Intelligent, dieser vernetzte Fahrplan…

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Bosch-Showcar auf der CES 2016: Armaturenbrett und Mittelkonsole sind in einem rein elektronischen Display vereint, die Inhalte passen sich der aktuellen Umgebung des Fahrzeugs an. Foto: Bosch

Autos, die selbstständig parken und sich fast alleine durch Autobahnstaus manövrieren– diese Technologien haben nicht etwa Entwickler im Silicon Valley erfunden, sondern Ingenieure des schwäbischen Traditionsunternehmens Bosch.

Bosch und die Autos verbindet so etwas wie eine Langzeitbeziehung. 1886 eröffnete der Firmenvater Robert Bosch seine „Werkstätte für Feinmechanik und Elektrotechnik“ in Stuttgart. Elf Jahre später kam Boschs „Niederspannungs-Magnetzündung“ das erst Mal in einem Kraftfahrzeug zur Anwendung. Was Robert Bosch da wohl nicht ahnte war, dass seine Firma 129 Jahre später zu einem Milliardenkonzern herangewachsen sein würde: 70,6 Milliarden Euro Umsatz machte die Bosch-Gruppe 2015, rund zehn Prozent mehr als noch im Vorjahr und etwa 375 000 Mitarbeiter arbeiteten 2015 in dem Unternehmen.

Transformationsziel Internet of Things

Der Mittelbereichsradarsensor Front von Bosch erlaubt Assistenzfunktionen wie ein Notbremssystem oder eine Adaptive Abstands- und Geschwindigkeitsregelung (ACC). Foto: Bosch
Der Mittelbereichsradarsensor Front von Bosch erlaubt Assistenzfunktionen wie ein Notbremssystem oder eine Adaptive Abstands- und Geschwindigkeitsregelung (ACC). Foto: Bosch

Ebenso wenig hatte Robert Bosch wohl eine Vorstellung, mit welchen Technologien sich die Mitarbeiter seiner „Werkstätte“ in der Zukunft auseinandersetzen würden. Die Rede ist vom Internet of Things (IoT), der kompletten und allgegenwärtigen Vernetzung von Lebenswelten mit dem Internet. Und genau in diesem Bereich will sich Bosch zum Spitzenreiter entwickeln: Bosch soll eines der weltweit führenden IoT-Unternehmen werden. Bei Bosch geht man davon aus, dass schon 2022 14 Milliarden Geräte weltweit miteinander vernetzt sein werden. Wer eine solche Zukunft erwartet, kann kaum anders, als das IoT zum Teil der Unternehmensstrategie zu erklären.

Für dieses Ziel bietet der Großkonzern reichlich Entfaltungsraum. Die Bosch-Gruppe umfasst die Robert Bosch GmbH, zu der rund 440 Tochter- und Regionalgesellschaften in 60 Ländern zählen. Seit April 2015 ist Dr. Markus Heyn einer der Geschäftsführer der Robert Bosch GmbH. Er ist zuständig für den Verkauf Kraftfahrzeugerstausrüstung sowie die Zentralfunktion Marketing und Verkauf. Heyn verantwortet zudem den Geschäftsbereich Automotive Aftermarket sowie die Tochtergesellschaften ETAS GmbH und Bosch Engineering GmbH. Wenn er könnte, sagt Heyn, würde er Robert Bosch heute von der immer noch bestehenden unternehmerischen Unabhängigkeit und dem Wertebewusstsein der Firma erzählen. Dinge, die schon für den Gründer unverzichtbar waren. „Lieber Geld verlieren als Vertrauen“, zitiert ihn Heyn.

Vernetztes Showcar

Hochautomatisiertes Fahren steigert nicht nur Sicherheit und Effizienz: Das vernetzte Auto wird zum persönlichen Assistenten. Foto: Bosch
Hochautomatisiertes Fahren steigert nicht nur Sicherheit und Effizienz: Das vernetzte Auto wird zum persönlichen Assistenten. Foto: Bosch

Heyns Lieblingsbeispiel zum IoT bei Bosch ist aktuell ein vernetztes Auto, das Bosch-Showcar, das die Firma 2016 bei der Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas vorgestellt hat: Ein komplett vernetztes Fahrzeug samt Autopilotfunktion. Integriert ist außerdem eine Touchscreen-Technologie, die mit haptischen Rückmeldungen das Gefühl echter Bedienknöpfe simuliert, so dass die Orientierung beim Bedienen auch ohne hinzusehen möglich ist. Der Nutzer kann dabei verschiedene Bedienoberflächen von samtig über rau bis gläsern wählen, über das Display bedient der Fahrer Infotainment-Anwendungen wie Navigation, Radio oder Smartphone-Funktionen. Für diese Komponente gewann das Unternehmen den CES 2016 Innovation Award.

