichen. Wir haben in Rostock damit begonnen, uns als Gesundheitsdienstleister breiter aufzustellen. Das heißt, wir vernetzen uns mit unseren Kollegen, den Krankenhäusern und auch mit den Patienten.

Was bedeutet das konkret?

Wir arbeiten an  einem regionalen Gesundheitsnetzwerk, das nach Indikationsgruppen funktioniert. Mit Hilfe digitaler Medien und unseres sogenannten Care-Centers wollen wir die Versorgung der Patienten auf dem Land verbessern. Wie bei unserem Programm „HerzEffekt MV“, in dessen Rahmen wir Spitzenmedizin zu Herzkranken bringen.

In unserem Care-Center arbeiten Krankenschwestern und erfahrene medizinisch-technische Assistenten (MTA). Hier laufen im Rahmen der Telemedizin und Telekonsultation Informationen zusammen: Patienten werden mit tragbaren digitalen Geräten ausgestattet, die gemessene Werte in unser Haus übertragen.  Mit Hilfe einer intelligenten Software können unsere Mitarbeiter Abweichungen erkennen und diese durch Gespräche mit dem Patienten aufklären beziehungsweise beheben, indem sie eine Weiterbehandlung anstoßen.

Wie wird die Telemedizin von Patienten aufgenommen?

Unsere Patienten vor allem auf dem Land schätzen es und freuen sich, dass ihr Gesundheitszustand intensiv und verlässlich von Spezialisten nachverfolgt wird. Sie wissen, dass sich da jemand wirklich um sie kümmert – mit aller vorhandenen Expertise.

Geräte wie Tablets senden die Werte des Patienten an ein Experten-Telefoncenter im Krankenhaus. Foto: Unimedizin Rostock, Artefact

Eignet sich Mecklenburg-Vorpommern besonders gut dafür?

Mecklenburg-Vorpommern ist ein ideales Modellland. Wir haben zum Beispiel fünf auf das Herz spezialisierte Krankenhäuser und 27 niedergelassene Kardiologen in diesem Bundesland. Zusammen mit den Allgemeinärzten mit kardiologischem Schwerpunkt sind es 47 Ärzte. Wenn wir so ein Projekt wie HerzEffekt in Nordrhein-Westfalen starten würden, wäre das weitaus schwieriger. Allein im näheren Kölner Einzugsgebiet  gibt es über 400 niedergelassene Kardiologen.

Wie stark unterstützen die Krankenkassen die Telemedizin?

Die Krankenkassen haben ein großes Interesse daran, dass die Qualität der Versorgung besser wird und ein Patient beispielsweise nach einem Krankenhausaufenthalt auf einer angepassten Versorgungsstufe weiterbehandelt wird. So entwickeln wir gemeinsam mit ihnen  regionale Versorgungsmodelle, die vor allem die chronisch kranken Patienten im Blick haben. Diese Patienten müssen  rechtzeitig der besten Versorgung zugeführt werden. Unser Ziel ist es, sogenannte Forecast-Modelle zu entwerfen. Frühzeitig sollen Auffälligkeiten in den Messwerten gesehen und behandelt werden, sodass es gar nicht erst zu einer Notfallbehandlung kommen muss.

Wie viele Patienten profitieren derzeit von der Telemedizin in Rostock?

Im Telemonitoring haben wir 200 Patienten. Bei „HerzEffekt MV“sollen es etwa 3000 sein. Und von den etwa 65 000 Schmerzpatienten in Mecklenburg-Vorpommern wollen wir am Ende möglichst zwischen fünf und zehn Prozent in unser Telemonitoring eingebunden haben.

Die selbstfahrende Klinik Aim, die selbstständig zum Patienten fährt, falls dessen Werte nicht stimmen – Werte, die mit Wearables und intelligenten Einrichtungsgegenständen im Smart Home gesammelt würden. Foto: Unimedizin Rostock, Artefact

Und wie decken Sie die Kosten für die Entwicklung der Programme?

