Wie wollen wir leben?

bei

Tamara Dietl
Tamara Dietl. Foto: Privat

„Ausgerechnet du schreibst eine Kolumne in einer Zeitschrift über Digitalisierung?“, fragte meine Schwester mit ebenso erstauntem wie spöttischem Unterton. „Ausgerechnet du, der ich noch vor kurzem erklären musste, wie eine Excel-Tabelle funktioniert?!“
„Ja“, erwiderte ich ruhig und bestimmt. „Ja, ausgerechnet ich!“
Ich erklärte ihr, dass ich nicht trotz, sondern gerade wegen meines unterdurchschnittlich ausgeprägten Interesses für alles Technische die Kolumnen-Anfrage von „Digitale Welt“ geradezu mit Begeisterung zugesagt hatte. Denn was noch vor kurzem aussah wie nur die Entwicklung einer neuen Kommunikationstechnologie, hat uns mit schwindelerregender Höchstgeschwindigkeit ins World Wide Web katapultiert. Die Digitalisierung ist längst aus ihrer Technik-Nische entschwunden und hat alle Bereiche des Lebens und unseres Alltags durchdrungen. Ja, das Internet ist zur Infrastruktur unserer Existenz geworden. Damit hat die Komplexität unseres Lebens in eine neue Dimension erreicht.

„Wirtschaft und Gesellschaft“, sagt der Managementvordenker Professor Fredmund Malik, „gehen global durch die bisher fundamentalste Umwandlung der Geschichte. Wir erleben die Verdrängung der Alten Welt, wie wir sie bisher kannten, durch eine neue Welt, die noch weitgehend unbekannt ist. Es wird sich fast alles ändern: Was wir tun, wie wir es tun und warum wir es tun. Letztendlich wird sich ändern, wer wir sind.“ Malik bezeichnet diesen Wandel als die „Große Transformation 21“, und der Trendforscher Professor Peter Wippermann sieht darin den „Übertritt von der Industriewirtschaft in die Netzwerkökonomie“. Solche fundamentalen Veränderungen sind historisch in regelmäßigen Abständen immer wieder vorgekommen. So auch beispielsweise beim Übergang von der Agrargesellschaft in die Industriekultur. Und immer waren neue Technologien die Treiber solch radikaler Umwälzungen, wie wir sie gerade erleben.

Wie wollen wir leben in dieser neuen Welt des 21. Jahrhunderts, in der wir kleine Geräte in Hosentaschenformat mit uns herumtragen, die uns überall und zu jeder Zeit mit der ganzen Welt verbinden? Was bedeutet es für unser Leben, wenn sich in diesen winzigen Wunderwerken der Zugang in ein fast grenzenloses Sammelsurium von Wissen, Dienstleistungen und Gegenständen auftut, das sich wie von Geisterhand öffnet, wenn wir es nur zart genug mit dem Finger berühren. Wie wollen wir leben, wenn das „Internet der Dinge“ Realität wird und die zukünftigen digitalen Endgeräte dann nicht mehr Smartphone und Tablet heißen werden, sondern Auto und Waschmaschine?!

Diese Entwicklung des gigantisch-grenzenlosen Netzes kann uns das Leben enorm erleichtern. Sie kann es uns aber auch bis an die Grenzen der Erschöpfung schwer machen. Und zwar dann, wenn sie anfängt uns zu beherrschen, und wir die Fähigkeit zur Selbstbeherrschung verlieren.
Wenn wir uns in den Strudel dieser rasanten Entwicklung reißen lassen, ohne sie immer und immer wieder auf einer ethischen und zivilen Grundlage zu reflektieren – dann kann es uns passieren, dass wir in diesem Strudel untergehen. Wir laufen aber auch dann Gefahr, darin unterzugehen, wenn wir uns mit aller Gewalt und störrischem Kulturpessimismus gegen diese Entwicklung stemmen; obwohl wir sie schon lange nicht mehr aufhalten können, weil wir Komplexität niemals beherrschen werden.

Wie wollen wir leben? Dieser Frage werde ich nun regelmäßig an dieser Stelle nachgehen. Und zwar ganz bewusst als jemand, der sich in erster Linie nicht für die digitale Technologie interessiert, liebe Schwester – wohl aber für ihre fundamentalen Auswirkungen auf unser Leben.

Tamara Dietl

Vorheriger ArtikelQuantified Self – Kann Technologie uns helfen, uns zu entspannen?
Nächster ArtikelYouTube startet Gaming-Plattform, Google erforscht die Gaming-Viewer