Erster werden und Erster bleiben – Der Flughafen München

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IN DER NACHT vom 16. auf den 17. Mai 1992 zog der Flughafen München von Riem ins Erdinger Moos um. Dies war der bisher größte Umzug in der Geschichte der europäischen Luftfahrt. Foto: Flughafen München

Der Flughafen München hat jährlich bis zu 41 Millionen Passagiere. Er ist der erste „Five-Star-Airport“ Europas und wurde 2016 zum 9. Mal mit dem Titel „Best Airport Europe“ gekürt. Zudem geht es ihm wirtschaftlich hervorragend – 2015 erzielte er einen Rekordgewinn von 135 Millionen Euro nach Steuern. Ein Gespräch mit Michael Kerkloh, dem Chef des Münchner Flughafens.

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Sind Sie stolz, Chef eines solchen Unternehmens zu sein?

Michael Kerkloh lacht. – Naja klar bin ich stolz! Es ist großartig hier zu arbeiten. Wir haben 35.000 Arbeitsplätze und 550 Unternehmen am Standort. Wir sind ein Uhrwerk, eine Riesenmaschine, wo ein Zahnrädchen ins andere greift. Wir sind eine kleine Stadt. Hier kann keiner alleine Erfolg haben. Wenn wir tolle Bewertungen bekommen, ist das ein Beweis für die gute Zusammenarbeit aller Firmen und Menschen am Flughafen.

Europa hat viele großartige Verkehrsflughäfen, man denke an Zürich, Amsterdam und Kopenhagen. „Best Airport Europe“ ist da keine leichte Angelegenheit? 

Auf Platz 1 zu kommen, das geht ja schon irgendwie. Auf Platz 1 zu bleiben – das weiß jeder, der Fußball spielt – ist deutlich schwieriger. Das bezieht sich auf viele, viele Aspekte. Nicht nur auf die Kernfunktion einer Verkehrsanlage.

AIRPORT-CHEF MICHAEL KERKLOH greift gerne in die Tasten und spielt Stücke von den Beatles, Johann Sebastian Bach und Coldplay. Foto: Flughafen München
AIRPORT-CHEF MICHAEL KERKLOH greift gerne in die Tasten und spielt Stücke von den Beatles, Johann Sebastian Bach und Coldplay. Foto: Flughafen München

Der Flughafen war gerade 10 Jahre alt, als Sie 2002 als Geschäftsführer kamen. Eine gute Ausgangssituation?

Wir sind ein Unternehmen, das seine Investitionen selber bezahlen kann. In die Lage mussten wir aber erst mal kommen. Deswegen Terminal-Neubauten und Drehkreuz-Entwicklung. Das war nicht unbedingt a gmahde Wiesn, wie es in Bayern heißt. Da mussten wir  sehr intensiv für arbeiten. n. Aber mit dem Erfolg kommt Erfolg dazu. Nichts ist erfolgreicher als der Erfolg.

Wie entwickelt sich der Erfolg weiter? 

Wir haben einen noch recht neuen Flughafen, woraus wir auch was machen. Wenn Sie Flughäfen vergleichen – und Stimmungen an Flughäfen – dann ist München ein Airport der einem etwas Positives vermittelt. Dieses Positive macht neugierig. Das muss man nutzen.

Wenn ein Startup nach neuen Geschäftsmodellen sucht, was würden Sie ihm mit auf den Weg geben?

Wir haben natürlich eines, was Startups nicht haben: Wir kennen unser Produkt. Meine Führungsphilosophie ist, dass die Leute erstmal 100% leisten. Die meisten hören schon bei 85% auf und denken, das ist super. Ich hole lieber Leute zurück, die zu weit gegangen sind, als permanent Leute anzutreiben. Das bedeutet aber, Vertrauen in die Mannschaft zu haben und Dinge zuzulassen. Und nicht gleich die Krise zu kriegen, weil sich irgendeiner was Neues ausdenkt.

Und wenn etwas schief geht?

Dann sag ich: Lieber den Krach haben und ein gutes Ergebnis, als dass hier Totenstille herrscht. Dazu gehört auch, dass Erfolge gemeinsam gefeiert werden. Trotzdem gibt es immer wieder große Vorbehalte gegenüber  Veränderungen. Das ist auch ein deutsches Mentalitätsthema.

Zu den großen Erfolgen des Flughafens München gehört, dass der Umzug von Riem ins Erdinger Moos innerhalb von einer Nacht stattgefunden hat. Oder ist das eher ein Mythos?

Das stimmt nicht ganz. Solche Prozesse dauern lange, meist mehr als 3 Jahre. In der bewussten Nacht sind lediglich die Fahrzeige und Geräte  umgezogen, die bis zuletzt in Riem gebraucht wurden.  Alles andere war schon am neuen Flughafen. Trotzdem war diese Nachtaktion spektakulär. Solche Umzüge und Inbetriebnahmen von Terminals und Flughäfen zu planen und zu koordinieren, haben wir danach weltweit zum Geschäftsfeld gemacht.

2016 haben Sie selbst ein neues Terminal für 11 Millionen Reisende eröffnet.

Super, ja. Ein deutsches Großprojekt. Es hat funktioniert, im Budget und im Zeitrahmen. Vier Jahre haben wir gebaut, fast eine Milliarde ausgegeben. Und es ist etwas richtig Schönes geworden.

Das Satelliten-Terminal ist wirklich super toll geworden …

Ja. Man kann ja im Budget- und im Zeitplan bleiben. Wenn aber das Ergebnis nur mittelmäßig ist, kann man sich nicht so richtig freuen. Bei dem Satelliten bin ich mega stolz. Das ist nicht nur ein Terminal. Um den Tower herum haben wir einen wunderbaren Marktplatz entwickelt. Das ist wirklich einmalig.