Zum Beispiel über den Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA). Wir konzipieren lohnende Projekte und besprechen anschließend die Feinabstimmung mit den Krankenkassen. Denn um sich beim Innovationsfonds für unser „HerzEffekt“-Programm zu bewerben, brauchten wir zwei Krankenkassen, die unser Projekt unterstützen. Nur so konnten wir den Zuspruch für eine 100-Prozent-Förderung erhalten. Wenn das „HerzEffekt“-Programm erfolgreich evaluiert ist und der Mehrwert für viele Patienten erwiesen ist,kann es in die Regelversorgung überführt werden. Unsere Kosten decken wir auch über Förderprogramme des Landes und integrierte Versorgungsverträge, die wir mit den Krankenkassen schließen.

Wo sehen Sie die Telemedizin in den kommenden 20 Jahren?

Künftig werden wir weniger Ärzte und Pflegekräfte zur Verfügung haben. Mit Telemedizin und digitalen Angeboten können wir einiges von dem drohenden Personalmangel auffangen. Der Arzt hat so mehr Zeit, sich seinen Patienten bestmöglich zu widmen. Vor allem für viele chronisch Erkrankte wird die Telemedizin eine gute Ergänzung zum persönlichen Arztbesuch sein.  Sie wird viele Krankenhäuser mit einer Spezialisierung auf bestimmte chronische Patienten in die Lage versetzen, diese besser nachzuverfolgen.

Sehen Sie sich die Diabetiker-App MySugr aus den USA an: Eine Million Nutzer, 1.000 Downloads pro Tag und 700 Millionen Datensätze. Das ist gigantisch. Allein für Forschungen, Studien und zur Entwicklung neuer Behandlungsansätze sehe ich in solchen Online-Portalen eine Riesenchance, mit derart großen Datenmengen auch die Therapie gut anzupassen.

Vielleicht kann man dann mit abgestuften Versorgungskonzepten und mit weniger Leuten eine bessere Versorgung bieten, weil nicht immer gleich ein Arzt zum Patienten kommt, sondern erst einmal eine Krankenschwester, die die Erstbetreuung übernimmt.

In der selbstfahrenden Klinik würde vorerst mit einer künstlichen Intelligenz gesprochen werden. Im Ernstfall würde der Patient mit einem Spezialisten verbunden und im Notfall selbstständig zum nächsten Krankenhaus gebracht werden. Foto: Unimedizin Rostock, Artefact

Die Zahl der niedergelassenen Ärzte lag Ende 2016 der Bundesärztekammer zufolge bei 2.219. Viele fürchten, dass der Ausbau der Telemedizin zu einem weiteren Ärzteschwund im ländlichen Raum führt. Sehen Sie das auch so?

Eine App ersetzt keinen Arzt. Es handelt sich vielmehr um eine gute Ergänzung. Sie kann vielleicht sogar die Zeit, die der Arzt dem Patienten im persönlichen Gespräch widmet, verlängern, da sie den Workflow optimiert.

Können Start-ups von dem Vormarsch der Telemedizin profitieren?

Ich habe schon eine ganze Reihe beindruckender Start-ups in der Branche gesehen und gute Kontakte zu Markus Müschenich von Flying Health in Berlin, ein Unternehmen, das Start-ups auf dem Weg zum Markteintritt von neuen digitalen Diagnose- und Therapieansätzen begleitet. Ein von Flying Health unterstütztes Start-up ist Caterna. Das Arbeitsansatz ist eine therapeutische App, die man auf Rezept verordnen kann. Ein tolles Projekt für Kinder mit Amblyopie. Das ist eine funktionelle Sehstörung, bei der das Gehirn nicht genau erkennt, was das Auge ansieht. Caterna hat deshalb ein Programm entwickelt, bei dem die Kinder ein Videospiel spielen und im Hintergrund ein Balkendiagramm läuft. Die Balken sind das Therapiestück des Programms. Damit können die Kinder spielend ihr Sehvermögen verbessern. Wenn die Start-ups gute Produkte und Apps entwickeln, ist das eine Bereicherung.

Im Februar letzten Jahres wurde das Lukaskrankenhaus in Neuss von Hackern angegriffen. Wie können Sie einen Hackerangriff verhindern?

