Businesswelt statt revolutionäre Luftblase: ein Plädoyer für private Blockchains

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Blockchain image by Davidstankiewicz is licensed under CC SA 4.0
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 / 18. Juli. 2017

Sie sind angetreten, die Welt im Allgemeinen und den Finanzsektor im Besonderen zu revolutionieren: Kryptowährungen und die damit verbundene Blockchain wollen Banken überflüssig machen. Nächstes Jahr feiert der Bitcoin seinen zehnten Geburtstag. Viele Jahre hat er im Verborgenen verbracht – mittlerweile ist er zum Hypethema mutiert. Der Schlüssel zum Erfolg liegt aber weniger in der Revolution als im Realismus.

Fehlende Skalierbarkeit als Showstopper

Aufgrund ihrer fulminanten Kursentwicklung sichern sich Kryptowährungen immer wieder einen Platz in den Schlagzeilen, ihr realer Einfluss auf die Wirtschaft ist jedoch nach wie vor sehr begrenzt: Reichen Chinesen mögen sie als Fluchtwährung dienen, in Indien schließen sie Lücken, die durch das Verbot großer Banknoten entstanden sind, und in Europa und Nordamerika dienen sie Spekulanten als Revier – der große Durchbruch sieht anders aus. Interessant wird es erst mit Blick auf das Rückgrat der Kryptowährungen: die Blockchain. Sie bietet Potenzial für nachhaltige Veränderungen von Geschäftsprozessen. Ihre besondere Stärke: Vertrauen zwischen Beteiligten herstellen, ohne dass diese sich kennen müssen.

Ausbleiben wird allerdings der gerne prophezeite Umbruch bei Systemen zur Abwicklung des Inlandszahlungsverkehrs. Ein Traum, der schon an der Anzahl der Vorgänge zerplatzen wird: 2015 wurden in Deutschland ca. 19 Milliarden elektronische Zahlungstransaktionen durchgeführt und damit das 200-Fache der weltweiten Bitcoin-Transaktionen 2016. Die zugehörige Blockchain umfasst deutlich über 100 GB – überträgt man dies auf die Abwicklung des allgemeinen Zahlungsverkehrs, so würden sich utopische Dimensionen im Tera- oder gar Petabytebereich ergeben. Die fehlende Skalierbarkeit der Blockchain erweist sich als knallharter Showstopper. Zudem sind Massenzahlungssysteme bereits heute hocheffizient und verursachen Grenzkosten im Centbereich, haben kaum Ausfälle und sind hochverfügbar. Ganz abgesehen von der Tatsache, dass einer breiten Nutzung öffentlicher Blockchain-Systeme juristische Fragen entgegenstehen, die bisher kaum adressiert, geschweige denn gelöst sind.

Drei Erfolgskriterien für die Blockchain

Sucht man nach Feldern für einen erfolgreichen Praxiseinsatz der Blockchain, dann ergeben sich aus der bisherigen Argumentation drei logische Schlussfolgerungen:

  1. Die Anzahl der Geschäftsvorfälle muss überschaubar sein.
  2. Es muss sich um eine überschaubare Community handeln, die sich vorab über einen Rechtsrahmen verständigt.
  3. Damit durch den Einsatz der Blockchain Effizienzpotenzial gehoben werden kann, müssen die Geschäftsprozesse eine gewisse Komplexität aufweisen.

Praxisbeispiel: Effizienz im dokumentären Zahlungsverkehr

Kurz- und mittelfristig liegt das Potenzial der Technologie in privaten Blockchains zwischen Partnern, die bereits Geschäftsbeziehungen pflegen. Ein Musterbeispiel ist der dokumentäre Zahlungsverkehr. Der Im- und Export haben für die deutsche Wirtschaft große Bedeutung: von Juni 2016 bis Mai 2017 wurden Waren im Wert von 1.242 Milliarden Euro aus- und Waren im Wert von 995 Milliarden Euro eingeführt. 60 Prozent der Exporte gehen in EU-Länder, vielfach kommen die Handelspartner aber aus Schwellen- oder Entwicklungsländern. Damit entstehen Risiken, die aktuell über das dokumentäre Auslandsgeschäft der Banken abgesichert werden: Die Bank des Exporteurs garantiert, dass die gekauften Güter tatsächlich geliefert werden, und die des Importeurs, dass der vereinbarte Geldbetrag zur Zahlung kommt. So kommen die Parteien zusammen – ohne sich gegenseitig kennen und vertrauen zu müssen. Aus dem abstrakten Handel wird ein Zug-um-Zug-Geschäft der klassischen Art: Ware gegen Geld. Ein Prozess, mit hohem manuellem Aufwand und erheblichem Potenzial für die Blockchain. Ein Konsortium der Bank of America, Merrill Lynch, HSBC und der Infocomm Development Authority of Singapore hat 2016 einen Proof of Concept vorgestellt: Die einzelnen Geschäftsschritte wurden auf einer privaten Blockchain implementiert und liefen anschließend automatisiert ab. Gerade für eine Exportnation wie Deutschland wäre es von großer Bedeutung, wenn hier der Schritt aus dem Labor in die Realität gelingen würde.

Vom Hype zu privaten Blockchains

Ohne Frage kann die Blockchain für frischen Wind in der Businesswelt sorgen, vor allem dann, wenn komplexe Verträge auf kleine Stückzahlen treffen. Hier ist Raum für programmierbare Blockchains, auf welchen Smart Contracts implementiert werden können. Diese elektronischen Verträge überwachen – wie im Praxisbeispiel impliziert – hinterlegte Regeln automatisiert und führen beim Vorliegen eines Triggers definierte Aktionen selbsttätig aus. An der Schnittstelle von Wirtschaft, Informatik und Rechtwissenschaften ergeben sich so vollkommen neue Möglichkeiten.

Dem Blockchain-Freak mag dies als Gräuel erscheinen – verschwindet das Revolutionäre doch ein Stück weit. Banken werden nicht überflüssig, sondern erledigen Geschäftsvorfälle schneller und effizienter. Es werden nicht etablierte Institutionen durch ein System ersetzt, sondern sie machen sich das System zunutze. Es scheint nicht selten, als habe die Bitcoin-Community den wesentlichen Vorteil der Blockchain noch gar nicht erkannt: Es ist ein System mit minimalen Vorabkosten und prädestiniert für kleine Communities und geringe Stückzahlen. Private Blockchains schaffen Manipulationssicherheit, Verlässlichkeit und Transparenz. Das revolutioniert nicht die Welt, aber verbessert etablierte Geschäftsprozesse signifikant.

Franz Nees ist Autor des Artikels über private Blockchains.
Der Autor: Franz Nees, Professor und Dekan der Fakultät für Wirtschaftsinformatik, Hochschule Karlsruhe und Mitglied des Strategiebeirats der PASS Consulting Group
Prof. Franz Nees war nach dem Abschluss seines Studiums der Volkswirtschaftslehre in Marburg mehrere Jahre im IT-Bereich der DZ Bank tätig, zuletzt als Prokurist und Abteilungsleiter. 1995 wechselte Nees als Professor an die Fakultät für Informatik und Wirtschaftsinformatik der Hochschule Karlsruhe. Dort lehrt er Informationstechnologie in der Finanzwirtschaft, Volkswirtschaftslehre und International Finance. Sein Forschungsschwerpunkt beschäftigt sich mit dem Einsatz von IT auf Finanzmärkten. Seit 2016 ist er Dekan der Fakultät. Nees ist Mitglied des Strategiebeirats der PASS Consulting Group und unterstützt das Unternehmen bereits seit 1996.
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