Wie wollen wir leben?

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Tamara Dietl
Tamara Dietl. Foto: Privat

Kolumne von Tamara Dietl

Es gibt einen Gedanken, der mich nun schon seit fast 40 Jahren so intensiv begleitet, wie sonst kein anderer. In den unterschiedlichen Phasen meines bisherigen Lebens hat er immer wieder eine existentiell wichtige Bedeutung bekommen und ist damit zu einem Leitmotiv geworden, das je nach Situation mal lauter und mal leiser durch mein Leben summt. Dieser Gedanke ist weltberühmt und er stammt von dem großen Philosophen Immanuel Kant. Es handelt sich um sein „Sapere aude“ – was ungefähr so viel heißt wie: Habe den Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen! In den letzten Monaten ist aus diesem Summen ein lauter Chor geworden. Mit jeder neuen Meldung, oder besser gesagt mit jeder neuen Enthüllung über sogenannte Fake-News schwillt er immer stärker an und erinnert mich mit Pauken und Trompeten daran, welche Verantwortung ich selber trage im Umgang mit Facebook, Twitter und Co. –  jenen sogenannten sozialen Medien, die angesichts der Lügenmaschinerie, zu der sie sich gerade zu entwickeln scheinen, für mich mehr und mehr zu asozialen Medien werden.

Den Kant’schen Text „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ hatte ich zum ersten Mal gelesen als ich sechzehn war. So wie Tausende Schüler vor und auch nach mir hatten wir ihn im Unterricht durchgenommen: Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.

Ich kann mich noch sehr gut an die Empfindung erinnern, die dieser Text damals in mir auslöste. Es war weniger ein kognitives Verstehen, als vielmehr ein Gefühl, dass diese Sätze über das „selber Denken“ von großer Bedeutung sind. Aber verstanden im Sinne einer Einsicht habe ich den Text natürlich noch nicht –  auch wenn ich damals sicher einen ganz schlauen Aufsatz darüber geschrieben habe. Die weitreichende Bedeutung der Kant’schen Aufforderung zum Selber-Denken für mich selbst und mein Leben in einer aufgeklärten, demokratischen und humanistischen Gesellschaft habe ich erst im Laufe der Zeit begriffen.

Die Überwindung dieser „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ scheint mir im Moment gerade einmal wieder mehr als geboten zu sein. Gerade weil sich die Zuckerbergs dieser Welt so schwer tun, sich zu ihrer unternehmerischen und politisch-gesellschaftlichen Verantwortung zu bekennen. Eine Verantwortung, die eine deutliche Verfolgung und Verurteilung der kriminellen Machenschaften, die ihre Netzwerke für propagandistische, populistische und anti-aufklärerischen Zwecke missbrauchen, bedeuten würde.

Wir können uns gegen viele Angriffe aus dem Netz als Individuen nicht selber wehren. Gegen Hacker- und Cyberattacken, gegen Shitstorm und vieles andere, das wir derzeit massiv erleben und das uns die Kehrseite, die dunkle Seite der neuen, grenzenlos medialen Möglichkeiten des Netzes auf erschreckende Weise zeigt. Dafür brauchen wir den Staat und neue Gesetze.

Woher wir uns allerdings unsere Informationen holen, welchen Medien und Quellen wir vertrauen und welchen wir dringend misstrauen sollten – das können wir selber bestimmen. Eigenverantwortlich und ganz im Sinne von Kant. Denn wir sind mündig, weil es uns nicht an Verstand mangelt. Wir brauchen dafür nur den Entschluss und den Mut uns unseres Verstandes ohne die Leitung eines anderen zu bedienen.

Von Tamara Dietl

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