Es gibt Datenschutzrichtlinien, vergleichbar mit dem Online-Banking, zu deren Einhaltung wir gesetzlich verpflichtet sind. Aber wir sehen auch, dass wir unsere Systeme weiter schützen müssen. Das bedeutet regelmäßig Nachjustierung und Updates.

Wie sehen Sie Deutschland hier im Vergleich zu anderen Ländern?

Ich bin demnächst wieder in den USA. Dort gibt es deutlich mehr Telemedizin als in Deutschland. In den großen Krankhäusern läuft die Nachbetreuung chronisch kranker Patienten flächendeckend per App.

Die USA sind aber auch grundsätzlich anders aufgestellt. Sie stecken viel mehr Geld in die IT ihrer Krankenhäuser. Es gibt einen regen Austausch zwischen den Software-Companys. Die klinischen Informationssysteme und Geräte kommunizieren miteinander. Der Dienstleistungsgedanke ist stärker ausgeprägt. Man bietet dem Patienten an, seine Daten in Form einer App mitzunehmen. All das ist bei uns in Deutschland noch nicht üblich. Wenn wir hier auch digitale Welten wollen, müssen wir mehr in IT investieren.

Kann man dank Telemedizin zukünftig auch die Abgabe von Medikamenten über die Implantate regeln?

Man arbeitet im Moment daran, bei Diabetikern Typ 1 ein implantierbares Insulinreservoir einzusetzen, das über einen kleinen Computer das Insulin des Erkrankten misst. Ziel ist es, aus diesem Reservoir nach der Messung die notwendigen Insulinmengen freizugeben.  Ob man so etwas telemedizinisch einbinden sollte, sei dahingestellt. Telemedizin muss  für die Patienten einen Mehrwert haben und sicher sein. Informationen und Messdaten erfassen und den Patienten einbestellen, ist gut. Aber wenn Sie irgendwann mal 6.000 Patienten mit Schrittmachern fernwarten und es hackt jemand den Account und stellt alle Schrittmacher ab, dann haben wir ein Problem. Deshalb müssen wir gut prüfen, wie viel Technik wir zulassen. Am Ende muss der Mensch die Technik beherrschen und nicht umgekehrt.

Prof Dr. Christian Schmidt ist Ärztlicher Vorstand und Vorstandsvorsitzender der Universitätsmedizin Rostock. Foto: Unimedizin Rostock, Artefact

Selbstfahrende Klinik

Lange Wartezeiten in den Krankenhäusern oder beim Arzt könnten bald der Vergangenheit angehören. Die Artefact Group aus Seattle hat ein Konzept entwickelt, welches die Telemedizin noch einen Schritt weiter denkt: die selbstfahrende Klinik Aim. Grundlage für die zukünftige medizinische Behandlung bzw. Therapie sind verschiedene mobile Messgeräte, wie wir sie bereits aus dem Telemonitoring kennen. Wearables wie Aktivitätstracker, Blutdruckmessgeräte sammeln  hierfür zusammen mit smarten Einrichtungsgegenstände in der Wohnung (Toilette, Badezimmerschrank) die Daten des Patienten.

Eine sich stets verbessernde künstliche Intelligenz soll bei Aim die gesammelten Daten überwachen. Kommt es zu beunruhigenden oder nicht erklärbaren Werten würde eine selbstfahrende Klinik direkt zum Patienten fahren, um eine weitergehende Diagnose durchzuführen. In der selbstfahrenden Klinik befände sich kein realer Arzt. Vielmehr würde mit einer künstlichen Intelligenz gesprochen, die vor Ort auch gut bekannte, frei zugängliche Medikamente zur Verfügung stellen könnte. Stuft die künstliche Intelligenz den Zustand des Patienten jedoch als ernst ein, würde der Patient über eine sichere Leitung mit einem Spezialisten verbunden oder direkt in die Notaufnahme gefahren werden.

Das Konzept der Artefact Group ist hinsichtlich aktueller Gesetzgebungen in Europa und aufgrund fehlender technischer Voraussetzungen noch nicht unmittelbar vor der Umsetzung. Jedoch zeigt es, welche Möglichkeiten die Telemedizin bietet und wie sie sich möglicherweise in den kommenden Jahren entwickeln wird.

Anika Schwalbe

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