Der eigentliche Clou an dem Fahrzeug sei aber, so Heyn, dessen komplette Vernetzung mit dem Smart Home: Funktionen im Haus wie die Heizung oder die Sicherheitstechnik lassen sich jederzeit vom Fahrzeug aus steuern. In der Praxis könnte das so aussehen: Das Auto fährt automatisch auf den Hof des Grundstücks – dank aktivierbarer Autopilotfunktion – vernetzt sich mit dem Haus und könnte den Fahrer im Zweifel noch vor dem Aussteigen alarmieren, sollten sich ungebetene Gäste im Haus befinden. Ebenso erhält der Fahrer unterwegs eine Nachricht, wenn beispielsweise ein Paketbote vor der Türe steht. Dann kann er ihn ganz einfach per Klick auf das automobile Display einlassen.

Bosch stellt sich smart auf

Bosch startet Elektro-Scooter-Sharing in Berlin. Foto: Bosch
Bosch startet Elektro-Scooter-Sharing in Berlin. Foto: Bosch

Der CES-Erfolg ist nur ein Beispiel für zahlreiche weitere Entwicklungen des Unternehmens im IoT. Denn schon jetzt ist Bosch in allen Kernbereichen der digitalen Vernetzung aktiv: Mit intelligenten und vernetzten Geräten, Softwareplattformen sowie Anwendungen und Dienstleistungen. Rund 40 Prozent der Produktklassen von Bosch sind bereits heute mit dem Internet verbunden. In der Praxis heißt das: Bei Bosch gibt es Produkte und Dienstleistungen für das smarte Zuhause, die vernetzte Fabrik, die vernetzte Stadt und automatisiertes Fahren.

So können Kunden mit dem Smart-Home-Controller schon heute verschiedene Geräte im Haushalt bedienen, kontrollieren und vor allem miteinander kommunizieren lassen. Dass Bosch aber verstärkt an Technologien zur smarten Vernetzung von Fahrzeugen und Mobilität arbeitet, liegt auf der Hand. Erst im August 2016 hat das Unternehmen mit einem Sharingdienst für elektrisch angetriebene Roller in Berlin einen neuen webbasierten Service gestartet. Unter der eigenständigen Marke Coup bietet Bosch als reiner Betreiber sehr hochwertige eScooter für Fahrten in der Innenstadt an. Gebucht, reserviert und abgerechnet wird durchgängig per App.

Schwerpunkt Automobilindustrie

Baustellen, stockender Verkehr und Verkehrszeichen – die neue Stereo-Videokamera von Bosch liefert den Assistenzfunktionen alle erforderlichen Daten. Foto: Bosch
Baustellen, stockender Verkehr und Verkehrszeichen – die neue Stereo-Videokamera von Bosch liefert den Assistenzfunktionen alle erforderlichen Daten. Foto: Bosch

Die Automobilindustrie ist weiterhin die Haupteinnahmequelle des Konzerns. Stand 2015 machte Bosch mit rund 59 Prozent mehr als die Hälfte seines Umsatzes mit dem Zuliefergeschäft für die Automobilbranche. Gebündelt ist das Geschäft im Bereich Mobility Solutions. Dort fließen die drei Domänen zukunftsorientierter Mobilität – Automatisierung, Elektrifizierung und Vernetzung – zusammen. In den vergangen Jahren gelang es dem Unternehmen, auch ohne konjunkturellem Rückenwind überproportional zu wachsen. Treiber sind die weiter hohe Nachfrage nach effizienten Antriebssystemen sowie nach Produkten für Anzeige, Infotainment und Fahrassistenz – sprich den Techniken zur intelligenten Vernetzung und Steuerung von Fahrzeugen.

Dass Bosch das IoT vor allem in seinem Unternehmenskernbereich vorantreibt, ist logisch. Boschs Forschungsfahrzeuge sind schon jetzt hochautomatisiert auf öffentlichen Straßen in Deutschland, Kalifornien und in Japan unterwegs. Und, so Heyn: „Auch die Google-Fahrzeuge fahren mit Bosch-Technik.“ Entsprechend sind die Technologieunternehmen im Silicon Valley erst einmal keine Wettbewerber, sondern zusätzliche Kunden.

Rund 2500 Entwickler arbeiten bei Bosch an der Fahrerassistenz und dem automatisierten Fahren. Doch bis auch Max Mustermann im vollautomatisierten Auto über die Straßen Deutschlands brettert, werden wohl noch ein paar Jahre vergehen. Zumindest, wenn es um Technologien aus dem Hause Bosch geht. Denn das Unternehmen setzt auf den phasenweisen Aufbau, untergliedert die Entwicklungsschritte für Fahren und Parken in „assistiert-teilautomatisiert-hochautomatisiert-vollautomatisiert“. Im Prinzip geht es um eine Art evolutionäre Weiterentwicklung der Fahrerassistenz. Der Grund für diese Herangehensweise sei, so Heyn, zunächst in den technisch beherrschbaren Bereichen zu starten. Autobahnfahrten, Stausituationen oder Parkhäuser – all das seien Bereiche, in denen sich dem autonom fahrenden Auto naturgemäß weniger Hindernisse in den Weg stellten als im Stadtverkehr oder auf der Landstraße.