Bangkok, Barcelona, Kuala Lumpur und Athen haben Sie bei Flughafen-Umzügen um Rat gefragt. Haben die Kollegen aus Berlin mal angerufen? 

Weltweit sind wir derzeit an 20 Standorten. Wir nennen diese Kompetenz ORAT, Operational Readiness and Airport Transfer. Wir hatten ein Inbetriebnahme-Team in Berlin. Berlin wollte aber ab einem gewissen Zeitpunkt unsere Hilfe nicht mehr.

DER MARKTPLATZ im neuen Terminal ist eine Hommage an den Münchner Viktualienmarkt und dem Original in der Innenstadt nachempfunden. Foto: Flughafen München
DER MARKTPLATZ im neuen Terminal ist eine Hommage an den Münchner Viktualienmarkt und dem Original in der Innenstadt nachempfunden. Foto: Flughafen München

Bei Ihnen lief die Eröffnung des neuen Terminals reibungslos. Was sind die größten Herausforderungen bei einem Neubau?

Die große Herausforderung ist nicht der Bau, sondern dessen Genehmigung. Wir haben Umweltstandards, Sicherheitsstandards, Flucht- und Rettungsszenarien. Mit die höchsten Standards weltweit. Prozesse mit den Aufsichtsbehörden laufen parallel zu den Bauarbeiten. Man sieht immer nur den Bau. Doch der Erfolg von Großprojekten besteht in der Genehmigungsintelligenz. Hier lagen die Probleme in Berlin.

Nach dem Bau kommt der laufende Betrieb. WLAN ist am Flughafen München kostenlos. Ist das Ehrensache?

Das ist ein Element unserer Five-Star-Philosophie. Die Überall-Verfügbarkeit von WLAN  ist Trend und Erwartungshaltung der Passagiere. Da kann man sich auch an die Spitze der Bewegung setzen.

Gehen die Infogate-Displays auch in diese Richtung? Die sind weltweit gefragt …

Ja, unser Anspruch ist innovativ zu sein. Wenn was Neues entsteht, dann möglichst bei uns in München. Mittlerweile haben wir die InfoGates auch an die südafrikanischen Flughäfen verkauft. In Kürze werden diese Systeme auch in Johannesburg und Kapstadt und allen anderen südafrikanischen Flughäfen zu finden sein.

Trotzdem sind Sie für die Zukunft nicht gerüstet?

Wir haben das Theorem der Balance of  Capacity. Wenn wir wachsen, müssen wir vorrausschauend zukünftige Engpässe erkennen. Bei einem Terminalengpass müssen wir Terminalkapazitäten schaffen,  bei einem Parkplatzengpass ein Parkhaus und wenn wir einen Slotengpass haben, brauchen wir eine weitere Startbahn.

Was sind die Schwierigkeiten beim Bau einer Startbahn?

Bei einer Startbahn spielen sehr viele Emotionen mit. Viele Menschen sehen in München einen sehr gut funktionierenden Flughafen und stellen die Frage: was für ein Problem habt ihr eigentlich? Wir glauben fest daran, dass die Nachfrage im Luftverkehr weiter wachsen wird. Das belegen auch alle Prognosen und Studien, die wir als Grundlage für unser Planfeststellungsverfahren genutzt haben. Grundsätzlich gilt die simple Faustformel, wenn das Bruttosozialprodukt um zwei Prozent steigt, steigt der Luftverkehr um vier Prozent. In Deutschland wird die Anzahl der Fluggäste von 200 Millionen auf 300 Millionen jährlich steigen.

Wenn Sie nicht bauen, kommt es zur Verkehrsverlagerung?

Sollten wir das Projekt dritte Startbahn nicht realisieren, bekommen wir einen Deckel auf das Wachstum am Flughafen München. Es wird einfach die Menge der möglichen Flugbewegungen begrenzt. Wenn das Fass voll ist, finden keine weiteren Flüge statt. Obwohl die Nachfrage da wäre. Unternehmen, die sich ansiedeln wollen, haben dann einen Grund, es nicht zu tun. Wenn ich als Unternehmen einen Standort für eine Europazentrale suche, da kommen ein halbes Dutzend Orte dafür in Frage: München, Amsterdam, London, Paris, Nizza, Barcelona, Istanbul. Die Wahl fällt dann eventuell nicht auf München.

Wo siedeln sich neue Industrien an?

An Standorten, die Mobilitätsversprechen einlösen. Weil Mobilität das A und O der Erreichbarkeit ist. Dazu gehört auch eine optimale analoge Erreichbarkeit. Also es ist dann eben nicht digital, sondern es geht um simple Old-School-Lösungen. Es geht um analoge Infrastruktur. Wenn wir diese Infrastruktur nicht schaffen, wird sie irgendwo anders entstehen. Aber nicht in Bayern und nicht in Deutschland.

Ohne dritte Startbahn vergrößern sich noch dazu die Warteschleifen in der Luft und am Boden. Die Vorstellung ist eine Katastrohe! Was tun Sie?

Wir kämpfen für die dritte Bahn! Wir bauen eine Fankurve von Unternehmen auf. Wir haben jetzt 170 Unternehmen, die sehen, dass die Standortqualität ihres eigenen Unternehmens davon abhängt. Doch wir brauchen noch viel mehr Fans, die uns unterstützen!

Claudia Linnhoff-Popien

Michael Zaddach, Michael Kerkloh und Claudia Linnhoff-Popien im Büro des Flughafen-Chefs. Foto: Barbara Giese
Michael Zaddach, Michael Kerkloh und Claudia Linnhoff-Popien im Büro des Flughafen-Chefs. Foto: Barbara Giese
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