Teilautomatisiertes Fahren und vollautomatisiertes Fahren

Markus Heyn auf dem 62. Internationalen Motorpressekolloquium. Foto: Bosch Foto: Sebastian Feld
Markus Heyn auf dem 62. Internationalen Motorpressekolloquium. Foto: Bosch

Eines der jüngsten Beispiele für die Entwicklungen Boschs im Bereich des teilassistierten Fahrens ist der Stauassistent, der 2015 in Serie ging: Das System sorgt während eines Autobahnstaus für die Längs- und Querführung des Autos, indem es selbstständig anfährt, beschleunigt, bremst und zumindest innerhalb fester Grenzen sogar lenkt. Den Sitz zurückklappen und in ein Buch vertiefen kann sich der Fahrer deswegen noch lange nicht: Er muss das System überwachen und bereit sein, es jederzeit vollständig zu übernehmen. Lenkräder wird es also vorerst weiterhin geben, auch nach 2020. Geplant sei, sagt Heyn, dass bis dann der Autobahnpilot technisch serienreif sei. Darüber hinaus arbeitet Bosch an Lösungen für Community-Based Parking. Dieses vernetzte System, bei dem die Autos untereinander Standortinformationen austauschen, soll frei verfügbare Parkplätze am Straßenrand leichter auffindbar machen. Solche Produkte eröffnen Bosch auch einen erweiterten Kundenstamm: Laut Heyn beispielsweise Städte, Versicherungen oder Parkplatzbetreiber.

Markus Heyn im Gespräch mit DIGITALE WELT-Redakteurin Gabriella Bassu an der LMU München. Foto: Sebastian Feld
Markus Heyn im Gespräch mit DIGITALE WELT-Redakteurin Gabriella Bassu an der LMU München. Foto: Sebastian Feld

Ein Auto ohne intelligente Vernetzung könnte schon bald ein No-Go sein. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Kunden in Zukunft Autos kaufen werden, die nicht vernetzt sind“, sagt Heyn. Gerade Infotainment, weiß er aus Erfahrung, sei ein extrem wichtiges Verkaufsargument unter Autokäufern. Und sollte das Auto irgendwann tatsächlich selbstständig unterwegs sein, hat der Fahrer sehr viel Zeit sich Filmen, der Kommunikation in sozialen Netzwerken sowie alltäglichen Erledigungen zu widmen. Gewonnene Zeit sei der eigentliche Mehrwert des autonomen Fahrens, meint Heyn. Und bares Geld für Anbieter ergänzender Technologien oder Geschäftsmodelle. 2016 hat Bosch in dem Bereich Fahrerassistenz und dem automatisierten Fahren bereits einen Umsatz von rund einer Milliarde Euro erzielt. Vor allem der Verkauf von Sensoren, Radaren und Videokameras hätte für die guten Ergebnisse gesorgt. Das komplett autonom fahrende Auto ist heute noch Zukunftsmusik. Dass daraus bald gelebte Praxis wird, liegt nur im Interesse Boschs. Denn wenn es dann soweit ist, werden sich für Bosch weitere Erlösquellen auftun. Und bis dahin investieren die Schwaben weiterhin in die Entwicklung. Vielleicht auch ein bisschen getreu dem Motto „lieber Geld verlieren als Vertrauen“.

Gabriella Bassu

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Dr. Michael Kerkloh, CEO Flughafen München, im Interview: „Der Flughafen München – Erster werden und Erster bleiben
Dr. Ingo Burmester, CEO Robinson Club, in: „Digitalisierung in den Robinson Clubs
Prof. Dr. Robert Blackburn, CIO BASF, in „Warenstrom hoch Datenfluss
Hier weitere Themen des aktuellen Hefts…

 

Über Markus Heyn:

Dr. Markus Heyn ist seit April 2015 Geschäftsführer der Robert Bosch GmbH. Er studierte und promovierte in der Fachrichtung Maschinenbau und Betriebsorganisation an der RWTH Aachen. Bei Bosch arbeitet er seit 1999, zunächst als Referent in der Zentralstelle. 2001 wechselte er als Abteilungsleiter ins Werk Feuerbach, 2003 wurde er Hauptreferent des Fertigungsleiters des Bereichs Diesel Systems. 2004 wechselte er als Technischer Werksleiter nach Tschechien ins Werk Jihlava. 2007 wurde er Leiter des Produktbereichs Pkw im Bereich Diesel Systems. 2009 wurde er Mitglied und 2012 Vorsitzender des Bereichsvorstands Diesel Systems. Er ist verheiratet und vierfacher Vater.

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